Krach im Bauhausjahr um berühmte Jenaer Villa

Jena  Stadt sorgt mit Verkauf von Grundstücken an der Denkmal-Villa Zuckerkandl für Ärger

Die Villa Zuckerkandl in Jena-West, lupenreines Bauhaus von Walter Gropius

Die Villa Zuckerkandl in Jena-West, lupenreines Bauhaus von Walter Gropius

Foto: Michael Groß

Die Szenerie mutet absurd an: Ein rot-weißes Absperrband ist vor dem Eingang zu einem der wertvollsten architektonischen Zeugen der Bauhauses in Jena gezogen. Nur ein kleiner Spalt ist von der linken Seite her offen, um zur Eingangstür des Grundstücks der Weinbergstraße 4 a zu gelangen – der berühmten Villa Zuckerkandl.

Das Absperrband ist symbolisch gedacht, um die vertrackte Situation deutlich zu machen. Damit haben die Bewohner der Villa Zuckerkandl, Marlies Mauch-Schwarze und Werner Schwarze, die Grenze nachgezogen, die entstanden ist durch den von der Stadt vollzogenen Verkauf des benachbarten Grundstücks. Dadurch sieht Werner Schwarze die Blickachse auf das 1927/28 errichtete denkmalgeschützte Bauhausgebäude potenziell gefährdet. Sie sei ohnehin schon stark in Mitleidenschaft gezogen worden durch den Schwarzbau einer Garage aus DDR-Zeiten auf dem vorgelagerten Grundstück.

Viele Besucher, die sich regelmäßig aus aller Welt in der Weinbergstraße einfinden, um einen Blick auf die international bekannte Bauhaus-Villa zu werfen, zeigen sich erschrocken. „Gerade im Bauhausjahr 2019 “, so erzählt das Ehepaar Schwarze, „sind bis zu 50 Interessenten täglich vor unserem Haus erschienen. Auf Nachfrage haben wir auch oft Interessenten zu uns hereingelassen“.

Drinnen ist Bauhaus pur angesagt. Im ersten Stock ist die Originalmöblierung aus Bauhauszeiten erhalten geblieben. Auf einem der Stühle soll auch schon Walter Gropius gesessen haben. Sein Atelier hatte seinerzeit die Pläne für den Bau der Villa entworfen – in enger Abstimmung mit der Bauherrin, der Professorenwitwe Therese Zuckerkandl.

Und genau hier wirft Schwarze der Stadt Jena Ignoranz gegenüber der Geschichte des Hauses und seiner Bewohner vor. Therese Zuckerkandl war eine jüdische Mitbürgerin Jenas gewesen, die 1942 den Freitod wählte, weil ihr die Deportation durch die Nazis drohte.

Doch es gehört noch eine weitere Geschichte zur Historie des Hauses: Therese Zuckerkandl hatte die Baugenehmigung der Stadt Jena nur erhalten, weil sie der Stadt eine Fläche ihres Grundstücks abgetreten und 9845 Reichsmark für den Bau einer Straße zwischen der damaligen Urbanstraße (heute Diesterwegstraße) und der Weinbergstraße gezahlt habe. Die Straße ist jedoch nie gebaut, aber das Geld einbehalten worden, beklagt Werner Schwarze.

Da die Straße auch in Zukunft nicht gebaut werden soll, wollte die Stadt die Grundstücke verkaufen. Ein Teil ging an die Nachbarn bis hin direkt vor den Eingang der Villa – einschließlich der beiden Stolpersteine vor dem Portal, die in Erinnerung an die Hausbewohnerinnen Therese Zuckerkandl und Helene Langer gesetzt wurden.

Ein anderer Teil betrifft die Zufahrt zum Haus Zuckerkandl über die Diesterwegstraße. Doch dafür will der Eigenbetrieb Kommunale Immobilien Jena (KIJ) von Familie Schwarze Baulandpreise haben. Das ist für die Schwarzes nicht akzeptabel, zumal sie auf die bereits erfolgte Zahlung von Therese Zuckerkandl 1927 verweisen.

Im Rechtsamt wollte man dazu eine Quittung sehen, die es aber nicht gibt. Allerdings liegt die Baugenehmigung vom Februar 1928 schriftlich vor. Und die sollte es ja nur geben – so steht es in dem vorliegenden Schreiben – wenn die 9845 Reichsmark wirklich gezahlt worden sind, betont Schwarze.

Doch wie sieht man das Problem bei der Stadt? Man nehme es sehr ernst, betont OB Thomas Nitzsche. Er warnt aber davor, hier zwei völlig verschiedene Dinge zu vermischen – die Geschichte des Hauses und der aktuelle Streit um den Grundstücksverkauf. Nitzsche sieht hier einen Nachbarschaftsstreit, wie es viele gäbe. KIJ-Chef Karl-Hermann Kliewe verweist darauf, dass man gezwungen sei, Bodenrichtwerte zu verlangen. Die Stadt stehe aber weiter dazu, nur den Bodenrichtwert von 2016 zu verlangen, obwohl der seitdem gestiegen sei.

Den Vorwurf des missachteten Denkmalschutzes weist Jenakulturchef Jonas Zipf zurück. Man habe gerade im Bauhausjahr eine gute Kooperation mit Familie Schwarze gepflegt und hoffe auch weiterhin darauf. Was die Stolpersteine angehe. so werde man ein wachsames Auge auf sie behalten. Eventuell könne man sie auch versetzen.

Allerdings sieht sich die Stadt auch mit dem Vorwurf konfrontiert, bisher nichts zu der teuren Sanierung des Bauhausdenkmals beigesteuert zu haben.

Bei der Stadt betont man, dass die Tür weiter offen bleibe für Gespräche. Bei Familie Schwarze erwartet man Entgegenkommen von der Stadt, für die man ja ein bedeutendes Bauhausdenkmal erhalte. Es bleibt die Hoffnung auf Verständigung — möglichst noch im Bauhausjahr.

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