Zeiss-Vorstandschef: „Auf gutem Weg, wieder einen Rekord zu erreichen“

Jena  Der Vorstandschef der Carl Zeiss AG, Michael Kaschke, spricht im OTZ-Interview über Änderungen am Jenaer Neubauprojekt, Erfolge im Osten und die Wünsche an die neue Landesregierung.

Das architektonische Konzept des neuen Hightech-Standorts von Zeiss in Jena auf dem früheren Schott-Gelände ist auf zukünftige Arbeitswelten ausgerichtet. Die finalen Pläne sind noch in Arbeit.

Das architektonische Konzept des neuen Hightech-Standorts von Zeiss in Jena auf dem früheren Schott-Gelände ist auf zukünftige Arbeitswelten ausgerichtet. Die finalen Pläne sind noch in Arbeit.

Foto: Carl Zeiss AG

Seit dem Jahr 2011 steht Michael Kaschke, 1957 in Greiz geboren, der Carl Zeiss AG vor. Diese Woche kündigte er an, seinen Mitte 2020 auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern.

Macht die Arbeit als Vorstandschef keinen Spaß mehr?

Die Aufgabe als CEO macht mir nach wie vor viel Spaß. Man kann viel bewegen. Auf der anderen Seite arbeite ich bereits seit 20 Jahren im Vorstand und seit fast zehn Jahren als Vorsitzender eines sehr guten und erfolgreichen Vorstandsteams. Im nächsten Jahr werde ich 63 Jahre alt und möchte den Vertrag nicht verlängern, sondern mich anderen Dingen widmen. Es ist auch für mich ein guter Zeitpunkt für eine Staffelübergabe.

Wer wird Ihr Nachfolger?

Das ist ein Thema des Aufsichtsrates.

In den vergangenen Jahren ist Zeiss von Rekordergebnis zu Rekordergebnis gejagt. Gelingt das auch im Geschäftsjahr, das zum 30. September endet?

Den Anspruch haben wir für dieses Geschäftsjahr nach wie vor. Unser Portfolio mit unseren vier Sparten ist sehr gut. Wir treffen in allen Geschäftsfeldern auf gute Nachfrage, sind Vorreiter in der Röntgenlithografie. Selbst im Bereich Qualitätssicherung für die Industrie 4.0 läuft das Geschäft derzeit noch gut – trotz der schwächelnden Automobilindustrie. Deshalb sind wir auf einem guten Weg, wieder einen Rekord zu erreichen.

Spüren Sie keine Rezessionsanzeichen?

Wir sehen beim einen oder anderen Kunden Sorgenfalten. Aber in Summe spüren wir selbst keine Konjunkturdelle. Leichtsinnig werden wir aber natürlich nicht. Wir haben selbst in Rekordjahren immer darauf geachtet, Produktivität und Effizienz zu erhöhen. Beste Vorsorge vor einer Krise ist es, mit Kostendisziplin widerstandsfähiger zu sein. Trotz aller Rekorde widmen wir dem viel Aufmerk­samkeit.

Wie entwickeln sich die Jenaer Unternehmensbereiche?

Alle sehr gut. Die Zeiss-Sparte Medizintechnik erreicht seit Jahren kontinuierliche Wertsteigerungen. Die Mikroskopie hat die etwas schwächeren Jahre überwunden und nimmt eine sehr gute Entwicklung. Die Entscheidung, wesentliche Funktionen in Jena zu konzentrieren, war richtig. Die Produktion in Jena arbeitet mit guter Auslastung. Und durch unseren Neubau erwarten wir für alle Bereiche eine noch bessere Vernetzung mit der Wissenschaft und den Start-Ups hier vor Ort.

Angesichts der Wachstumskurve in Jena: Reichen die 2500 kalkulierten Arbeitsplätze im Neubau?

Das neue Gebäude bietet Platz für unsere Bedürfnisse und darüber hinaus. Die Arbeitswelt verändert sich, mobiles und flexibles Arbeiten in Teams wird ein größeres Thema. Mitarbeiter werden zum Teil keine festen Plätze in Großraumbüros mehr haben, sondern werden moderne und projektbezogene Arbeitsplätze beziehen. Das passiert bei uns an vielen Standorten heute schon.

Ist die Arbeit am Neubau Chefsache?

Naja, um die Details der Bau­ausführung kümmern wir uns nicht. Aber die wesentlichen Richtungsentscheidungen fallen natürlich im Vorstand.

Wann wachsen die ersten neuen Gebäude?

Die Bereinigung der Fläche, der sogenannte Rückbau, geht zügig voran. Mit dem Baustart für die ersten neuen Hochbauten rechnen wir zu Beginn des Jahres 2020.

Die Baupreise sind deutlich gestiegen. Kommen Sie mit den anvisierten gut 300 Millionen Euro aus?

