Geheimratsvilla, Mütterheim und erste Behindertenwerkstatt der DDR

Löbstedt  Über die Geschichte des Hauses Schützenhofstraße 83 in Jena-Löbstedt

Schwestern vor dem früheren Haus 4 des Städtischen Krankenhauses. Bild links: Faltblatt zum Mütterheim aus dem Jenaer Stadtarchiv. Das Bild unten zeigt eine Situation nach dem Krieg: Die Arbeitstherapie brachte Rheumakranken eine Linderung.

Schwestern vor dem früheren Haus 4 des Städtischen Krankenhauses. Bild links: Faltblatt zum Mütterheim aus dem Jenaer Stadtarchiv. Das Bild unten zeigt eine Situation nach dem Krieg: Die Arbeitstherapie brachte Rheumakranken eine Linderung.

Foto: Barbara Glasser

Was vor mehr als 100 Jahren zunächst unzulässig erschien, macht heute eine Besonderheit des Hauses Schützenhofstraße 83 aus. Etwas zurückgesetzt von der Straße ist es kaum auszumachen inmitten der Wohnblocks im Nordgebiet der Stadt. Wenn die Bäume rundherum belaubt sind, ist das stattliche Haus fast nicht zu sehen. In den Bauunterlagen kritisierte Baubesichtiger Rödiger aus Apolda in seinem Schreiben vom 3. Juli 1913, dass der geplante Neubau keine Zufahrt von fünf Metern Breite „von einer öffentlichen Straße oder einem öffentlichen Platze“ habe. Und Bürgermeister Deinhardt aus Löbstedt legte fest: „Mit den jetzt bestehenden Wegverhältnissen, die zu dem Bau führen, hat sich auch in Zukunft der Bauherr zu bescheiden, namentlich muss auf die Befestigung verzichtet werden“, steht im Bauerlaubnisschein vom 23. Juli 1913.

Bauherr des Landhauses auf dem damaligen Areal von Löbstedt war der Geheime Rat Wilhelm Hansen, ein Jurist, der aus Flensburg stammte, in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes gearbeitet hatte, später, während des Zweiten Weltkriegs, im Heeresverpflegungsamt. Er hatte den Jenaer Architekten Paul Engelhardt beauftragt.

Der Rohbau war im September 1913 fertiggestellt, die Schlussabnahme des Neubaus wurde am 22. Januar 1914 bestätigt. Entstanden war ein großzügiges Haus mit Diele und Musikzimmer, Ess- und Herrenzimmer sowie einer Terrasse im Erdgeschoss sowie drei Stuben, ein Bad, ein Mädchen-, ein Kinderzimmer und eine Toilette im Obergeschoss.

Wie lange Hansen dort gelebt hat, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Unterlagen gibt es erst wieder aus dem Jahr 1926, als ein neuerliches Bauvorhaben angemeldet wird: Umbau und Erweiterung der Villa Hansen zu einem Mütterheim. Als Bauherrin fungiert Grete Unrein, der Entwurf stammt aus dem Büro Schreiter & Schlag. Grete Unrein stand für den Frauenverein Jena, der zum Patriotischen Institut vom Deutschen Roten Kreuz gehörte und sich für bedürftige Frauen engagierte.

Als erstes hatte Grete Unrein für den Umbau 300 Reichsmark Sicherheit für die Herstellung der Zufahrtswege zu hinterlegen, die aber ein Jahr später zurückerstattet wurden. Im Erdgeschoss der Villa entstanden nun ein Tages-, ein Ess- und ein Schlafraum sowie ein Zimmer für die Oberin. Das Obergeschoss wurde umgestaltet, dort gab es nun vier Mütter- und ein Säuglingszimmer. Im Dachgeschoss fanden sieben Zimmer Platz, im Keller Küche und Waschraum. Im Juni war der Umbau fertig, wenig später wurde das Mütterheim eröffnet.

Gedacht war, pflege- und ruhebedürftigen Müttern nach der Entbindung die Ruhe und Pflege zu bieten, die sie zu Hause nicht finden können.

„Es will den Müttern, die kein Heim haben, ein Unterkommen mit ihrem Kinde gewähren, bis sie wieder kräftig genug sind, ihre Arbeit aufzunehmen. Auch werdende Mütter finden in diesem Heim Aufnahme, Ruhe und Pflege bis zur Niederkunft. Die ärztliche Überwachung der Mütter und ihrer Kinder haben die Universitätsfrauenklinik und die Kinderklinik übernommen“, heißt es in einem Faltblatt des Hauses. Die Lage wird dort so beschrieben: „Das Heim liegt fünf Minuten entfernt von der Straßenbahnhaltestelle ‚Schmiedehausen‘ an der elektrischen Bahn Jena-Zwätzen. Auf einer kleinen Anhöhe, nahe am Wald, inmitten eines großen Gartens, umgeben von Wald und Wiesen, genießt es alle Vorteile einer freien und doch geschützten Lage.“

Der Tagespreis für Mutter und Kind betrug 4,40 Mark, inbegriffen ärztliche Behandlung, Wäsche und volle Verpflegung werdende Mütter hatten zwischen 2,50 und 3,50 Mark zu zahlen. Anmelden konnte man sich bei der Oberschwester des Heims, das damals die Adresse Sachsen-eckweg 4 hatte.

