Besondere Nagelprobe: Selbstversuch im Thüringer Landeskriminalamt

Gera.  Wie Experten des Thüringer Landeskriminalamtes untersuchen, ob ein Fingernagel beim Mord an einer Rentnerin in Jena-Winzerla abgerissen oder abgeschnitten ist.

Fingernägel standen im Fokus bei einem Gutachten des Thüringer Landeskriminalamtes.

Fingernägel standen im Fokus bei einem Gutachten des Thüringer Landeskriminalamtes.

Foto: imago stock&people

Die Gutachter im Thüringer Landeskriminalamt (TLKA) sehen sich mitunter mit ungewöhnlichen Aufträgen konfrontiert. So auch im Mordfall an einer Rentnerin in Jena-Winzerla, deren Leiche im Januar in einen Koffer gequetscht in ihrem eigenen Keller gefunden wurde. Angeklagt ist ein afghanischer Flüchtling, der gegenüber ihrer Wohnung lebte.

Unter der Achsel der Leiche fand eine Abteilungsleiterin der Rechtsmedizin Jena einen Fingernagelteil des Angeklagten. Jener war so rund wie beim Schneiden der Fingernägel. Wollte jemand die Spur auf den Angeklagten lenken? Oder ist der Fingernagel beim Zerren der Leiche in den Koffer abgebrochen? Der Vorsitzende Richter Uwe Tonndorf wollte deshalb, dass ein Gutachter den Fingernagel unter die Lupe nimmt.

Untersuchung war erstmals notwendig

Der Auftrag ging an einen Experten für forensische Physik, der im Landeskriminalamt in Erfurt arbeitet. „Das mussten wir zum ersten Mal untersuchen“, sagt der Sachverständige, der sein Gutachten am Freitag vorgestellt hat. Zunächst brauchte er Vergleichsmaterial, um typische Riss- oder Schnittkanten zu untersuchen. „Ich habe unter meinen Kollegen nach Freiwilligen gesucht und nett gefragt“, sagt der Gutachter. Eine Freiwillige riss sich den oberen Fingernagel ab, zwei andere schnitten mit einer Schere und einem Knipser.

Allerdings war ein Vergleich noch immer nicht möglich, da die Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Jena den vorliegenden Nagel molekularbiologisch untersucht hatte. Deshalb habe er auch die von Kollegen gewonnenen Proben entsprechend behandelt und anschließend unterm Mikroskop inspiziert. Dabei habe er deutliche Unterschiede zwischen den geschnittenen und dem gerissenen Fingernagel entdeckt.

Kante des Nagels deutet eher auf Abreißen

Anschließend verglich er die einzelnen Objekte mit dem Beweisstück, das in einem schlechten Zustand gewesen sei. Er habe eine unregelmäßige Risskante gesehen, aber deutlich schwächer ausgeprägt als beim zum Vergleich abgerissenen Fingernagel. Im Ergebnis liege eher ein Abreißen oder Abbrechen als ein Abschneiden vor, was er jedoch nicht zweifelsfrei ausschließen könne. Zumal es auch Risskanten am Ende der Fingernägel gebe, wenn diese abgeschnitten seien.

Zum exakten Nachstellen brauche es Fingernägel des Spurenverursachers, weil Fingernägel unterschiedlich hart sind, sagt der Experte. Verteidigerin Stefanie Biewald kündigt eine Erklärung zu dem Gutachten an.

Befangenheitsantrag gegen Strafkammer abgelehnt

Unterdessen ist die Verteidigung mit ihrem Befangenheitsantrag gegen die erste Strafkammer des Landgerichtes Gera abgeblitzt. Andere Richter sahen keine Befangenheit darin, dass die Kammer unter Vorsitz von Uwe Tonndorf eine von der Rechtsanwältin geforderte Auszeit, um neue Prozessakten zu sichten, nicht gewährt hatte.

Der nächste Verhandlungstag findet am 27. November statt.

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