Durch die Inflation bei den Baupreisen wird eine Nachkalkulation sicher nicht ausbleiben. Deshalb gilt weiterhin: Zügiges Bauen ist immer am günstigsten. Wir wollen den Bau im Jahr 2024 abschließen. Dabei wird der Umzug sukzessive erfolgen.

Haben Sie das vorgestellte Modell noch ändern müssen?

Wie bei solchen Großprojekten üblich, gab es im Detail Anpassungen. Zum Beispiel achten wir noch mehr auf eine hohe Energieeffizienz, nutzen beispielsweise Geothermie. Auch das Zeiss-Forum haben wir umgeplant.

Wie groß wird Ihr Konferenzzentrum?

Wir planen für das Zeiss-Forum mit flexiblen Kapazitäten für rund 500 Plätze, und in besonderen Fällen ist dies auch bis zu 800 Plätze erweiterbar. Die Anzahl von 500 ist ideal, um beispielsweise die Hauptversammlung der Carl Zeiss Meditec AG und wissenschaftliche Konferenzen in moderner Umgebung auszurichten. Wir werden aber in Absprache mit der Stadt Jena nur in Ausnahmefällen Kulturveranstaltungen anbieten.

Wird es einen nahtlosen Übergang vom Westbahnhof zum Zeiss-Sitz geben?

Wir wollen natürlich die Vorteile einer guten Verkehrsanbindung nutzen. Deshalb war es für uns in unserem Mobilitäts­konzept extrem wichtig, dass der Westbahnhof seinen Fernverkehrsanschluss behält. Wir planen einen sehr schönen, fußläufigen Zugang für Mitarbeiter und Gäste. Zugleich wollen wir durch das moderne Erscheinungsbild bei Durchreisenden einen bleibenden Eindruck hinterlassen – als Aushängeschild für die Stadt Jena.

Setzt Zeiss verstärkt auf die Eisenbahn?

Der gute Bahnanschluss ist zum einen wichtig für die regionale Erreichbarkeit durch unsere Mitarbeiter. Als internationales Unternehmen haben wir zum anderen viele Gäste, die eine schnelle Anbindung an den ICE-Verkehr und die großen Flughäfen schätzen.

Die Bahnfahrt hat gegenüber dem Auto den großen Vorteil, dass Arbeit während der Fahrt möglich ist. Sie ist daher nicht nur ökologischer, sondern auch ökonomischer.

In den vergangenen Wochen war oft vom abgehängten Osten die Rede. Wie sehen Sie das?

Der Leuchtturm Jena boomt und entwickelt sich sehr dynamisch. Wir als Unternehmen erleben eine wirklich gute Unterstützung durch unsere Partner, Zulieferer, aber auch durch die Politik hier vor Ort. Auf einer kurzen Urlaubs-Fahrradtour mit meiner Frau vom Eichsfeld nach Jena in diesem Sommer habe ich gesehen, dass inzwischen auch viele kleinere Städte große Dynamik entfalten.

Der Mittelstand wächst, die Infrastruktur ist gut ausgebaut. Einige, die negativ über die Regionen in Thüringen schreiben, sollten sich das besser vor Ort anschauen. Dann würden manche politischen „Ränder“ nicht entstehen.

Ist bei Ihren Reisen ins Ausland das Erstarken der AfD ein Thema?

Im Ausland ist das kein Thema. Dort werbe ich für die Chancen und das hohe Potenzial an Wissen, die in Thüringen vorhanden sind. Das interessiert die Partner auch viel mehr. Und deshalb sollten wir auch in Deutschland die Diskussion so führen, dass nicht der laute Populismus noch größere Aufmerksamkeit erhält und gestärkt wird.

Was wünschen Sie sich aus Wirtschaftssicht von der nächsten Thüringer Landes­regierung?

Für jede Landesregierung gilt, dass sie die Chancen sehend den Standort fördern und die Leistungsträger im Land unterstützen sollte. Das habe ich zum Glück bislang bei jeder Landesregierung verspürt. Wichtig ist, die Infrastruktur weiter zu verbessern und in Sachen Energie die richtigen Entscheidungen für die Wirtschaft zu fällen. Das Thema Demografie muss gelöst werden, damit junge Menschen hierbleiben. Die Hochschulen bieten ein gutes Potenzial und ziehen damit hoffentlich noch mehr junge Menschen an. Sie sollten aber auch in Thüringen bleiben können. Wir wollen unseren Teil durch attraktive Arbeitsplätze beitragen.

Wie ist es um die Work-Life-Balance bei Zeiss bestellt?

Das Thema wird immer wieder überhöht diskutiert. Bei Zeiss bieten wir eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Bewerber achten aber wieder zunehmend darauf, dass sie mit ihrer Arbeit etwas bewegen können. Das freut mich sehr. Wer als Unternehmen spannende, herausfordernde und sinnstiftende Aufgaben bieten kann, gewinnt den Nachwuchs für sich.

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