Der erste Atheist der Neuzeit trat in Jena in Erscheinung

Jena  Wie Matthias Knutzen vor 345 Jahren ganz Jena und die Region in Aufruhr brachte.

Stadtansicht Jenas aus dem Jahr 1674. Damals verteilte Knutzen die Flugblätter in der Jenaer Stadtkirche. Bild: Stadtmuseum

Stadtansicht Jenas aus dem Jahr 1674. Damals verteilte Knutzen die Flugblätter in der Jenaer Stadtkirche. Bild: Stadtmuseum

Wir schreiben das Jahr 1674, genauer gesagt Sonnabend, den 5. September. Gegen Abend begibt sich ein bis dato in Jena unbekannter Mann in die Stadtkirche. Unbehelligt legt er in der vordersten Reihe des Kirchengestühls heimlich Flugblätter aus, die er zuvor selbst geschrieben hatte. Anschließend verlässt er das Gotteshaus wieder und ward zunächst in der Stadt nicht mehr gesehen. Was er allerdings hinterlassen hat, war gesellschaftlicher Sprengstoff. Schon bald wurden die Blätter gefunden und das Entsetzen war groß.

In den in deutscher und lateinischer Sprache verfassten Schreiben behauptete der Verfasser: „Es gibt weder Gott noch Teufel“, weder „Obrigkeit noch Priester müsse man achten“. Stattdessen solle man vielmehr anstelle der Obrigkeit und des Klerus „das Wissen und die Vernunft mit dem Gewissen verknüpfen“, da dieses einen lehre „ehrlich zu leben, niemanden zu beleidigen und jedem das Seine zu achten“.

Verfasser: „Hans Friedrich von Vernunft“

Auch spricht sich der Verfasser gegen die traditionelle Ehe aus, wenn er schreibt „es sey zwischen dem Ehestand und der Hurerey kein Unterschied“. Außerdem gäbe es nur „dieses eine Leben“, das jeder Mensch seit seiner Geburt besitzt. Nach dem Tod kämen also weder ein ewiges Leben für die Frommen, noch ewige Qualen für die Gottlosen. Dieser, für das später 17. Jahrhundert ungewöhnlich deutliche und scharfe Atheismus wurde schnell zum Stadtgespräch. Auch aus dem Grund, weil der Hofprediger Magister Johannes Schlemm in seiner Kutsche und der Verleger Johann Ludwig Neuenhahn in seinem Hausflur gleichlautende Schriften fanden. Letzterer erhielt zudem einen Brief mit unmissverständlichem Inhalt, in dem Stand: Allein in Jena gäbe es 700 Menschen, „theils Bürger, theils Studiosi“, die der „Lehre“, auf den Flugblättern „zugethan seyn“. Neuenhahn solle deshalb die Flugblätter in seiner Zeitschrift „Avisen“ abdrucken, anderenfalls würde man ihn mittels einer „Wind-Büchse auff offentlicher Strasse schlaffen legen“. Unterschrieben war der Brief mit „Hans Friedrich von Vernunfft.“ Es war also eine unverhohlene Drohung, den Verleger auf offener Straße zu erschießen, wenn er nicht das Flugblatt drucken würde.

Knutzen entging dem Scheiterhaufen

Bald schon war man auch weit über die Grenzen Jenas über die ketzerischen Flugschriften informiert. Der Ruf von Stadt und Universität schien in Gefahr. Also ordnete Herzog Bernhard von Sachsen-Jena umgehend eine Untersuchung des Falls an, auch weil angeblich 700 Personen in der Stadt jene Ansichten vertreten würden. Damit beauftragt wurde der Theologieprofessor Johannes Musaeus. Noch im selben Jahr präsentierte er das Ergebnis in einer Rechtfertigungsschrift.

Hierzu befragte er unter anderem den Verleger Neuenhahn. Dieser sagte, dass am 4. September 1674 ein Mann zu ihm gekommen sei, der ihn fragte, wer in der Stadt die Zeitungen verlege. Danach verschwand der Unbekannte wieder. Neuenhahn beschrieb ihn anschließend als „klein“ und von „hagerer Statur, schwarzbraun im Gesichte und schwarzbraunes Haar“. Gekleidet sei er in „braunem Tuch“ gewesen, „nach der Arth, wie die aus Preussen ankommenden Studiosi pflegen gekleidet zu seyn“.

Professor Masaeus forschte weiter und fand heraus, dass der Mann im Gasthof „Gelber Engel“ vor dem Löbdertor untergekommen war. Auch seinen Namen gab der Unbekannte in einer seiner Schriften preis, die mit „Matthias Cnuzen“ unterschrieben war. Diesen Ketzer und „Satans-Apostel“, wie ihn Musaeus nannte, galt es nun zu finden. In der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg hätte dieses Verhalten für Matthias Knutzen den sicheren Tod auf dem Scheiterhaufen bedeutet, wenn man ihm habhaft geworden wäre. Doch er blieb untergetaucht.

Heute ist ein wenig mehr über den damals Gesuchten bekannt. Geboren wurde er 1646 in Olderswort, im heutigen Schleswig-Holstein. Damals gehörte die Stadt noch zu Dänemark. Sein Vater war Organist in der örtlichen Kirche. Nach dem Besuch des Gymnasiums schrieb sich Knutzen 1664 an der Universität in Königsberg ein, um dort evangelische Theologie zu studieren. Vier Jahre später ging er nach Kopenhagen. Ob er sein Studium beenden konnte ist unbekannt. Anschließend arbeitete der Mann als Hauslehrer in Kurland, bis er 1673 vollkommen mittellos in die Heimat zurückkehrte.

Dort arbeitete er als Dorfschullehrer und Hilfsprediger, wurde aber schon bald wieder entlassen, da er in seinen Predigten gegen den Klerus wetterte. Warum er dann ausgerechnet im Herbst 1674 nach Jena kam ist unklar. In seinen Flugblättern behauptete er, es gäbe eine in Europa weitverbreitete Gemeinschaft die sich „Gewissener“ nennen würde und deren Sprecher er sei. Allein in Jena würden 700 Menschen dieser Sekte angehören. Beides war eine Lüge, wie Johannes Musaeus aufzeigte und entsprang wohl der Phantasie Knutzens.

Nicht zuletzt konnte er dennoch sein Ziel erreichen, nämlich seine Schriften einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Da es im damaligen Europa bisher aber niemand gewagt hatte öffentlich die Existenz eines Gottes zu leugnen, wurden die Flugblätter natürlich auch in den Universitäten und unter Gelehrten besprochen. Dabei half unter anderem auch die Rechtfertigungsschrift von Johannes Musaeus, der in seiner zweiten Auflage von 1675 alle drei Flugblätter von Knutzen im Anhang des Buches veröffentlichte, natürlich zur Abschreckung, wie er sagte! Musaeus war sich seiner Argumentation so sicher, dass er darin keine Gefahr sah.

Matthias Knuzten gilt heute nicht nur als Religionskritiker, sondern auch als erster Atheist der Neuzeit. Seine Spur verliert sich aber kurz nach der Flugblattaktion in der Stadtkirche zu Jena. Im September 1674 sah man ihn noch in Coburg und Altdorf, dann kehrte er am 22. Oktober 1674 nach Jena zurück und wurde daraufhin nicht mehr gesehen. Es bleibt daher Spekulation, wann und wo er starb.

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