Buch über den Meisterchronist Jenas erschienen

Jena  Das Werk der beiden Jenenser Joachim Hendel und Christian Falud befasst sich mit dem Historiker und Uni-Professor Herbert Koch und dessem Wirken für die Saalestadt.

Historiker Joachim Hendel am Grabe der Kochs auf dem Nordfriedhof. Hendel ist einer der Autoren von „Geschichte der Romanistik an der Universität Jena“.

Historiker Joachim Hendel am Grabe der Kochs auf dem Nordfriedhof. Hendel ist einer der Autoren von „Geschichte der Romanistik an der Universität Jena“.

Foto: I. Voigt

Wer sich mit Jenaer Stadtgeschichte beschäftigen möchte, kommt in der Regel an einer Person nur schwerlich vorbei: an Herbert Koch, der wie kein Zweiter die Forschung zu unterschiedlichsten Themen unserer Stadt in 75 Jahren Autorenschaft vorangebracht und geprägt hat.

Die beiden Jenenser Historiker Joachim Hendel und Christian Faludi haben nun eine eher unbekannte Seite Kochs betrachtet. Ihr kürzlich im Franz-Steiner-Verlag unter dem etwas verwirrenden Titel „Die ,Geschichte der Romanistik an der Universität Jena‘ von Herbert Koch“ erschienenes Buch, beschäftigt sich nicht nur mit dem Romanisten Herbert Koch, sondern beinhaltet auf den zweiten Blick weitaus mehr.

Zentrales Thema des Buches ist ein bisher unveröffentlichtes Manuskript Kochs aus dem Jahr 1955, in dem er nicht weniger als 360 Jahre Romanistikgeschichte als Teil der Historie der Uni Jena zusammenfasst. Der von den Historikern Hendel und Faludi behutsam und quellennah edierte Text beschäftigt sich von den Anfängen im Jahr 1595, als Caspar Schloher als erster Romanist (Professor für Italienisch) an die Saale berufen wurde, bis in die Gegenwart im Jahr 1955.

Herbert Koch gelingt es, die wechselvolle Geschichte dieser Sprachgruppe an der hiesigen Hochschule lesbar und spannend wiederzugeben. An geschichtlichen Zäsuren, wie dem Dreißigjährigen Krieg, dem Jahr 1806, aber auch den beiden Weltkriegen zu Beginn des 20. Jahrhunderts macht Koch deutlich, dass Sprache gerade in solchen Zeiten eine wichtige Rolle spielen konnte.

Schwierige Zeiten unter den Nationalsozialisten

Auffällig ist, dass der Romanist immer wieder auch Anknüpfungspunkte seiner eigenen Biografie durchblicken lässt. Dies darf nicht verwundern, da Herbert Koch selbst in den 1920ern, Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre an der Universität Jena als Portugiesischlehrer arbeitete. Fachleute und Interessierte werden in Kochs Darstellung daher sicher das eine oder andere Neue entdecken.

Ergänzt wird die Edition durch eine ganze Reihe weiterer, wichtiger Informationen. Joachim Hendel eröffnet zunächst mit einer Biografie über Herbert Koch. Es gelingt ihm dabei, das facettenreiche Leben des Romanisten lebendig darzustellen. So wuchs der am 3. Mai 1886 in Jena geborene Koch in den gut situierten Verhältnissen einer Bankiersfamilie auf und besuchte das Gymnasium Carolo-Alexandrinum am Steiger. Es folgte ein umfangreiches Studium der Geschichte, Kunstgeschichte, Latein und Germanistik in München, Leipzig, Berlin und Jena. Anschließend wurde ihm 1913 das Angebot gemacht, nach Argentinien überzusiedeln und in Buenos Aires als Lehrer zu arbeiten. Bis 1922 lebten die Kochs, inzwischen hatte Herbert geheiratet und drei Söhne bekommen, in Südamerika und kehrten dann an die Saale zurück. Als Studienrat verdiente er dann ab 1923 den Lebensunterhalt der Familie, kurz darauf folgte eine Anstellung an der Universität als Portugiesischlektor.

Unter den Nationalsozialisten eckte Koch nach 1933 vor allem deshalb an, weil seine Frau Jüdin war, aber auch wegen seiner liberalen Ansichten. Es folgten Repressionen und berufliche Ausgrenzung, wobei Joachim Hendel auch betont, dass sich Herbert Kochs Annäherungsversuche an das NS-Regime im Wesentlichen auf Schutzbehauptungen beriefen, obwohl er Mitglied im NS-Lehrerbund und „Förderndes Mitglied der SS“ war, ohne je Beiträge gezahlt zu haben.

Reichhaltiger Fundus zur Stadtgeschichte

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges arbeitete Koch wieder als Lehrer, wurde aber bald als „Bürgerlicher“ wiederum diffamiert. 1950 folgte seine Pensionierung. Dennoch blieb Herbert Koch ein umtriebiger Mensch. 1956 habilitierte er sich und verfasste weitere zahlreiche Abhandlungen zur Jenaer Stadtgeschichte. 1963 folgte die Übersiedlung in die BRD. Jena blieb dennoch Kochs eigentliche Heimat, die er nie ganz vergaß, was etwa seine im „Exil“ erschienene Stadtgeschichte von 1966 beweist. Am 18. November 1982 starb der hochbetagte Mann in Wedel. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Jenaer Nordfriedhof.

Abgerundet wird das Buch „Geschichte der Romanistik an der Universität Jena“ schließlich durch Porträts von Jenaer Romanistikprofessoren in der Zeit zwischen 1661 und 1968, die Christian Faludi vorstellt. Nicht zuletzt bereichern die beiden Historiker im letzten Teil ihres Werkes die Forschung damit, dass sie erstmals den Versuch unternommen haben, alle von Herbert Koch verfassten Schriften zusammenzufassen. Es wird zwar darauf hingewiesen, dass ein Anspruch auf Vollständigkeit nicht gewährleistet werden kann, dennoch ist die Liste beeindruckend lang und bietet einen reichhaltigen Fundus zu zahlreichen stadtgeschichtlichen Themen. Wenngleich der Fokus des Buches auf der Geschichte der Romanistik in Jena liegt, bietet das Werk darüber hinaus doch einen überraschenden Mehrwert.

Die „Geschichte der Romanistik an der Universität Jena“ von Herbert Koch ist im Franz-Steiner-Verlag Stuttgart erschienen und kostet 48 Euro bei etwa 250 Seiten. ISBN: 978-3-515-12359-4

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