Jena: Frauen in Not brauchen schnelle Hilfe

Jena.  Das Jenaer Netzwerk gegen häusliche Gewalt verstärkt seine Öffentlichkeitsarbeit.

Beatrice Osdrowski vom Frauenzentrum Towanda, Kathrin Hampel vom Jenaer Frauenhaus, David Reum vom "Projekt A4" und Jenas Gleichstellungsbeauftragte Kerstin Haupt (von links) werben für die neuen Plakate und Flyer des Netzwerks gegen häusliche Gewalt. 

Beatrice Osdrowski vom Frauenzentrum Towanda, Kathrin Hampel vom Jenaer Frauenhaus, David Reum vom "Projekt A4" und Jenas Gleichstellungsbeauftragte Kerstin Haupt (von links) werben für die neuen Plakate und Flyer des Netzwerks gegen häusliche Gewalt. 

Foto: Thomas Stridde

Das hatte am Mittwoch gerade noch so geklappt. An diesem „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen“ waren nur noch wenige Stunden Zeit, bis am frühen Abend die symbolische orangefarbene Anstrahlung der Stadtkirche begann.

Und dann sprach bei Kathrin Hampel vom Jenaer Frauenhaus auf den letzten Drücker doch noch der Postbote vor, um eine wichtige Sendung zu übergeben: die 400 neuen Plakate und 3000 Flyer des Jenaer Netzwerkes gegen häusliche Gewalt. Denn natürlich sollten die im besten Sinne wegweisenden Papiere auch schon für die Gäste der abendlichen Illumination verfügbar sein.

Schon beim ersten Lockdown im Frühjahr seien Flyer und Plakate verteilt worden, die auf die mittlerweile 20 Partner, Vereine und Institutionen des Netzwerks verweisen. „Zeit spielt eine große Rolle“, wenn auf Fälle von Gewalt gegen Frauen zu reagieren ist, sagte Kathrin Hampel. Und so könne seit nunmehr 16 Jahren gut koordinierte Hilfe geleistet werden. „Das war nicht gleich in den ersten ein, zwei Jahren so wie heute; das ist gewachsen und hat viel mit Vertrauen zu tun.“

Die Spanne der Netzwerker reicht von der Polizei, dem Weißen Ring, dem Projekt A4 für männliche Betroffene, dem Frauenhaus und dem Frauenzentrum Towanda bis zum Fachdienst Gesundheit, bis zur Gleichstellungsstelle und der Staatsanwaltschaft. Es gehe dabei um fachlichen Austausch und kurze Wege. Auf eine Herausforderung mit unterschiedlichen Blicken zu schauen, sei durchaus wertvoll.

Brückenbau-Funktion fehlt derzeit

Einig sind sich die Netzwerker in der Frage, wie groß die Not der von Gewalt Betroffenen gerade in Corona-Zeiten ist: „Es fehlt die niedrigschwellige Ansprache“, sagte Jenas Gleichstellungsbeauftragte Kerstin Haupt. Das heißt: Die meisten Ämter und Institutionen für diverse Beratungen haben wegen Corona keine normalen Sprechtage, sondern bestenfalls Termine auf Vereinbarung hin zu bieten. So fehle eine „Brückenbau-Funktion“, die jene Ämter und Institutionen haben, um Betroffene etwa zur Beratung des Frauenhauses oder des Frauenzentrums weiterzuleiten, so erläuterte Kathrin Hampel.

Kathrin Hampel sprach eine aktuelle bundesweite Studie an, mit der unter 3000 befragten Frauen nachgewiesen wurde, dass häusliche Gewalt klar zugenommen habe – aber nur ganz wenige Hilfsangebote dann auch in Anspruch genommen würden.

Kerstin Haupt berichtete, dass sich mit diesen Fragen in Thüringen während der vergangenen Legislatur eine Landes-Monitoringgruppe befasst habe. Leider sei diese Gruppe von der neuen Landesgleichstellungsbeauftragten noch nicht wieder aktiviert worden, sagte Kerstin Haupt, die eine der Sprecherinnen in der Landes-AG der Gleichstellungsbeauftragten ist.

Mehr Orange im nächsten Jahr

Und was Kathrin Hampel als Armutszeugnis empfindet: Thüringen sei das einzige Land, in dem es keine „verfahrensunabhängige Spurensicherung“ gibt, ein Verfahren, das zum Beispiel vergewaltigte Frauen in die Lage versetzt, den Fall erst zu einem späteren Zeitpunkt zur Anzeige zu bringen.

Für nächstes Jahr erhofft sich das Netzwerk, am „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen“ neben der Stadtkirche auch noch weitere Gebäude orange anstrahlen zu können. Für städtische Gebäude fand sich in diesem Jahr kein Zuspruch, indessen der Ortsteilrat Stadtmitte die Anstrahlung von St. Michael unterstützt hat.

Im 30 Jahre bestehenden Jenaer Frauenhaus fanden voriges Jahr 40 Frauen mit 47 Kindern Zuflucht. Im gleichen Jahr konnte 184 Frauen ambulante Beratung gegeben werden.