Verkehrslärm: Orlamünder plant Demonstration vor dem Landtag

Orlamünde  15 Jahre des Unmuts, der Empörung und unruhiger Nächte haben einen Ringordner gefüllt, den sich Helmut Schweinitz jetzt unter den Arm klemmte und ins Rathaus von Orlamünde ging. Geduldig wartete er die Bürgerfragestunde zur Stadtratssitzung ab und meldete sich zu Wort: „Ich frage mich: Sind wir Menschen zweiter Klasse?“

Helmut Schweinitz stemmt sich gegen die Lärmbelastung an der B88 in Orlamünde, die ab kommenden Jahr ausgebaut werden soll. Er will mit Bürgern vor dem Landtag in Erfurt protestieren, um eine hohe Lärmschutzwand zu erreichen.

Helmut Schweinitz stemmt sich gegen die Lärmbelastung an der B88 in Orlamünde, die ab kommenden Jahr ausgebaut werden soll. Er will mit Bürgern vor dem Landtag in Erfurt protestieren, um eine hohe Lärmschutzwand zu erreichen.

Foto: Katja Dörn

15 Jahre des Unmuts, der Empörung und unruhiger Nächte haben einen Ringordner gefüllt, den sich Helmut Schweinitz jetzt unter den Arm klemmte und ins Rathaus von Orlamünde ging. Geduldig wartete er die Bürgerfragestunde zur Stadtratssitzung ab und meldete sich zu Wort: „Ich frage mich: Sind wir Menschen zweiter Klasse?“

Sein Ärgernis liegt direkt vor der Haustür: die Bundesstraße 88. Tausende Autofahrer nutzen täglich die Strecke, die Rudolstadt und Jena verbindet. Damit sie künftig noch schneller vorankommen, wird an mehreren Stellen gebaut. Neben der Ortsumgehung für Zeutsch entsteht am Ortsausgang von Orlamünde ab 2020 eine Überholspur in Richtung Rudolstadt. Helmut Schweinitz hat prinzipiell nichts dagegen, er gibt auch einen Teil seines Grundstückes für die Straßenverbreiterung ab. Was ihn aber auf die Barrikaden bringt, ist der mangelnde Schallschutz. Denn der Verkehr und der Lärm nehmen zu, sagt er.

Er holt eine Din-A4-Blatt aus seinem Ordner, darauf eine grafische Darstellung des Problems. An einem Tag hat er mal in seinem Haus gemessen, der Autoverkehr liegt bei 65 Dezibel (dB). Doch die nebenliegende Bahnstrecke kommt noch hinzu, auf der stündlich der zunehmende Güterverkehr rollt. „Nach 22 Uhr ist die Straße ruhiger, aber wenn nachts ein Zug mit 90 dB vorbeifährt, stehen sie im Bett“, sagt er.

Und dann sind da noch die Felsen. Durch sie erhalten die Anwohner an der Rudolstädter Straße sozusagen den vollen Surroundsound des Straßenlärms, da er zu den Hausrückseiten reflektiert wird.

Er verweist zudem auf die Ortsmitte. Genau dort, wo der Orlamünder Kindergarten steht und die Kleinen im Garten toben, können Autofahrer kurzzeitig von 50 Kilometer pro Stunde auf 70 erhöhen.

Dass Lärm krank macht, weiß Helmut Schweinitz leider zu gut. „Drei Hörstürze, ein Magengeschwür“, sagt er.

Er hat schon 2004 an die Deutsche Bahn geschrieben wegen der Lärmbelästigung, vor Wahlen nahm er die Politiker beiseite, die durch die Region tingelten. „Ich habe von jedem Verkehrsminister ein Schreiben, aber eigentlich interessiert es niemanden“, sagt er.

Wütend macht es ihn, zumal er sieht, dass im Rothensteiner Ortsteil Oelknitz hohe Lärmschutzwände für die Anwohner an der Umleitungsstrecke aufgestellt wurden, auch an der Ortsumfahrung Zeutsch entsteht eine Lärmschutzwand.

Und schallisoliert Fenster? „Das macht keinen Sinn, wer will schon mit geschlossenen Fenstern schlafen“, sagt er. Zumal er auch oft im Garten ist, und der liegt direkt an der Bundesstraße.

Zum Planfeststellungsverfahren für den Ausbau der B 88 im Jahr 2010 sei den Bürgern gesagt worden, dass der Straßenlärm um 6 dB zunehme, was keineswegs minimal ist, sondern eine Verdopplung des Schalldruckpegels bedeute, betont er. Schon damals hatten Schweinitz und andere Einwohner ihrem Ärger Luft gemacht. Sie rückten zur Bürgerversammlung für das Planfeststellungsverfahren in Uhlstädt-Kirchhasel an und ließen eine CD laufen: 80 dB lauter Straßenlärm.

Schriftliche Einwände wurden damals ebenfalls eingereicht und im Landesverwaltungsamt abgewogen. Schlussendlich gab es ein Zugeständnis für die Anwohner: eine 1,15 Meter hohe Betongleitwand, bestätigt Stephan Saalfeld vom Thüringer Landesamt für Bau und Verkehr.

Das ist Helmut Schweinitz zu wenig. Er fotografierte jüngst eine solche Wand, auf die an T-Trägern Holzlatten befestigt waren und somit der Schallschutz erhöht ist. Das sei doch eine kostengünstige Variante, findet er. Einem solchen Aufbau erteilt Planer Saalfeld jedoch eine Absage. Die Betonwand sei ein Sicherungssystem, das als Produkt zugelassen ist, „da kann man nicht einfach etwas draufschrauben“, sagt er.

„Es gibt keine Grundlage für eine Änderung“, macht Saalfeld klar. Die Planungen seien vor Jahren umfangreich abgehandelt worden und über Berechnungsmodell der Lärm durch Bahn- und Straßenverkehr ermittelt worden.

Helmut Schweinitz will nicht aufgeben, nicht jetzt. Um sich Gehör zu verschaffen, plant er eine Demonstration vor dem Erfurter Landtag. „Es ist die letzte Gelegenheit vor dem Ausbau“, sagt er. Seine Nachbarn sieht er auf seiner Seite, nach seiner Wortmeldung zur Stadtratssitzung gaben ihm weitere Bürger Rückendeckung. Bürgermeister Uwe Nitsche hat sich bereit erklärt, die Demo in Erfurt anzumelden.

Mit weiteren Bürgern aus Uhlstädt-Kirchhasel und Kahla denkt Schweinitz, mehrere Busse voll zu bekommen. „Wir werden die CD mit dem Straßenlärm abspielen und zeigen, unter welchen Bedingungen wir leben müssen“, sagt er.

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