Herzklopfen beim Abschied der Ernst-Abbe-Bibliothek aus Jenaer Volkshaus

Jena  Ein letzter Rundgang durch die Räume, in denen 117 Jahre die Ernst-Abbe-Bücherei beheimatet war. Ab 19. August ist sie in der alten Augenklinik untergebracht.

Bettine Drose, 38 Jahre in der Bibliothek tätig, zeigt eines der Lesehefte, in denen früher die Ausleihen der Nutzer notiert wurden.

Bettine Drose, 38 Jahre in der Bibliothek tätig, zeigt eines der Lesehefte, in denen früher die Ausleihen der Nutzer notiert wurden.

Foto: Katja Dörn

Ein letztes Mal Servus sagen: Diese Chance nutzten am Freitagabend noch einmal Liebhaber der Ernst-Abbe-Bücherei, die nach 117 Jahre im Volkshaus auszieht. Es war ein melancholischer, aber auch zukunftsweisender Abend, der Mitarbeiter, frühere Kollegen und Nutzer zusammen brachte.

Sanfte Klavierklänge drangen aus der Musikbücherei, in der Kinderbibliothek schmökern Großeltern noch einmal mit ihren Enkeln. An einer Wand konnten Erinnerungen notiert werden. „Dieser Geruch in der oberen Etage ist einmalig“, schreibt eine Nutzerin, der komme nicht wieder.

Gisela Ritter-Kulinich hat an diesem Abend „Herzklopfen“, sagt sie, die 20 Jahre in der Bibliothek gearbeitet hat. „Wir hatten hier schöne Veranstaltungen wie Literatur am Samowar.“ Samowar? Kenner Russlands wissen: Das ist ein Tischgerät, um Tee zu kochen, auch in der Form in der Türkei bekannt. Russische Autoren kamen in den Jugenstil-Bau, Tschingis Aitmatow zum Beispiel.

Bettine Drose muss eingestehen: „Würde ich hier noch arbeiten, wäre der Abschied anders.“ 38 Jahre verbindet sie mit der Bücherei, Jahre, die schön waren – „wir haben immer gelacht“ – , aber auch anstrengend waren. Sie denkt da nur an diverse Umbauten. Kisten packen, schleppen, „es hat sich am Ende immer gelohnt“, sagt sie.

Irgendwann ist aber auch jeglicher Umbau begrenzt, weiß die langjährige Büchereileiterin Annette Kasper. „Ich weine dem Haus eine Träne nach, es ist aber eine kleine Träne“, sagt sie. Zu beengt seien die Verhältnisse geworden, sie ist froh, dass die Bücherei ihren Neubau am Engelplatz erhält, der 2023 beziehbar ist. Das Zwischenquartier in der alten Augenklinik ist unabwendbar durch den weiteren Ausbau des Volkshauses zum Kongresszentrum. Ab dem heutigen Montag werden die Mitarbeiter die Kisten packen.

Und dann steht plötzlich Sylvia Abbe am Tresen. Ja, richtig, Abbe. „Mein Urgroßvater und Ernst Abbe waren Cousins“, klärt sie auf.

Durch einen Wink des Schicksals ist ihre Familie, die eigentlich aus Kassel kam, wieder in Jena beheimatet. Und das hat indirekt mit dem großen Physiker zu tun. 1931, 26 Jahre nachdem Ernst Abbe gestorben war, hatte die Familie einen Stammbaum anfertigen lassen, der die überraschende Verwandtschaft nachwies. Der Kontakt nach Jena kam zustande und der damalige Generaldirektor der Firma Carl Zeiss lud die Kasseler ein und versprach Sylvia Abbes Vater, damals noch ein kleiner Bub, eine Ausbildungsstelle. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges erinnerte er sich daran und lief als 14-Jähriger allein von Kassel nach Jena, erzählt sie, er wurde Feinmechaniker und gründete seine Familie, die in Jena Wurzeln schlug.

Ist es nicht merkwürdig, überall Abbe zu lesen? „Für uns ist das selbstverständlich, wir sind damit groß geworden“, sagt die Physiklaborantin lächelnd. Als begeisterte Bibliotheksnutzerin wollten sie den letzten Abend im Haus nicht verpassen.

Schließlich schenkt als Zeichen des Wehmuts Öffentlichkeitsarbeiterin Angela Schubert den Gästen noch einen Wermut aus. „Bis August“, ruft eine Nutzerin zum Abschied.

Eröffnung in der alten Augenklinik: Montag, 19. August, Carl-Zeiss-Platz 10

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