Jenaer Uniklinik erwartet über Ostern größte Belastung

Jena.  „Wir sind gut vorbereitet“: Medizin-Vorstand Jens Maschmann darüber, wie sich das UKJ als Supramaximalversorger auf die Corona-Krise vorbereitet hat

Der Medizinische Vorstand Jens Maschmann

Der Medizinische Vorstand Jens Maschmann

Foto: UKJ

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Die Mediziner am Universitätsklinikum Jena gehen davon aus, dass man in der Corona-Krise über Ostern mit einer deutlichen Belastung konfrontiert wird. Wie der Medizinische Vorstand Jens Maschmann sagt, mussten bislang im Maximum acht Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung gleichzeitig behandelt werden – trotz der großen Zahl an bestätigten Fällen in Jena. Ein gute Nachricht erreichte die Redaktion nach dem Interview: Unter den Covid-19-Patienten, die gesund von der Isolierstation entlassen wurden, war ein 83-jähriger Mann. „Das freut uns umso mehr, weil es zeigt: Auch bei der Risikogruppe der älteren Menschen kann eine Infektion mit Covid-19 durchaus einen guten Verlauf nehmen“, schreibt das Team auf Facebook. Alle aktuellen Infos im kostenlosen Corona-Liveblog

Was dachten Sie, als im Januar die ersten Meldungen über das Virus aus China kamen?

Ich war zunächst nicht beunruhigt. In regelmäßigen Abständen erreichen uns doch derartige Nachrichten, insbesondere aus China: Schweinegrippe, Vogelgrippe, Sars und anderes mehr.

Wann war Ihnen klar, dass dies eine echte Herausforderung sein wird?

Es war Ende Februar, als die Österreicher einen Eurocity an der Grenze zu Italien stoppten. Nach den Nachrichten, die wir bereits aus Italien kannten, und den ersten positiven Testergebnissen in Bayern und Baden-Württemberg in der Woche danach war mir klar, dass der Virus es über den Alpenhauptkamm geschafft hat. Im Grunde kam die Verständigung zwischen Bund und Ländern zu spät. Sie hätte direkt nach Fasching stattfinden müssen.

Wie stellt man ein Krankenhaus vom Normalbetrieb auf einen umfassenden Notdienst um?

Für uns als ein sogenannter Supramaximalversorger ist es eine besondere Aufgabe, die Betriebsfähigkeit zu erhalten, die Breite in der Versorgung zu garantieren und gleichzeitig die Herausforderungen, die Covid-19 mit sich bringt, zu stemmen. Von daher war das immer unser Kurs: Wir müssen adaptiert vorgehen und nicht zu vorauseilend alles runterfahren. Dann könnten wir die Bevölkerung nicht mehr versorgen. „Preparedness killed” – das ist etwas, was uns nicht passieren darf. Die Vorbereitung auf Corona darf nicht dazu führen, dass Menschen mit Erkrankungen, die nichts mit dem Virus zu tun haben, schlechter versorgt sind als sonst. Wir haben am 13. März entschieden, dass wir das Krankenhaus auf einen vertretbaren Notbetrieb umstellen. Vorher waren bereits die Regeln für Besucher angepasst worden.

In einer rasanten Geschwindigkeit haben wir einen Riesentanker runtergebremst: Wir haben jetzt eine Auslastung im stationären Bereich von 50 Prozent. Normalerweise liegen wir bei 90 Prozent. Im ambulanten Bereich, der für uns ein ganz wesentlicher Faktor ist, haben wir 800 Kontakte täglich statt 2200. Und im Bereich der Tageskliniken reduzierten wir die täglichen Kontakte von 220 auf unter 50. Um es deutlich zu sagen: Wir sind gewappnet, aber wir transplantieren weiter, wir behandeln unsere Krebspatienten weiter, wir haben Patienten mit akuten Schmerzen, wir kümmern uns um psychiatrische Fälle. Parallel laufen Vorbereitungen im intensivmedizinischen Bereich auf Hochtouren: Jeder Arzt und jede Pflegekraft, die schon mal auf einer Intensivstation gearbeitet haben, werden wieder eingearbeitet und mit Technik und Gepflogenheiten vertraut gemacht.

