Der gefährdete Frontmann: Jenas Stadtjugendpfarrer Lothar König geht in den Ruhestand

Jena  Fürs Kaffeeumrühren liegt kein Löffel auf dem Tisch im Hinterhof der Jungen Gemeinde (JG) in der Johannisstraße. Eine offene Tabakpackung, bissel loses Geld, Papierkram, ein Tablet-PC, aber kein Löffel. Stadtjugendpfarrer Lothar König ist gestresst, nimmt sich einen Faserschreiberstift, dreht ihn um und rührt damit den türkisch gebrühten Kaffee.

Lothar König, Stadtjugendpfarrer, in der JG Stadtmitte.

Lothar König, Stadtjugendpfarrer, in der JG Stadtmitte.

Foto: Thomas Stridde

Fürs Kaffeeumrühren liegt kein Löffel auf dem Tisch im Hinterhof der Jungen Gemeinde (JG) in der Johannisstraße. Eine offene Tabakpackung, bissel loses Geld, Papierkram, ein Tablet-PC, aber kein Löffel. Stadtjugendpfarrer Lothar König ist gestresst, nimmt sich einen Faserschreiberstift, dreht ihn um und rührt damit den türkisch gebrühten Kaffee.

Er gibt jungen Leuten Anweisungen, rückt Geld fürs Tanken und den Baumarkt raus. Bauleiter König telefoniert, kommandiert mit der chronischen Selbstgedrehten zwischen Zeige- und Mittelfinder; er macht und tut. Im Vorderhaus zur Johannisstraße hin werden Räume inklusive Pfarrerdienstwohnung saniert; es bohrt, es hämmert; die Flex klingt wie Zahnarzt. Was für eine Ouvertüre des morgigen Abschiedsgottesdienstes in St. Michael zu Ehren des Stadtjugendpfarrers! – Für ihn, der mit seiner unkonventionellen Art in 30 Jahren als Stadtjugendpfarrer die Stadt gespalten hat.

Abschiedsmodus? Auf den habe er sich beim Jahreswechsel 2017/2018 mit Superintendent Sebastian Neuß quasi geeinigt gehabt, sagt der 65-Jährige. Dann gab es Ende Januar 2018 die große Aufregung: die jungen Migranten, die in der Goethe-Galerie beim Uhrenklauen erwischt wurden und Riesenangst nicht etwa vor der Polizei, sondern vor ihren Eltern hätten erkennen lassen, sagt König. Eine Woche später gleichen Orts der „bisschen repressive“ Einsatz der Polizei, bei dem auch 30, 40 deutsche Jugendliche ins Schlaglicht gerieten. Rasch sei dann diese Gruppe auf über 100 Leute angewachsen und täglich in der JG angelandet. Da sei Alkohol mitgebracht, da seien Drogenprobleme sichtbar geworden. „Die haben uns fertig gemacht. Da war es mit meinem Abschiedsmodus vorbei.“ – Zumal sein „fittester Mitarbeiter“, der Sozialarbeiter Oliver Preuß, gerade aufgehört hatte und das legendäre kleine Kulturfestival „Werkstatt“ zu organisieren war. Jetzt ist Königs Dienstende in aller Form auf dem 30. September gelegt worden.

Die 30 Jahre JG unter seiner Leitung und gestützt von dreieinhalb Sozialarbeiter-Stellen seien „doch einigermaßen gut gelaufen“, sagt Lothar König. Er habe die JG immer verstanden als Ort „für die an den Rand Gedrängten und für ganz normale Menschen“; für die, „die sich nicht untergeordnet haben“; für junge Leute, die in Bands spielen oder „sich um Öko-Zeug kümmern wollen“. Nur Propaganda für Nazis sei ausgeschlossen gewesen. Ja, bis 1993 hätten sogar junge Nazis zu den Besuchern gehört. „Aber das mussten wir abbrechen. Die Übergriffe draußen auf der Straße waren so stark, dass das nicht zu halten war.“ König sagt auch: „Die Überpolitisierung war nicht immer gut für Jugendliche. Das Leben ist breiter.“ Er erinnert sich an ein Jahr mit sechs Demos – dem habe man später einen Fasching entgegengesetzt. Oder in einem anderen Jahr ein „Zwanzigerjahre-Veranstaltung“.

