Der Kämpfer für die Republik: Erinnerung an einen Jenaer Studenten

Jena.  Stumme Zeugen (52): Der Student Ferdinand Lange warb 1848 vehement für die Republik als zukünftige Staatsform – er wurde wegen Hochverrats verhaftet.

Gedenktafel an der Mauer des Jenaer Johannisfriedhofs für den Jenaer Studenten Ferdinand Lange.

Gedenktafel an der Mauer des Jenaer Johannisfriedhofs für den Jenaer Studenten Ferdinand Lange.

Foto: Immanuel Voigt

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Vor allem Studenten, die vom Campus am Ernst-Abbe-Platz über den Heinrichsberg in Richtung der Philo-Mensa laufen, werden den stummen Zeugen, um den es heute geht, sicher schon einmal gesehen haben. Irgendwie passt es ja auch zusammen, denn auf der Tafel, die an der Mauer des Johannisfriedhofes, nicht weit vom unteren Eingang hängt, geht es auch um einen Studenten aus Jena.

Bei näherer Betrachtung findet sich darauf folgende Inschrift: „Dem studentischen Demokraten / Und Märtyrer / Der Revolution von 1848/49 / Ferdinand Lange / Er starb am 7. Januar 1849 / An den Folgen der Kerkerhaft / Friedrich-Schiller-Universität / Jena 1974“. Links daneben ist das Konterfei Langes zu sehen. Rechts und links der Tafel sind in der Friedhofsmauer zudem noch die Kranzhalter zu erkennen.

Sein Ziel war die Gleichheit aller Studenten

Ohne weitere Erklärung verrät dieser stumme Zeuge auch heute seine eigentliche Geschichte nicht. Wer war also der hier zu Ehren gekommene Ferdinand Lange? Geburtsdatum und Ort sind bis heute nicht ermittelt worden, wenngleich ältere Publikationen behaupten, Ferdinand Lange sei in Jena zur Welt gekommen. In den Kirchenbüchern findet sich dafür jedenfalls kein Beleg. Fest steht lediglich, dass er 1822 als Sohn des Jenaer Theologieprofessors Johann Lobegott Ferdinand Lange geboren wurde.

Sein Vater weilte seit 1818 in der Saalestadt und erhielt nach seinem Studium und der Promotion eine ordentliche Professur an der Theologischen Fakultät. Zum Sommersemester 1844 schrieb sich Ferdinand Lange an der hiesigen „Alma Mater“ ein, um wie sein Vater Theologie zu studieren. Zugleich trat er der Burschenschaft „Arminia auf dem Burgkeller“ bei und beteiligte sich aktiv am studentischen Leben.

An der in den 1840er Jahren aufkommenden studentischen „Progreßbewegung“ beteiligte sich Lange zudem führend. Die „Progreßstudenten“ zielten mit ihrer Reform auf die Abschaffung aller standesrechtlichen Besonderheiten, die die Studentenschaft trennte, wie etwa die akademische Gerichtsbarkeit, die Pflicht zum Duell und der Mensur oder das Tragen einer speziellen Tracht oder Farbe. Das Ziel sollte die Gleichheit aller Studenten sein.

Die Revolution wirft ihre Schatten voraus

Bereits im Zuge der französischen Juli-Revolution von 1830 kam es auch in Deutschland zu kollektiver Gewalt und Tumulten. Die Menschen protestierten unter anderem, weil Missernten eine drastische Lebensmittelverteuerung nach sich zogen. Auch zwei Jahre vor der Revolution von 1848/49 kam es erneut zu einer ähnlichen Lage, die Folgen waren wiederum Proteste. Darüber hinaus versuchten die Bauern und Landarbeiter die Abschaffung der Abgaben- und Frohnverpflichtungen durchzusetzen.

Zugleich erhielt die deutsche Nationalbewegung neuen Zulauf. Das „Hambacher Fest“ von 1832 ist ein deutlicher Ausdruck dessen. Es ging also auch darum welche Staatsform Deutschland zukünftig besitzen sollte. In Frankfurt am Main fand sich daher die „Nationalversammlung“ zusammen, um darüber zu beratschlagen. Die politische Landschaft ist damals grobgesehen in drei Lager unterteilt: Republikaner, Liberale und Konservative. Ferdinand Lange fand sich im ersten wieder und vertrat deren Ansichten auch konsequent vor Ort in Jena.

Dies äußerte sich zum Beispiel darin, dass Lange im Mai 1848 zu den Mitbegründern des „Demokratischen Vereins“ gehörte und später auch im „Kreis-Ausschuss Thüringer Demokraten“ mitwirkte. Während des Sommers 1848 verschärfte sich vielerorts der Ton, es kam zu zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen der Obrigkeit und der Bevölkerung, teils auch gewaltsam.

Ferdinand Lange agierte in dieser Zeit als Redner auf Volksversammlungen und war so an unterschiedlichen Orten im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach vor Ort präsent. Er warb vehement für die Republik als zukünftige Staatsform, forderte aber auch die Volksbewaffnung. Dadurch gerieten er und andere Demokraten aus seinem Umfeld ins Visier der staatlichen Behörden. Anfang Oktober wurde Lange wegen Hochverrats steckbrieflich gesucht.

Steckbrieflich wegen Hochverrat gesucht

Der in Gotha erscheinende „Allgemeine Anzeiger“ druckte in seiner Ausgabe vom 10. Oktober 1848 sämtliche Steckbriefe der gesuchten Männer, darunter auch Langes. Darin heißt es, dass Lange vermutlich 25 oder 26 Jahre alt sei, in Jena studiere, eine „kleine, gedrungene Statur“ habe, „blondes, schlichtes Haar“ und einen „schwachen Schnurbart“ besitze und zudem eine „ungesunde Gesichtsfarbe“ aufweise. Wohl schon einen Tag zuvor war man Ferdinand Lange aber in Sulza habhaft geworden.

Anschließend wurde er zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Leben endete in Jena am 7. Januar 1849 tragisch, als er an den Folgeerscheinungen der Haft verstarb. Die genauen Todesumstände sind nicht bekannt. 1975 setzte die Uni Jena ihm die Gedenktafel am heutigen Ort, die in diesem Jahr nun immerhin schon 45 Jahre dort hängt. Wahrscheinlich wurde die Tafel schon 1974 gegossen, sodass sich diese Jahreszahl drauf befindet.

Im Dornröschenschlaf der Geschichte

Bei einem Gang durch Jena fällt einem hier und da ein stummer Zeuge auf, einstmals aufgestellt, um an eine Persönlichkeit oder ein Ereignis zu erinnern. Gedenken und Nichtvergessen sind zutiefst menschliche Bedürfnisse, auch wenn das Setzen von Denkmalen aus der Mode gekommen ist. Im Alltag finden diese Zeitzeugen nur selten Beachtung. Häufig ist den Menschen nicht mehr die Bedeutung hinter jenen Denkmalen bekannt. Doch ein genauer Blick lohnt, meist ergeben sich spannende Begebenheiten und weitere Hintergründe, die vom Staub der Geschichte befreit und aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden wollen. In einer Serie sollen einige dieser Zeitzeugenwiederentdeckt werden. Dabei ist der Begriff des Denkmals nicht nur im klassischen Sinn zu verstehen, sondern auch als Gedenkort, Naturdenkmal oder Gegenstand, der an etwas erinnert. Welche stummen Zeugen kennen Sie? Senden Sie Ihre Ideen an uns: jena@otz.de

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