FC Carl Zeiss Jena-Trainer Schmitt im Interview: „Wir haben aber keine Zeit“

Jena  Der neue Trainer spricht über erste Eindrücke und Veränderungen beim FC Carl Zeiss Jena.

Fühlt sich in sportlicher Kleidung wohl: Rico Schmitt ist seit 8. Oktober Cheftrainer des FC Carl Zeiss Jena.

Fühlt sich in sportlicher Kleidung wohl: Rico Schmitt ist seit 8. Oktober Cheftrainer des FC Carl Zeiss Jena.

Foto: Tino Zippel

Rico Schmitt steht vor seinem ersten Punktspiel mit dem FC Carl Zeiss Jena (Sonntag, 14 Uhr gegen Würzburg). Wir haben den Chef­trainer zu seinen Eindrücken vom Team und den Vorhaben befragt.

Bei Internetbestellungen hat der Kunde ein 14-tägiges Rückgaberecht. Wollen Sie das Traineramt beim FC Carl Zeiss Jena wieder abgeben?

Nein, null Rückgabeinteresse.

Wie ist Ihr Eindruck von der Mannschaft?

Ich habe eine willige, junge Mannschaft mit drei erfahrenen Spielern, die in ihrem sportlichen Leben schon einmal mehr geleistet haben, kennengelernt. Es ist eine sehr engagierte Mannschaft, die viel umsetzen möchte und mehr Zeit bräuchte. Wir haben aber keine Zeit.

Was leiten Sie daraus ab?

Das Team hat in den ersten elf Spielen bittere Erfahrungswerte generiert und nur einen Punkt geholt. Aber ich bin sehr positiv gestimmt, was ich in den Gesprächen, auf dem Trainingsplatz und in Siemerode gespürt habe: Der Wille, die Leidenschaft und die positive Energie sind da, um positive Momente zu erreichen.

Hat die Mannschaft ein Konditionsproblem?

Ich habe mir intern ein Bild über Stärken und Schwächen gemacht. Wir diskutieren all das nicht öffentlich, weil ich keinerlei Alibis zulassen möchte. Unser Fokus richtet sich nur auf das Würzburg-Spiel.

Haben Sie schon die Köpfe frei bekommen von der Niederlagenserie?

Wir sind noch dabei. Der eine oder andere junge Spieler hatte vielleicht eine andere Erwartungshaltung. Viele kennen nicht das mediale Aufkommen, was nach einer Niederlagenserie bei einem Traditionsclub wie dem FC Carl Zeiss Jena abgeht. Oder sie waren es nicht gewohnt, vor größerem Publikum zu spielen, und bekommen Versagensangst. Wie gesagt, wir spüren noch die Gründe auf.

Welche Ansatzpunkte sehen Sie für Verbesserungen?

Ich spüre einen Ruck durch die Mannschaft gehen in Sachen positiver Kommunikation. Das ist bereits auf dem Trainingsplatz zu bemerken, auch wenn wir daran noch weiter arbeiten müssen. Das eine oder andere Gegentor wäre bei besseren Absprachen nicht passiert. Zudem braucht es Glauben und Überzeugung für eigene Aktionen, um mehr Tore zu erzielen. Das nehmen wir ins Training mit, in dem ich eine willige und lernfähige Mannschaft erlebe.

Sie haben mehrfach Vereine in schwierigen Situationen übernommen. War es schon einmal so schwierig wie in Jena?

Beim VfR Aalen oder dem Halleschen FC hatte ich immer gestandenes Personal, von dem ich Leistung einfordern konnte und musste. Hier in Jena habe ich eine junge Mannschaft übernommen. Es macht den Reiz und das Spannende aus, mit jungen Menschen zu arbeiten. Die Ansprache muss eine andere sein. Der Vorteil ist, dass wir im Training einen größeren Umfang fahren können.

Wie schätzen Sie die Trainingsmöglichkeiten ein?

Die sind in der Kategorie 1A anzusiedeln. Erfolgreichere Klubs in der dritten Liga haben weitaus schlechtere Bedingungen. Das muss der Spieler für sich auch verstehen. Wir wollen zu mehr Eigeninitiative animieren, diese Top-Bedingungen auch zu nutzen.

Wollten Sie mit der Aufstellung im Pokalspiel die Mannschaft für Würzburg einspielen oder wollten Sie einigen die Chance geben, sich zu präsentieren?

Sowohl als auch. Eine gewisse Grundrichtung wollte ich vorgeben, aber auch sehen, was ich einfordern kann und wie sich die Spieler gegen eine robuste und harte Spielweise wehren: Was bieten einzelne auf welcher Position an? Wie sind unsere Alternativen, um durch gute Wechsel im Spiel nachzulegen?

Julian Günther-Schmidt war nicht im Aufgebot. Soll er sich völlig auskurieren?

Er schleppt sich seit Wochen mit mehreren Verletzungen durch. Wir haben gleich mit den Ärzten und ihm besprochen, dass wir ihn rausnehmen und auskurieren lassen. Das ist der einzig richtige Weg. Er ist viel wertvoller fürs Team, wenn er schnell wieder seine Top-Leistung abrufen kann. Das ist besser, als sich über trainingsfreie Wochen von Spiel zu Spiel zu hangeln. Zumal es anderen Spielern den Elan nimmt, wenn trotz guter Trainingsleistungen ein anderer spielt, der nicht trainiert hat.

Und Dominic Volkmer?

Vorige Woche haben wir ihn aus den Kontaktspielformen und am Wochenende beim Spiel wegen seiner Schulter herausgenommen, damit es noch besser heilt. Diese Woche ist er wieder dabei.

Sie haben Ihr Team sehr akribisch selbst auf einen Pokalgegner wie den SV Grün-Weiß Siemerode vorbereitet. Wie lang wird der Powerpoint­Vortrag dann erst vorm Würzburg-Spiel?

Mehrere Stunden (lacht). Bei der Vorbereitung gegen Siemerode ging es mir um die Sensibilisierung. Den MSV Duisburg hat es beispielsweise im Landespokal gegen ein unterklassiges Team erwischt. Generell versuchen René Klingbeil, Bernd Lindrath, Max Habereder und ich, den Spielern viele Facetten mit ins Spiel zu geben.

Bei Spielen sind Sie immer im Trainingsanzug zu beobachten. Sehen wir Sie auch gegen Würzburg so?

Ja, damit fühle ich mich wohl. Ein Anzug ist etwas für die Champions League.

Was macht Sie optimistisch, dass es gelingt, am Sonntag die Wende einzuleiten?

Mathematik. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Der Zufall hat doch kein Gedächtnis?

Nein, aber irgendwann werden sich die Ergebnisse in die andere Richtung drehen. Der Trainingseindruck macht mich optimistisch. Ich weiß, dass die Mannschaft viel Kredit verspielt hat. Aber gerade unser junges Team braucht trotzdem die Unterstützung des Publikums. Und das nicht nur zehn Minuten oder eine halbe Stunde lang, sondern über volle 90 Minuten.

Querpass Folge 5

Zur Person

Rico Schmitt ist 51 Jahre alt und stammt aus Chemnitz.

Er arbeitete als Trainer zuvor unter anderem für den VfB Chemnitz, Erzgebirge Aue, Kickers Offenbach, den Halleschen FC und den VfR Aalen.

Am 8. Oktober übernahm er den FC Carl Zeiss mit 12 Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz.

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