Jugendhilfe in Jena: Weg vom Eingriff, hin zur Kooperation

Jena.  30 Jahre Jugendamt: Jena ist Vorreiter bei Integration, Schule und Träger-Vielfalt.

Beate Butters (links) und Christine Wolfer, die Leiterinnen der Fachdienste Jugendhilfe sowie Jugend und Bildung. Das Jugendamt besteht heute aus diesen beiden Fachdiensten.

Beate Butters (links) und Christine Wolfer, die Leiterinnen der Fachdienste Jugendhilfe sowie Jugend und Bildung. Das Jugendamt besteht heute aus diesen beiden Fachdiensten.

Foto: Thomas Stridde

Die Corona-Krise habe deutlich gemacht, „wie strukturrelevant Jugendarbeit ist“. Mit diesem Hinweis hat die Jugendhilfeausschuss-Vorsitzende Ines Morgenstern (Bündnisgrüne) das Werden und Sein des Jenaer Jugendamtes umrissen, dessen 30-jähriges Bestehen die Stadtverwaltung am Mittwoch zu würdigen wusste.

Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP) pflichtete der Ausschuss-Chefin bei mit Blick zurück auf die Schließung von Jugend-Einrichtungen in den Wochen des ersten Lockdowns. „Das ist eine Erkenntnis aus dem Frühjahr, dass wir die flächendeckende Schließung tunlichst vermeiden sollten.“

Sozialdezernent Eberhard Hertzsch (parteilos) erinnerte daran, wie zum 1. November 1990 DDR-Behördenteile zusammengeschlossen wurden und dank intensiver Kontakte mit Erlangen und Münster ein Jenaer Jugendamt aufgebaut wurde. Hertzsch verdeutlichte die schwierigen Einschnitte, als sich die jährliche Geburtenquote von 1000 in der Wendezeit auf knapp 400 in den ersten 90er Jahren gesenkt hatte. Über 2000 Leute seien vor allem in Kindergärten von Kündigungen oder Ausgliederungen in Häuser neuer freier Träger betroffen gewesen.

All das lasse sich nicht beschreiben, ohne den damaligen Jugenddezernenten Stephan Dorschner (CDU), die langjährige Jugendamtsleiterin Käthe Brunner und Abteilungsleiter Reinhard Schwabe zu würdigen. „Sie haben das Fundament gelegt“, sagte Beate Butters.

Sie leitet den Fachdienst Jugendhilfe, der seit der Strukturreform von 2009 neben dem von Christine Wolfer geführten Fachdienst Jugend und Bildung eine der beiden Säulen des Jugendamtes darstellt. Unter Käthe Brunners Leitung habe sich das Haus „weg von der Eingriffsverwaltung hin zum Amt bewegt, das auf Partizipation und Kooperation setzt“, sagte Beate Butters.

Taktgeber bei der Schulsozialarbeit

Christine Wolfer sprach die Kindergarten-Landschaft an, die nach 2005 neu sortiert wurde, so dass heute elf Kitas kommunal und 60 frei getragen sind. Ebenfalls ein großes Thema: die Schulsozialarbeit. Dieses Angebot sei zunächst per ABM entwickelt und später an allen weiterführenden Schulen etabliert worden. Jena und der Ilm-Kreis, so schätzte es Ines Morgenstern ein, hätten maßgeblich beigetragen, dass 2013 ein Landesprogramm zur flächendeckenden Schulsozialarbeit im Freistaat griff.

Die Inklusion gehandicapter Kinder in Schulen samt neuer Formate wie dem Integrationsdienst oder etwa der vorerst bis 1922 laufende Schulversuch mit mittlerweile drei kommunalisierten Schulen: Das sind Meilensteine, die nach 2006 in der Ära des Bürgermeisters und Jugend- und Bildungsdezernenten Frank Schenker gesetzt wurden, erläuterte Christine Wolfer.

„Reibung bringt uns vorwärts“

Und wie und wann greifen die Zahnräder beider Fachdienste ineinander? Beate Butters sieht hier zum Beispiel das Feld der Inklusion, wenn etwa bei Kindergartenkindern heilpädagogische Belange einzubeziehen sind. Eine wichtige Rolle spiele dann der Integrationsdienst, der nicht die seelisch Kranken auf der einen und die geistig und körperlich Behinderten auf der anderen Seite sieht. „Die Kinder sollen einheitlich betreut werden.“

Eng rücken die Fachdienste nach Beate Butters Beschreibung auch zusammen, wenn „Brennpunkte“ von Zusammenkünften junger Leute in die Kritik geraten. Beispiel Paradies, Beispiel Stadtkirche. Die Straßensozialarbeit spiele hier die entscheidende Rolle.

Eberhard Hertzsch würdigte die Jena-typische bunte Landschaft von 60 Träger-Verbänden der Jugendhilfe. Das sei im Freistaat keine Selbstverständlichkeit. Beate Butters dazu: „Wir reiben uns oft mit den Trägern. Aber diese Reibung bringt uns vorwärts.“