Jenas stumme Zeugen: der Kurfürst auf dem Markt

Jena  Stumme Zeugen (40):                                Jenas bekanntestes Denkmal erinnert an den Gründer der Universität   

Neben all seinen Verdiensten um Jena macht Hanfried seit eh und je auch als Postkartenmotiv gute Figur. Rechts: Carl-Alexander-Monogramm als Bodenmosaik vor dem Standbild.

Neben all seinen Verdiensten um Jena macht Hanfried seit eh und je auch als Postkartenmotiv gute Figur. Rechts: Carl-Alexander-Monogramm als Bodenmosaik vor dem Standbild.

Foto: Immanuel Voigt

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Sicher haben Sie das Denkmal, mit dem sich unsere Serie über die „stummen Zeugen“ heute beschäftigt, schon mehr als einmal gesehen. Sein Standort ist zentral und immer gut erreichbar. Versteckt ist also der „Hanfried“ keineswegs, sondern immer mittendrin im Leben der Jenenser, thront er doch in gut viereinhalb Metern Höhe selbst beim Wochenmarkt, bei Frühlingsfesten oder dem Weihnachtsmarkt über den Menschen.

Vielleicht weniger bekannt sein dürfte der Umstand, dass das „Hanfried“-Denkmal zu den ältesten plastischen Gedenksteinen Jenas gehört. Immerhin ist es über 160 Jahre alt. Doch wer war eigentlich jener Kurfürst Johann Friedrich I. – der Großmütige? Und wie kam es, dass der Jenaer Marktplatz mit seiner Statue verziert wurde?

Johann Friedrich wurde am 30. Juni 1503 in Torgau als ältester Sohn des Kurfürsten Johann des Beständigen (1468-1532) geboren. Kurz nach seiner Geburt verstarb die Mutter. Die Kindheit verbrachte er in Torgau und wurde ganz im protestantischen Geist seines Onkels, Friedrich III. von Sachsen, und seines Vaters erzogen. Anders als üblich besuchte Johann Friedrich keinen fremden Fürstenhof, bereiste im Gegenzug aber das gesamte Kurfürstentum Sachsen, dass damals noch wesentlich größer war, als das heutige Sachsen. Bei diesen Bildungsreisen gab er sich auch immer wieder seiner großen Leidenschaft hin, dem Lanzenfechten.

Zwischen 1521 und 1534 nahm er immerhin an 146 Turnieren teil, wovon noch heute das in der Dresdner Landesbibliothek befindliche Turnierbuch Zeugnis ablegt. Einer seiner bekanntesten Auftritte war 1521 bei einem Turnier in Worms, als dort auch der Reichstag anwesend war.

Nachdem sein Vater 1532 verstarb, führte der neue Kurfürst Johann Friedrich die Regentschaft über sein Land im Sinne des Vaters fort. Durch ihn erfuhr Kursachsen in den folgenden Jahren eine umfassende Reform der Verwaltung und des Steuerwesens. Ebenso ließ er seinen Herrschaftssitz in Torgau umbauen.

Zugleich festigte er die Stellung der protestantischen Kirche und förderte die Universität Wittenberg.

Seit 1531 war Johann Friedrich außerdem, neben Philipp von Hessen, der führende Kopf im „Schmalkaldischen Bund“, einem Zusammenschluss von protestantischen Fürsten und Städten, der sich gegen die Religionspolitik des katholischen Kaisers Karls V. richtete. In den 1540er Jahren agiert Johann Friedrich dagegen mitunter eher unglücklich, was außen- und innenpolitische Belange betraf, etwa als er 1542 gegen den katholischen Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel zu Felde zog, ohne vorherige Rücksprache mit den anderen Bundesmitgliedern zu halten.

Ebenso sorgte eine Fehde mit dem Oberhaupt der albertinischen Linie der sächsischen Herzöge, Moritz von Sachsen, für erhebliche Spannungen.

1546/47 kam es dann schließlich zum „Schmalkaldischen Krieg“, der für den gleichnamigen Bund in einer Niederlage und für Johann Friedrich mit der Gefangenschaft durch die kaiserlichen Truppen endete. Das Ergebnis war der Verlust der Kurwürde und die Abtretung erheblicher Gebiete an seinen Vetter Moritz. Unter anderem verlor er auch Wittenberg mit der Universität. Zunächst noch in der Gefangenschaft regelte er alle Regierungsgeschäfte weiter. Unter anderem wurde Weimar zur neuen Residenz erhoben und 1548 die „Hohe Schule“ in Jena gegründet, die aber erst zehn Jahre später zu einer Volluniversität des Reiches werden sollte. Sie stellt den Ersatz für die verlorene Hochschule in Wittenberg dar. Seit 1552 wieder in Freiheit, verbrachte der einstige Kurfürst die letzten zwei Jahre seines Lebens in Weimar und starb dort am 3. März 1554.

