Statistik

2019 mehr Gestorbene als Geborene in Jena

Jena.  Auf Friedhofsflächen- und Schulnetzplanung hat die Überzahl von Sterbefällen gegenüber Geburten in Jena noch keine Auswirkungen.

Ein neue Grabanlage auf dem Jenaer Nordfriedhof.

Ein neue Grabanlage auf dem Jenaer Nordfriedhof.

Foto: Thomas Beier / TLZ

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Die Entwicklung der Stadt Jena verläuft beileibe nicht auf allen Ebenen so glänzend glatt, wie es bundesweit verbreitete Rankings immer wieder suggerieren. Es gibt Dellen und Beulen. Nach langer Zeit wird am Jahresende zum Beispiel die Sterberate wieder die Geburtenrate übersteigen, so heißt es im Quartalsbericht der Stadtverwaltung, der am Mittwoch dem Stadtrat vorliegt. Der so genannte „natürliche Saldo“ sei somit erstmals seit 2006 wieder negativ.

15 verschiedene Grabarten

Die davon in ihren Ressorts besonders tangierten Fachleute der Stadtverwaltung bleiben recht gelassen. „Wir arbeiten mit der Prognose, dass die Zahl der Sterbefälle bis zum Jahr 2030 zunimmt. Das wissen wir seit fünf Jahren“, sagt Bertram Flößner, der Leiter der städtischen Friedhöfe. Die Mehrung der Sterbefälle in diesem Jahr sei voraussichtlich „nicht so gewaltig“. 2018, 2017, 2016 und 2015 lagen die Zahlen nach Flößners Angaben bei 1069, 1064, 957 und 1074. Indessen stellt der Quartalsbericht eine Geburtenzahl von weniger als 1000 für das Jahr 2019 in Aussicht – nach 1131 im Vorjahr.

Die Angehörigen der Verstorbenen wählten heutzutage fast immer die kleinsten Urnen-Gräber. Und etwa die Möglichkeit der Beerdigung bei den alten Bäumen auf der Fläche An der Eule sei gut nachgefragt. Mittlerweile böten die städtischen Friedhöfe 15 verschiedene Grabarten, berichtet Flößner. „Wir müssen darauf reagieren, was besonders gefragt ist. Im Gegenzug werden heute die ganz normalen Urnengräber nur noch höchst selten genommen. Da kriegen wir die Flächen gar nicht voll.“ Zudem soll die Sterbefall-Quote nach der Steigerung um 20 Prozent bis 2030 dann wieder abfallen, so hat sich Bertram Flößner von den Statistikern vorrechnen lassen. „Wir haben also keinen Anlass, über neue Flächen nachzudenken.“

Zwei Abc-Schützen-Klassen mehr oder weniger

Jenas Schulverwaltungs-Chef René Ehrenberg kommentiert den Sterbe-Geburten-Saldo humorvoll: „Ich schaue da nur mit Tunnelblick drauf.“ Heißt: aus seinem Expertenblickwinkel. Demnach hat sich René Ehrenberg zwischen drei Szenarien in seiner Planung zu bewegen, dem besten, dem schlimmsten und dem real anzunehmenden Fall – best, worst und real case, wie man heute sagt. Real ist dabei aktuell die Zahl von „etwas über 1000 Schulanfängern“; als „best“ gilt eine Annahme von zwei Schulanfängerklassen mehr in der Stadt als geplant und als „worst“ von zweien weniger, so beschreibt es René Ehrenberg. Dazu gehört die Prognose, dass noch bis 2022 die Zahl der Erstklässler in Jena zunimmt und dann bis 2035 sinkt, wie der Schulverwaltungs-Chef berichtet. Eingerechnet seien aber auch Kinder aus zugezogenen Familien. Insofern stehe und falle der Saldo mit der Schaffung von Wohnraum. „Wir könnten also bestenfalls durch mehr Wohnungen auch mehr Schulanfänger als geplant haben.“

Wachstum hat sich erschöpft

Stadtkämmerer Martin Berger schätzt ein, dass der negative „natürliche Saldo“ den Erwartungen und Bevölkerungsprognosen entspreche. „Das haben wir vor zehn Jahren schon gesehen“. Natürlich würden sich die Entwicklungen bei Wohnungsmarkt und Bevölkerung einander beeinflussen, „wenn auch nicht total linear“. Da stehe ein Sektor der unbefriedigten Nachfrage und gegen einen Sektor, „wo es Probleme gibt“. Insofern sei das in Jena verankerte Wohnmarkt-Monitoring ein gutes Instrument, das den Wohn-Anbietern helfe, „das richtige Marktsegment anzusprechen“. Bemerkenswert ist es aus Martin Bergers Sicht auch, wie die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs weiter gestiegen ist: nicht zuletzt wegen des Rückgangs der Arbeitslosigkeit („Menschen, die schon da sind“) und bei gestiegener Zahl der Einpendler. Insofern mehre sich die Wirtschaftskraft auch, ohne dass die Bevölkerungszahl groß zulegt. Martin Berger sieht für Jena ein „Sättigungslevel“ erreicht; das Wachstum der letzten 15 Jahre habe sich erschöpft. Und so sei in den nächsten Jahren mit einer „näherungsweise konstanten“ Entwicklung mit „Ausschlägen um diese Linie“ zu rechnen. Folglich seien aber auch die „Reaktionsschemata des Wachstums nicht mehr die richtigen“.

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