Kongress von Sozialwissenschaftlern in Jena sucht Bürgernähe

Jena  Raus aus dem Elfenbeinturm: 1200 Sozialwissenschaftler sind kommende Woche in Jena und suchen dabei den Kontakt zur Bevölkerung.

Eines von vielen Angeboten des Festivals: Der von Friedrich von Borries und  Jakob Schrenk  kuratierte „Übungsraum  der Kritik“, der von Montag bis Donnerstag in der Rathausdiele von 10 bis 18 Uhr genutzt werden kann. Ein Fitness-Studio zum verantwortungsvollen Kritik üben, denn den gesunden Mittelweg aus Zurückhaltung und Bestimmtheit zu finden, scheint nicht mehr auf Anhieb zu gelingen. Neun Stationen der von Studierenden der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg entwickelten Ausstellung bedeuten neun Lektionen „Kritik üben“.

Eines von vielen Angeboten des Festivals: Der von Friedrich von Borries und  Jakob Schrenk  kuratierte „Übungsraum  der Kritik“, der von Montag bis Donnerstag in der Rathausdiele von 10 bis 18 Uhr genutzt werden kann. Ein Fitness-Studio zum verantwortungsvollen Kritik üben, denn den gesunden Mittelweg aus Zurückhaltung und Bestimmtheit zu finden, scheint nicht mehr auf Anhieb zu gelingen. Neun Stationen der von Studierenden der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg entwickelten Ausstellung bedeuten neun Lektionen „Kritik üben“.

Foto: Edward Greiner

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Wie können Teilnehmer eines Kongresses die Stadt erleben? Und wie bemerken die Menschen dieser Stadt wiederum, dass mehr als 1200 Sozialwissenschaftler zu Gast sind und die Zukunftsfragen eben nicht in einem Elfenbeinturm diskutieren wollen? Jenakultur begleitet die internationale Konferenz „Great Transformation: Die Zukunft moderner Gesellschaften“ mit einem Festival. Entstanden ist ein „pickepackevolles Programm“ (Werkleiter Jonas Zipf) für jedes Alter und an verschiedenen Orten.

Er ist quasi der wissenschaftliche Paukenschlag zum Ende des Kollegs Postwachstumsgesellschaft, mit dem sich die Akteure der „Jenaer Schule“, Klaus Dörre, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa, nach acht Jahren Kolleg-Arbeit verabschieden. Die Überzeugung, dass es so, wie es ist, nicht bleiben kann, teilen inzwischen ganz viele Menschen. Niedrige Wachstumsraten, wachsende Ungleichheit innerhalb von Staaten, ökologische Zerstörung und verstärkte Migrationsbewegungen sind nur einige Anzeichen tiefgreifender Umbrüche, einer „Großen Transformation“, die vor allem in den Länder Nordamerikas und Europas stattfindet. Diesen Veränderungen und ihren Folgen widmet sich die internationale Konferenz „Great Transformation: Die Zukunft moderner Gesellschaften“. Diese Themen können mit sozialwissenschaftlichen Mitteln erörtert werden, doch Jenas Bürger sollen sich ebenso an der Diskussion um mögliche gesellschaftliche Entwicklungen und wünschenswerte Zukunft beteiligen können.

Um den Austausch zwischen Stadtbevölkerung und den Konferenzteilnehmern multiperspektivisch, in verschiedenen Formaten und möglichst anregend umzusetzen, wurde gemeinsam mit Jenakultur und unter Beteiligung vieler Initiativen, Schulen und Vereine ein Programm mit über 40 Einzelveranstaltungen entworfen.

Zum Programm zählen Vorträge und Diskussionen, Buchbesprechungen, Workshops und ein Kinoprogramm. Mittags wird Entschleunigung konkret: Mit Yoga im Theaterhaus. Auch ein täglich geöffneter „Übungsraum für Kritik“ in der Rathausdiele, Stadtspaziergänge mit Lars Polten zu Orten der Transformation und zu alternativen Sicht- und Lebensweisen sollen Bevölkerung und Konferenzteilnehmer bewegen und anregen. Beim gemeinsamen Kochen und Essen mit Wissenschaftlern und Vertretern politischer Initiativen können sich Beteiligte über gesellschaftliche Entwicklungen austauschen. Ebenso wird ein „Repair-Café für Demokratie“ zur politischen Partizipation anstiften. Zudem werden in der Villa Rosenthal als Festivalzentrum Möglichkeiten des ungezwungenen Austauschs eröffnet: Bei Tee und Gebäck kommen die Konferenzteilnehmer und Bürger Jenas ins Gespräch, zwischenzeitlich werden Geschichten vom Scheitern und Gelingen einer anderen, besseren Welt vorgetragen. Abgeschlossen wird das Festival mit einer Lesung und einem Konzert mit dem Darmstädter Schriftsteller Rainer Wieczorek und den zwei begnadeten Jazzmusikern Heinz Sauer (Tenor Saxophon) und Michael Wollny (Piano).

Viele Veranstaltungen und Ausstellungen sind kostenlos zu besuchen, alle Veranstaltungen mit detaillierten Informationen sind über die Website einsehbar. Dort finden sich auch Hinweise zu Voranmeldung und – bei kostenpflichtigen Veranstaltungen – Kartenbestellungen.

www.greattransformation . uni-jena.de/Festival

Zeitgleich zur Konferenz und als Teil des Stadtprogramms wird eine Projektwoche mit denjenigen realisiert, welche die Zukunft moderner Gesellschaften in besonderem Maße betrifft. In einem städtebaulichen Zukunftslabor entwickelt eine Gruppe von Schülern der Gemeinschaftsschule Wenigenjena Nutzungs- und Raumkonzepte für noch unbesetzte Freiflächen neben ihrer neuen Schule am Jenzigweg in Jena-Ost, die im Schuljahr 2019/2020 ihre Tore öffnete.

Viele Veranstaltungen des Festivals sind für Schulklassen geeignet. Hierzu zählen die Workshops, Führungen und Performances in der Villa Rosenthal, Exkursionen mit Lars Polten, Podiumsdiskussionen, das „Repair-Café“ oder die offene Küche. In besonderem Maße interessant für Schulen ist der „Übungsraum für Kritik“ in der Rathausdiele. Neben individuellem Kritiktraining bietet die Kursbuch Kulturstiftung außerdem Kritik-Coachings an, die sich primär an Schulen richten. Am 24. September um 17 Uhr wird die Ausstellung im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Plenarsaal des Jenaer Rathaus mit Friedrich von Borries, Rahel Jaeggi und Harald Welzer eröffnet, die über den Zustand von (Gesellschafts-)Kritik diskutieren.

Die Symbiose von Wissenschaft und Kunst ist ein Gewinn für beide Seiten. In Jena gab es im vorigen Jahr mit dem Symposium „Von Gespenstern und geteilten Himmeln“ einen erfolgreichen Test, nun folgt das Festival zur Konferenz. Die Zusammenarbeit soll fortgesetzt werden: Bereits in der vergangenen Woche unterzeichneten Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Eigenbetrieb Jenakultur eine Kooperationsvereinbarung für die Jahre bis 2024. So stehen in den Jahren 2020 und 2021 die Themen Inklusion und NSU im Mittelpunkt.

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