Ideen für ein Denkmal seit den 1850er Jahren

Doch zurück an die Saale. Die erste Idee zu einem Denkmal für den Universitätsgründer gab es bereits Anfang der 1850er Jahre. Etwas konkreter wurden die Pläne dann 1852, wohl auch im Hinblick auf die 300 Jahre zurückliegende Entlassung Johann Friedrichs aus der Gefangenschaft. Initiatoren waren Mitglieder des „Vereins für Thüringische Geschichte und Altertumskunde“.

Damals ahnte allerdings noch niemand, dass es noch sechs Jahre bis zur Vollendung dauern sollte. Es wurde also ein Denkmalskomitee mit 51 Mitgliedern ins Leben gerufen, das sich mit der Finanzierung und der Künstlerfrage beschäftigen sollte.

Zunächst ging es darum, Geld für das geplante Projekt zu sammeln. Hierzu wurde nicht nur in der Zeitung inseriert, man trat auch an die protestantischen Fürstenhäuser heran. Unter anderem spendeten dann die Herzöge von Sachsen-Meiningen und Sachsen-Altenburg, aber auch der Großherzog von Sachsen-Weimar und sogar Queen Victoria von England einen nicht geringen Betrag. Vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. erhielt man das Erz für die Statue.

Ohne diese potenten Geber wäre das Projekt wahrscheinlich schon im Ansatz gescheitert.

Ursprünglich war zudem angedacht, Johann Friedrich I. zu Pferde darzustellen, was aber aus Kostengründen verworfen wurde. Anfang Juli 1854 beschloss das Komitee schließlich, ein Bronzestandbild zu 12.000 Talern herstellen zu lassen. Eine nicht geringe Summe für die damalige Zeit. Als Künstler für die Statue fiel die Wahl auf den Namensvetter des einstigen Kurfürsten, Johann Friedrich Drake (1805-1882) aus Berlin. Der Bildhauer hatte damals bereits das bekannte Melanchton-Denkmal in Wittenberg geschaffen und rückte später etwa durch das Reiterstandbild des Kaisers Wilhelm I. in Köln oder die Victoria auf der Berliner Siegessäule in den Fokus. In Jena stammen außerdem die Büsten von Lorenz Oken und Friedrich Gottlob Schulze von ihm.

Mitte Juli 1855 wird also der Vertrag mit Drake vereinbart, dass dieser das Denkmal bis zum April 1858 liefern müsse, da dann der 300. Gründungstag der Universität anstand. Für den Sockel kam kurzeitig Granit ins Gespräch, was aber aus Kostengründen ebenfalls verworfen und anstelle dessen ein Sandsteinsockel geplant wurde. Als Aufstellungsort legte man den Markt von Jena fest.

Alles wurde pünktlich fertig, sodass das Denkmal dann während des Unijubiläums am 18. August 1858 geweiht werden konnte. Zu sehen ist also der Kurfürst in herrschaftlicher Kleidung mit seinem Schwert in der rechten Hand. In der Linken hält er eine aufgeschlagene Bibel, in der eine Passage aus Psalm 121 Vers 2 bzw. 124 Vers 8 zitiert wird: „Meine Hülfe kommpt vom Herrn/ der Himmel und Erden gemacht hat.“ Auf dem Sockel ist schlicht zu lesen: „Churfürst Johann Friedrich der Großmütige von Sachsen / Begründer der Universität“.

Aufmerksamen Betrachtern ist sicher auch das Initial „CA“ für Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach vor, und die Jahreszahl 1896 hinter dem Denkmal auf dem Boden aufgefallen. Beides wurde wohl bei einer Erneuerung des Pflasters in eben jenem Jahr gesetzt. Von der Jenaer Bevölkerung erhielt das Denkmal dann bald nur noch den Namen „Hanfried“.

In den letzten Jahren geriet es immer wieder in die Schlagzeilen, etwa wenn Doktoranden der Uni zur Feier der bestandenen Dissertation einen Kranz über das Schwert des Unigründers warfen, oder sich Unbekannte einen Scherz erlaubten, indem sie einen Aufkleber „Jenaer Bier“ in die offenen Bibel klebten.

Nicht zuletzt wurde 2016 durch einen Betrunkenen das Schwert heruntergerissen, übrigens nicht zum ersten Mal. Aus demselben Grund verlor der Herrscher bereits 1968 seine Waffe. In den vergangenen Jahren musste dieser stumme Zeuge dann auch mehrfach gereinigt und restauriert werden.

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