Was wirklich passiert: Recht verzagte Erstaufführung am Theater Gera

Gera  Deutsche Erstaufführung für Mihaela Michailovs Stück „Der Religionslehrer“ in der Geraer Bühne am Park gelingt recht verzagt

Szene aus „Der Religionslehrer“ mit Thomas C. Zinke als Direktor und Rebecca Halm als Mara (vorn), Ines Buchmann als Mutter und Nolundi Tschudi als Anca (rechts oben).

Szene aus „Der Religionslehrer“ mit Thomas C. Zinke als Direktor und Rebecca Halm als Mara (vorn), Ines Buchmann als Mutter und Nolundi Tschudi als Anca (rechts oben).

Foto: Ronny Ristok

Zu Beginn greift Johannes Emmrich in die Klampfe und singt mit rauchiger Bryan-Adams-Stimme. Er wird das in den kommenden 70 Minuten immer wieder tun und so dem Publikum die Möglichkeit eröffnen zu überlegen, was passiert hier wirklich? Was wird uns hier aufgetischt? Die Geschichte vom geilen Mann, der seine Schülerin begrapscht? Die Geschichte vom unverstandenen Mädchen, das mit dem Vorwurf sexueller Belästigung die berufliche, psychische und physische Existenz seines Lehrers zerstört? Oder ist eine langatmige Exkursion in die philosophischen Untiefen des Begriffs Wahrheit zu erleben, zu der man ein Publikum nur unter dem Vorwand locken kann, man wolle Grenzen zwischen sexueller Belästigung und haltlosen Beschuldigungen ausloten?

Mihaela Michailov schrieb den „Religionslehrer“ im Auftrag des Theaters Craiova. 2014 gastierten die Rumänen damit zur Biennale in Wiesbaden. Das war drei Jahre bevor unter #MeToo Millionen Frauen weltweit begannen, das Ausmaß erlittener sexueller Belästigungen und sexueller Übergriffe öffentlich zu machen. Am Samstag erlebte Michailovs schmales Werk nun, inszeniert von Matthias Thieme, in der Geraer Bühne am Park seine deutschsprachige Erstaufführung. Was damals einen Nerv getroffen haben mag, wirkt heute verzagt und aus der Zeit gefallen.

Der Regisseur arbeitet mit fünf exzellent agierenden Schauspielern, Videoprojektion und einer Bühne (Heike Mondschein), die vis-à-vis zu den Zuschauern einen Hörsaal mit beweglichen Stühlen baut. Hier geht es um Konfrontation, ist die Botschaft.

Da Heike Mondschein die Akteure, bis auf den Lehrer, in Pastelltöne von rosa bis Milchschokolade kleidet, scheinen sie unschuldig, egal ob sie als Schüler, Eltern oder Medienvertreter, egal ob sie trotzig, nachdenklich oder aggressiv agieren. Doch sind sie wirklich ohne Schuld?

Was passiert? Lehrer und Klasse diskutieren auf ambitioniertem Niveau über Wahrheit und Lüge. Er meint, wahr ist, was alle für wahr halten, Mara (Rebecca Halm) findet das falsch und tickt aus. Beim Versuch, sie zu beruhigen, kommt es zur Knieberührung. Dann zwingt Mara ihre Klassenkameradin Anca (Nolundi Tschudi), den Lehrer beim Direktor anzuzeigen. Später wird noch eine Geschichte vom zu Unrecht des Diebstahls beschuldigten Schüler eingeflochten. Die Klasse reagiert verdruckst, der Direktor (Thomas C. Zinke) stellt auf der Suche nach der Wahrheit immer wieder die selben Fragen und erhält die selben Antworten. Maras Mutter (Ines Buchmann), ganz erboste Rächerin, ist keinen Argumenten mehr zugänglich und die Medien wollen mit der Sensation geile Quote machen. Was alle für wahr halten, muss nicht die Wahrheit sein, triumphiert Mara am Ende.

Also alles nur eine miese Retourkutsche? Oder gab es da früher nicht doch etwas, als Mara klein war und nur ihren Kuschelbären als Vertrauten hatte?

Nächste Vorstellung: Sonnabend, 28. September, 19.30 Uhr, Bühne am Park Gera

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