Blendende Kinderzähne, aber Kitaplätze fehlen im Saale-Holzland

Saale-Holzland  Feine Zähne, fehlende Kita-Plätze: Der neue Sozialstrukturatlas verheißt nur teilweise eine positive Entwicklung

Landrat Andreas Heller (in Blau) hatte jüngst 25 Jahre Saaleradweg gefeiert. Um den Landkreis weiter voranzubringen, muss in manchen Bereichen

Landrat Andreas Heller (in Blau) hatte jüngst 25 Jahre Saaleradweg gefeiert. Um den Landkreis weiter voranzubringen, muss in manchen Bereichen

Foto: Angelika Schimmel

Eine positive soziale Entwicklung liest der Landrat des Saale-Holzland-Kreises aus dem 2. Thüringer Sozialstrukturatlas, der jetzt als Entwurf von Thüringens Sozialministerin Heike Werner (Linke) vorgestellt wurde. Aber ist wirklich alles so super im Kreis? Wir haben uns einzelne Punkte angesehen.

Eine „hohe Kinderbetreuungsquote“ von 93 Prozent bei den Drei- bis Sechsjährigen teilt das Landratsamt als positiven Punkt mit. Diese ist tatsächlich im Vergleich zu westdeutschen Bundesländern hoch, im Thüringer Vergleich allerdings ist der Kreis das Schlusslicht. Von 2014 auf 2017 ist die Betreuungsquote der Drei- bis Sechsjährigen um vier Prozentpunkte zurückgegangen. Die Autoren des Sozialstrukturatlas vermuten, dass der Saale-Holzland-Kreis – wie Gera, Suhl und der Kyffhäuserkreis – die Infrastruktur für die Betreuung der zunehmend neu geborenen Kinder noch nicht schnell genug ausbauen konnte. So arbeiten viele Tagesstätten seit Monaten mit Ausnahmeregelungen, um den Platzbedarf halbwegs abzusichern.

Ist einmal ein Betreuungsplatz gefunden, kann der Kreis die Ganztagsbetreuung der Drei- bis Sechsjährigen indes zu 96 Prozent abdecken und liegt damit im oberen Drittel in Thüringen.

Ein positiver Faktor: Im Kreis verließen 2017 – neben Jena – thüringenweit die meisten Jugendlichen die Schule mit einem Abschluss. 17 Prozent der Schüler erreichten dabei höchstens einen Hauptschulabschluss. Jena glückte es dagegen, dass nur wenige Schüler niedrige Bildungsabschlüsse bekamen (12 Prozent) – trotz der mittleren Kinderarmut, die von den Studienautoren als Faktor für geringe Bildungschancen abgeleitet wird.

Durchschnittlich wenige Personen erhalten im thüringenweiten Vergleich staatliche Leistungen, um ihr Existenzminimum zu sichern (2017: gut 6 Prozent). Auch Kinder sind im Saale-Holzland statistisch weniger von Armut bedroht. Neun Prozent der unter 15-Jährigen bekommen Leistungen für die Grundsicherung, das sind fünf Prozentpunkte weniger als im Thüringer Schnitt. Die Arbeitslosenquote ist weiterhin niedrig und aktuell mit 4,1 Prozent im Saale-Holzland-Kreis vermerkt.

Familien aus Jena finden im Saale-Holzland-Kreis eine neue Bleibe, was angesichts des angespannten Wohnungsmarktes in der kreisfreien Stadt nicht verwunderlich ist. Größere Wohnflächen und die Möglichkeit eines Hausbesitzes sei ein sogenannter Pull-Faktor, schreiben die Autoren. Dadurch verliert Jena konstant Familien ans Umland. Dieser Zuzug begünstigt auch die Zahl der Frauen im Saale-Holzland-Kreis, hat doch Thüringen insgesamt einen hohen „Überhang an Männern in den mittleren Altersgruppen“, da verstärkt Frauen nach der Wende abwanderten. Somit sei das Geschlechterverhältnis „weniger unausgeglichenen“ innerhalb der Gruppe der 18- bis unter 40-Jährigen.

Nachdem die Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenberg geschlossen wurde, war der Landkreis kaum noch Ziel für Zuwanderer, Ende 2018 lag der Anteil nach Angaben des statistischen Landesamtes bei 3,2 Prozent.

Ein Großteil der zugezogenen Ausländer stammt aus Osteuropa (gut 40 Prozent), während deren Anteil in Jena nur bei knapp sechs Prozent liegt und dort vor allem Personen aus Afrika und dem Nahen Osten überwiegen. Gerade weil wenige Personen aus diesen Herkunftsländern im Saale-Holzland wohnen, ist offenbar der Anteil von Ausländern, die Leistungen aus dem Sozialgesetzbuch II beanspruchen, gering im SHK. Zehn Prozent waren es im Jahr 2017, während beispielsweise in Gera 53 Prozent der Ausländer soziale Leistungen wie Hartz IV erhalten.

Die im Kreis zugezogenen Migranten seien vermutlich an den deutschen Arbeitsmarkt angepasst oder haben sich teilweise auf freie Stellen beworben, während Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten noch mit fehlenden Sprachkenntnissen hadern, erklären die Sozialstrukturatlas-Autoren.

Durch den geringen Ausländeranteil lernen in den Schulen des Saale-Holzlandes auch nur vergleichsweise wenige Schüler, die zu Hause kein Deutsch sprechen (3,5 Prozent).

Vor Herausforderungen steht der Landkreis in zwei Bereichen. Einerseits fehlt es schlicht an Auszubildenden. Auf 100 Bewerber kamen im Jahr 2017 im Landkreis 193 Stellen. Die sogenannte Ausbildungsplatzrelation ist seit 2010 dramatisch angestiegen. Einen Grund dafür sehen die Studienautoren in der gestiegenen Anzahl der gemeldeten Stellen im Saale-Holzland von 88 auf 582 in sieben Jahren, während es weniger junge Menschen gab, die sich bewarben.

Immer mehr Senioren werden bis 2030 zudem pflegebedürftig, im Kreis liegt der zu erwartende Anstieg gar fünf Prozent höher als thüringenweit, wo mit 20 Prozent pflegebedürftiger Senioren pro 1000 Einwohner gerechnet wird. An Pflegekräften mangelt es indes.

Trotz diverser Herausforderungen können die Kinder im Saale-Holzland-Kreis ihr strahlendes Lächeln zeigen: Nur jeder Fünfte hat bis ins Alter von sechs Jahren ein behandlungsbedürftiges Gebiss, damit ist der Kreis einer der Spitzenreiter. Nur in Jena glänzen die Beißerchen der Kinder noch mehr in der Statistik.

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