Eichplatz-Serie: Mühlstein im Pflaster, Wasserkanäle im Keller

Jena.  50 Jahre Abschied vom alten Eichplatz (24): Gerhard Schmidt erinnert an die frühere Jüdenmühle.

Blick auf die frühere Jüdenmühle an der Westseite vom Eichplatz. Die Aufnahme entstand Anfang der 1960er Jahre.

Blick auf die frühere Jüdenmühle an der Westseite vom Eichplatz. Die Aufnahme entstand Anfang der 1960er Jahre.

Foto: Gerhard Schmidt

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Einige Leser hatten schon besorgt nachgefragt, ob die Eichplatz-Serie der Corona-Krise zum Opfer gefallen sei. Das können wir verneinen. Aber es gab in den vergangenen Tagen eben doch viele aktuelle Nachrichten, die Vorrang hatten.

Um so schöner, dass sich auch ein Leser aus dem fernen Delmenhorst bei Bremen zu unserer Serie gemeldet hat. Der gebürtige Jenenser Gerhard Schmidt, der bis 1957 in Jena lebte, verfolgt die Serie aufmerksam im Internet. Und er hat auch eine interessante Geschichte beizusteuern. Denn er ist in einem Haus aufgewachsen, dessen Historie man ihm von außen kaum angesehen hat. Es befand sich auf der Westseite des Eichplatzes zwischen dem Haus mit dem Schreibwarenladen Kästner und dem Eckhaus zur Johannisstraße.

„Vor dem großen Brand von 1806 führte eine Gasse von der Gaststätte ,Zur Rose’ hinunter zur Leutrastraße. Wahrscheinlich wurde sie Jüdengasse genannt und gab damit einer Mühle ihren Namen, die sich auf halber Höhe befand. Es war ein Wohnhaus mit Läden. Ursprünglich aber ist in diesem Haus die Jüdenmühle gewesen.“

Sein Onkel Reinhold Sevinei war der Besitzer und führte im Erdgeschoss ein Geschäft für Bekleidung wie Oberhemden, Krawatten, Unterwäsche und Lederhandschuhe für Damen und Herren. Zwischen zwei großen Schaufenstern sei der Eingang zum Verkaufsraum gewesen. „Gebrüder Sevin“ habe in großer Schrift an der Hauswand gestanden. Ein Laden für Tabakwaren mit einem Schaufenster links der Ladentür soll sich ebenfalls im Erdgeschoss befunden haben. Später wurde hier Kfz-Zubehör angeboten. „Zwischen diesen beiden Läden befand sich eine große Toreinfahrt, groß genug, um mit einem Pferdefuhrwerk bis in den Hinterhof zu gelangen. Gleich im Hause hinter dem Tor hatte man einen Mühlstein in das Pflaster gebettet.“ So seien spätere Besucher immer an die Vergangenheit dieses Hauses erinnert worden. Eine große in den Fußboden eingelassene überfahrbare Tür habe sich hier befunden. Zwei Männer konnten sie anheben und wurden dabei von einem Gewicht mit Seilzug über eine Umlenkrolle an der Decke unterstützt. Über diese Öffnung hatte man Zugang zu den alten Wasserkanälen der Mühle.

„Ich habe sie im trockenen und gut erhaltenen Zustand mit den Verzweigungen der Wasserläufe betrachten können. Teilweise hatte man sie als Kellerraum genutzt. Leider habe ich damals noch nicht fotografiert.“

Goethe feierte hier Richtfest

Das Wasser habe die Mühle, wie Schmidt erfahren habe, „auf Zuteilung“ von der Leutra erhalten und es auch wieder in Richtung Leutrastraße zur weiteren Verwendung abgegeben. Auch der Teichgraben und die Mühle am Markt hätten davon noch Wasser bekommen. In der heutigen Bücherstube am Johannistor soll der Wassermeister die Verteilung geregelt haben.

Übrigens soll Goethe am 30. Juli 1817 zum Richtfest der Jüdenmühle in Jena gewesen sein, hat Schmidt erfahren. Die Zimmerleute hatten zehn Jahre nach dem großen Brand von 1806 nicht nur einen neuen Dachstuhl auf das Haus gesetzt und damit Anlass zum Richtfest gegeben, sondern das Haus um zwei Etagen aufgestockt. An der unverputzten linken Hauswand ist das auf dem Bild zu erkennen. Die Jüdenmühle habe ursprünglich nur ein Obergeschoss besessen, aber tragfähige Fundamente für den späten Aufbau, erzählt Schmidt.

Bei der Bombardierung im März 1945 wurden die Fenster und die Hausfront beschädigt und konnten nicht erhalten werden. Die Fassade hat man um 1950 schlicht neu verputzt.

Im Hinterhof, zugänglich über die Toreinfahrt, befanden sich mehrere schmale Lagerräume mit großen Außentüren. Offensichtlich waren es früher die Ställe der Zugtiere. Direkt am Haus soll zudem ein besonders großer Raum gewesen sein, der als Warenlager benutzt wurde. Wahrscheinlich ist das zu Müllers Zeiten die Getreide- oder Mehlkammer gewesen.

„1965 ist mein Onkel im Alter von 90 Jahren in einem Heim in Hummelshain gestorben. So blieb es ihm erspart, die Sprengung dieses Hauses zu erleben. Mehr als 60 Jahre war dieses Haus der Mittelpunkt seines Lebens. Er hat es nicht nur als Besitzer gepflegt und in schwierigen Zeiten instand gehalten, sondern stets als einen historischen Ort geachtet, der wie eine Leihgabe künftigen Generationen zu erhalten sei.“

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