Mit spielerischen Mitteln ein bisschen pieksen

Dann doch wieder die Politik: Bei den vielen Demos sei es ein „Glücksfall“ gewesen, etwa mit Leuten wie dem damaligen Polizeidirektor Frank Schnaubert oder Inspektions-Chef René Treunert kooperieren zu können. Selbst bei „härteren Demos“ sei da ein Vertrauensverhältnis möglich gewesen. Noch mehr Politik: Einmal habe eine ganze Gruppe von zehn Jugendlichen bekundet, mit dem Datum 8. Mai, dem Tag der Befreiung, nichts anfangen zu können. Darauf sei ein Treffen in der JG mit Vertriebenen wie auch mit ehemaligen KZ-Häftlingen organisiert worden. Lothar König ist heute noch beeindruckt vom Beeindrucktsein der jungen Leute. „Eijj, was da ablief.“

Klar, Lothar König versucht, das Jungsein zu erklären. Er habe die Strategie unterstützt, „mit spielerischen Mitteln ein bisschen zu pieksen“, weil es Jugendlichen darum gehe, wahrgenommen zu werden. Deshalb also zum Beispiel 2005 die Schrottskulptur oder die Holzskulpturen auf der Johannisstraße mit dem Ziel, „es den Leuten schwierig zu machen". Und ja, da habe es eines „Frontmanns“ bedurft, der „dafür steht“, obwohl dieses „Immer nur König, König, König“ gefährlich gewesen sei.

Ein schwerwiegendes Kapitel in Königs Biografie bleibt der Strafprozess, den ihm die Dresdner Staatsanwaltschaft 2011 gemacht hatte und der 2014 eingestellt wurde. Alles bezog sich auf die Dresdner Demo im Februar 2011, an der König und JG-Leute wie in Vorjahren auch teilgenommen hatten, um beim Gedenken an Dresdens Zerstörung von 1945 gegen die geschichtsrevisionistische Propaganda von Neonazis aufzubegehren. Alle staatsanwaltlichen Vorwürfe vom Gewaltaufruf gegen Polizisten bis zum Verbergen Straftätiger erwiesen sich als falsch oder haltlos. Das eigentlich Gefährliche an dem Prozess war die Gefahr, „dass das Vertrauen in die Gerichtsbarkeit verloren geht“, sagt König. „Wenn das passiert, dann gnade uns Gott!“ Es sei bis heute unglaublich, wie etwa „ganze Ordner mit entlastendem Material nicht mehr da waren“. Ebenso unglaublich war aber, dass er bundesweit unterstützt wurde und dank der Spenden seine 80.000 Euro Prozesskosten bezahlen konnte. 2013 erhielt König den 12. „Jenaer Preis für Zivilcourage“.

„Echt nicht!“, sagt König ganz fest auf die Frage, ob er im Ruhestand in der JG auftaucht und den Senior-Chef gibt. Schon beim Einzug der Computer habe er vor 20 Jahren gesagt: „Teufelszeug. Ich will das nicht mehr mitmachen.“ Jetzt gelte: „Hier muss Neues her: ich bin hier ein Klotz, der behindert.“ Und ja, des schwarzen Lochs, das ihm als Rentner droht, ist er sich bewusst. „Ich werde richtig tief abstürzen. Davon gehe ich aus.“

Für seine morgige Predigt (14 Uhr, Stadtkirche) hat König über Christa Wolfs „Kassandra“ nachgedacht. Das passt: König war es, der früh vorm Jenaer „Nationalsozialistischen Untergrund“ NSU gewarnt hatte. Und nicht erhört wurde.

Zu den Kommentaren