Umbruch: Bibliothek verlässt nach 117 Jahren das Jenaer Volkshaus

Jena  Ernst-Abbe-Bibliothek verlässt nach 117 Jahren das Volkshaus. Maja Petersdorff ist seit 60 Jahren Nutzerin

Angela Schubert (links), Öffentlichkeitsarbeiterin der Ernst-Abbe-Bücherei, mit einem historischen Bild der Lesehalle

Angela Schubert (links), Öffentlichkeitsarbeiterin der Ernst-Abbe-Bücherei, mit einem historischen Bild der Lesehalle

Foto: Thomas Stridde

Zur Chronik langwierigen Abschiednehmens gehört es, dass die Wehmut meist zum Schluss hin steigt. Dann aber mächtig gewaltig.

Maja Petersdorff, 66, ergeht es in diesen Tagen so ähnlich. „Das ist die Konstante in meinem Leben“, so sagt die Diplom-Biologin über die Ernst-Abbe-Bücherei – die am Sonnabend letztmals in ihrem seit 117 Jahren angestammten Volkshaus-Sitz öffnet und vom 19. August an die alte Uni-Augenklinik als Zwischenquartier belegt, bis der Bibliotheksneubau am Engelplatz im Jahr 2023 bezugsfertig ist.

Seit 60 Jahren sei sie Nutzerin der EAB , berichtet Maja Petersdorff, weil sie dank des Vaters Förderung schon vor der Einschulung lesen konnte. Sie erinnere sich noch an die einstige Lesehalle in der ersten Etage, wo das Prinzip der Theken-Ausleihe galt. „Das hatte so eine Atmosphäre des Ehrwürdigen“, sagt Maja Petersdorff. Wöchentlich einmal habe sie die Bücherei aufgesucht. „Damals durfte man nur einmal maximal drei Bücher mitnehmen; ich habe nach ­Dicke ausgesucht. Sonst wäre ich viel öfter dagewesen.“ Weil sie mit den für kleinere Kinder rot markierten Büchern bald durch war, „wollte ich die Blauen haben“ – die Bücher für Schüler ab Klasse 5. Bei ihr, der Stammnutzerin, sei dann manch Bibliothekarsauge zugedrückt worden. Ihre Verbundenheit mit dem Hause ging so weit, dass sie später als Schülerin die Ferien über in der EAB jobbte: das hieß, Bücher zu reparieren mit Kleister und Leinwandstreifen.

Aber auch in den Jahren, da sie vier Kinder großzog, habe sie immer gelesen. „Und jetzt kann ich ja unbegrenzt Bücher mitnehmen.“ Deshalb suche sie etwa zehnmal im Jahr die EAB auf und nutze zudem die Außenstelle Lobeda, „die einen klein bisschen anderen Bestand hat“.

Ja, sie sei Krimi-Leserin. – Auch! „Das gehört dazu.“ Überdies bevorzuge sie Bücher, „die auf irgendeine Weise gekonnt geschrieben sind“. Ihr Eindruck sei, dass das in der DDR auf fast jedes schöngeistige Buch zutraf. Heute sei „selbst in den Bestsellerlisten Müll dabei“, sagt Maja Petersdorff.

Bücher selbst erwerben? In dieser Frage gelange sie „im Alter zum Jugendverhalten zurück“, sagt Maja Petersdorff. „Ich kaufe ein Buch, das ich kenne und besitzen will. Unbesehen kaufen, das ist die Ausnahme.“

Maja Petersdorff schaut optimistisch in die Zukunft des Buches. „Das ursprüngliche Medium ist das Geschichtenerzählen. Das wird auch weiter funktionieren“, sagt sie und fügt dann doch noch einen wehmütigen Gedanken bei: In der Ernst-Abbe-Bücherei habe doch immer auch schöne Architektur ihre Wirkung entfaltet. Eher nebenbei habe man stets diesen „wunderschönen Jugendstil“ aufgesogen.

Und wie läuft der Abschied des EAB-Teams von diesem „wunderschönen Jugendstil“? EAB-Öffentlichkeitsarbeiterin Angela Schubert lächelt milde. „Bei uns sieht‘s verheerend aus“, sagt sie inmitten von Umzugskarton-Bergen. Gerade werde das Magazin leergeräumt – der einstige Rückraum der Lesesaaltheke. Das Magazin werde eingelagert, erst gar nicht in der Augenklinik untergebracht und wie die Artothek erst 2023 im Neubau wieder nutzbar gemacht. Nächste Woche müssten zuerst die Technik und die Büros in der Augenklinik untergebracht sein. Denn bis zum Start am 19. August „können wir ja nicht nichts machen“.

Das Schöne an solchen Tagen des Auf- und Umbruchs: Angela Schubert, die seit 1985 zum EAB-Team gehört, stößt beim Räumen auf Fundstücke, die schmunzeln lassen. Beispiel aus der Ära der Musik- und Hörspiel-Kassetten – dazu kam Angela Schubert dieser Aufkleber unter: „Bitte Kassette zurückspulen. Bei Nichtbeachtung 1 DM Gebühr.“ Bei DVD-Filmen habe es mitunter hübsche Verwechslungen gegeben, weil die leeren Hüllen erst an der Theke mit den Silberscheiben gefüllt wurden. Einmal, so erinnert sich Angela Schubert, sei mit der „Blechtrommel“-Hülle „Dornröschen“ herausgegeben worden. Grimm statt Grass, das kann aber nicht so schlimm gewesen sein.

Mehr schwelgen in Erinnerungen können Freunde der EAB am Freitag, 19. Juli, von 19.30 bis 22 Uhr beim Treffen unter dem Motto „Sag zum Abschied leise Servus“. Letztmals im Volkshaus geöffnet ist die EAB am Sonnabend darauf, 10 bis 13 Uhr. Im Zwischendomizil der alten Uni-Augenklinik am Carl-Zeiss-Platz 10 eröffnet die EAB am Montag, 19. August. Die Eröffnungsfeier findet statt am Sonnabend, 24. August, zwischen 10 und 18 Uhr.

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