Während der Nazizeit wurde in Nachbarschaft des Hauses eine Holzbaracke aufgestellt für die weibliche Jugend des Reichsarbeitsdienstes. Dafür wird im Januar 1939 eine Bauerlaubnis erteilt. Im gleichen Jahr ist auch erstmals vom Rödigenweg als Adresse die Rede. Und 1939 geht es auch noch ums „Mütterheim“ in den Unterlagen um einen Kanalanschluss.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Gebäude dem Städtischen Krankenhaus zugeordnet, dient zunächst als „Tbc-Hilfskrankenhaus“, wie es in einem Schreiben heißt, in dem es um die Kläranlage geht. Damals hatte sich ein Landwirt aus Löb-stedt beschwert, dass das Abwasser sein Kartoffelfeld überschwemme. Das Abwasser wurde dann in einen Graben „von der Stifterstraße her“ geleitet, steht in einem Schreiben des Stadtbauamtes vom Februar 1950.

Zwei Jahre später, als der Brunnen in Ordnung gebracht werden musste, war vom „Krankenhaus für chronisch Kranke“ die Rede. Und nach einer Besichtigung am 14. März 1953 wurde laut Bauunterlagen festgelegt, dass Zufahrtswege, Klärgrube, Beleuchtung, Wasser und Abwasser erneuert werden sowie Doppelfenster eingebaut werden müssten.

„Ich war 1957 das erste Mal dort und bin heulend nach Hause gekommen, weil unmögliche Zustände herrschten“, erinnert sich Anneliese Geyer (88). Die Medizinerin hat von 1956 bis 1975 im Städtischen Krankenhaus gearbeitet. Nach dem Krieg sei das Haus zunächst eine Infektionsabteilung gewesen, ab den Fünfzigerjahren ein Heim für chronisch Kranke, für Menschen mit Knochenmetastasen, Lähmungen, Rheuma, Arthrose, Schlaganfall. Als erstes habe sie sich um andere Betten gekümmert, höhere aus Metall, die die Pflege etwas leichter machten. Ja, und sie habe die Arbeitstherapie im Haus eingeführt. Das brachte nicht nur Beschäftigung, sondern speziell bei den Rheumaerkrankten auch eine Besserung.

Schmunzeln muss Anneliese Geyer bei der Erinnerung daran, dass sie selbst zwei große Äste der Rotbuche vor dem Haus abgesägt hat, um mehr Licht ins Zimmer einer rheumakranken Patientin zu bekommen. Oder als einmal eine Maus während der Visite auf der Gardinenstange saß: „Wir konnten uns eine Katze anschaffen, was alle Patienten sehr gefreut hat.“

Als an der Visite ein Mäuschen teilnahm

Aber ja, das Haus sei auch eine Art Palliativstation gewesen, in der Patienten ihre letzte Lebenszeit verbracht haben, in der sie letztlich gestorben sind.

Mitunter seien übrigens auch Familienangehörige der sowjetischen Offiziere, die inzwischen in der Nachbarschaft wohnten, zur Behandlung ins Haus gekommen. Nach der Devise „Eine Hand wäscht die andere“ seien es dann auch zwei sowjetische Militärfahrzeuge gewesen, die 1980 die Koffer der Heimbewohner ins neu erbaute Käthe-Kollwitz-Heim nach Lobeda transportierten.

Im Sommer 1980 stand das Haus leer. Eigentlich gab‘s die Idee, eine kardiologische Rehabilitationsstation einzurichten. „Aber zum Glück hat sich der Vorschlag, eine geschützte Werkstatt für behinderte Menschen einzurichten, durchgesetzt. Ich glaube, das war die erste Werkstatt dieser Art in der DDR“, sagt Anneliese Geyer. Dessen ist sich auch Ralf Kühmstedt, der ehemalige technische Leiter der geschützten Werkstatt, ziemlich sicher. „Gegen den Widerstand aus der Bezirksstadt Gera wurde in Jena entschieden: Wir richten hier eine Werkstatt für Behinderte ein“, berichtet er.

So wurde das Haus am Rödigenweg erneut umgestaltet, Arbeitsräume entstanden für geistig und körperlich behinderte Jugendliche und auch Erwachsene. Am 1. September 1982 wurde die neue Einrichtung eröffnet. „Bei uns haben die Jugendlichen beispielsweise für Jenapharm Schachteln gefaltet oder auch Watte- und Zellstofftupfer für die Kliniken“, erzählt Kühmstedt. Viele Handwerker aus Jena und der Region hätten damals geholfen. Zeiss habe Maschinen zur Verfügung gestellt. So konnte nicht nur Beschäftigung für die Behinderten organisiert werden, sondern bezahlte Beschäftigung. Das sei schon etwas Besonderes gewesen. Deshalb sei es auch immer Aufgabe der Werkstatt-Mitarbeiter gewesen, Kontakte mit Firmen aufzubauen und zu pflegen, um Arbeit ranzuschaffen, damit sich keiner nutzlos fühlte.

„Das war eine sehr bewegende Zeit für mich, das ist etwas anderes als die normale Berufsausbildung, wo ich zuvor gearbeitet habe“, so Kühmstedt. Die Beziehungen zu den behinderten Jugendlichen seien sehr intensiv gewesen. „Da konnte es auch mal passieren, dass die Arbeitsleistung rapide einbrach, weil die Bezugsperson eben im Urlaub war.“

Bis nach der Wende war die Behindertenwerkstatt in der einstigen Villa Hansen. Nachdem die neue Werkstatt der Lebenshilfe am Flutgraben neu gebaut worden war, zog die Einrichtung in den Neunzigerjahren um. Und wieder war das Haus leer. Aber wieder nur kurz.

Denn im Jahr 2001 begannen die Umbauarbeiten. Zurück zu den Anfängen, es sollte wieder gewohnt werden in dem nunmehr Schützenhofstraße 83 adressierten Haus. So entstand ein Haus mit mehreren modernen Wohnungen, das nunmehr den Nutzen davon hat, dass der alte Hansen die Villa etwas abseits der Verkehrswege bauen ließ. Es ist eine grüne Oase mitten in einem doch recht dicht bebauten Wohngebiet.

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