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Wo gibt es Probleme?

Ein großer Kritikpunkt ist, dass viele Gesundheitsämter jenen Empfehlungen nicht einheitlich folgen, die das Robert-Koch-Institut für Mitarbeiter von Kliniken ausspricht. Wir müssen nicht gleich jeden Kollegen in Quarantäne stecken, der irgendeinen Verdacht hatte oder ein Reiserückkehrer ist. Obwohl Jena mit seinen Allgemeinverfügungen sehr strikt vorgegangen ist, haben wir hier lokal mit dem Gesundheitsamt eine sehr gute Regelung für die Beschäftigten getroffen, die in Jena wohnen. Unsere Mitarbeiter kommen aber aus ganz Thüringen. So war zumindest in der vergangenen Woche die spannendste Frage: Wie viel Personal steht uns eigentlich noch zur Verfügung? Wir haben jetzt ein Schreiben mit der dringenden Bitte einer landesweiten Vereinheitlichung der Regelungen für Klinikpersonal an das Gesundheitsministerium gesandt.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wo befinden wir uns, wenn 10 den Höhepunkt der Pandemie markiert?

Wir arbeiten mit Hochrechnungsmodellen. Seit einer Woche vergleiche ich die Prognose mit dem Ist-Zustand. Auf Thüringen bezogen, muss ich sagen, dass Prognose und Ist-Zustand eng beieinander liegen. Nun greifen seit dem vergangenen Wochenende die Kontaktverbote und andere Maßnahmen. Von China und Italien wissen wir, dass in 10 bis 14 Tagen erste Effekte zu erwarten sind. Mit einer exakten Prognose des Höhepunktes tun wir uns daher schwer. Aber ich hoffe, dass wir einen signifikanten Effekt der einschränkenden Maßnahmen haben werden. Wir gehen davon aus, dass wir über Ostern mit einer deutlichen Belastung konfrontiert werden. Wann wir den Höhepunkt erreichen, kann ich nicht sagen.

Wie viele Klinikbetten für Covid-19-Erkrankte gibt es am UKJ?

Auch da greift das adaptierte Konzept. Die Zahl lässt sich jede Woche anders darstellen. Wir legen nicht die ganze Klinik still und warten dann, was da kommt. Wir haben ein klares Konzept für die Intensivbetten und die Normalpflege-Betten. Im Bereich der Normalpflege sind momentan vier Stufen vorgesehen. Die erste Stufe: Alle Verdachtsfälle wurden in einem Bereich unserer Isolierstation geklärt. Dort wurden auch zum Beispiel Influenza- und Tuberkulosefälle behandelt. Ebenfalls auf der Station gab es einen Bereich für bestätigte Covid-19-Fälle. Im Maximum hatten wir bislang acht bestätigte Fälle gleichzeitig.

Heute liegen wir bei fünf. Das halbe Klinikum steht leer und im Peak hatten wir acht Patienten. Wir haben es aber mit einer exponentiellen Kurve zu tun. Der Mensch kann linear denken, das exponentielle Denken liegt ihm jedoch nicht. Die Stufe 2 galt bis Donnerstag vergangene Woche: Wir haben die Isolierstation um eine weitere aufgestockt und sie für Covid-19-Verdachtsfälle vorgesehen. Damit haben wir die Kapazität verdreifacht. Am Dienstag haben wir die nächste Stufe vorbereitet: Ein solitär stehendes Bettenhaus in Richtung Lobdeburg wird als Bettenhaus für Covid-19-Patienten genutzt.

Zum Verständnis: Nicht jeder der 99 bestätigten Fälle in Jena landet im Klinikum?

Nein. Nachdem was wir wissen, können mindestens 80 Prozent der Betroffenen die Krankheit ambulant in den eigenen vier Wänden durchstehen. Da alle Wissenschaftler von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, liegt dieser Anteil wahrscheinlich noch deutlich höher. Von denen, die ins Krankenhaus müssen, hat wiederum ein Viertel der Betroffenen einen schweren Krankheitsverlauf mit der dann notwendigen Atemunterstützung und Intensivtherapie.

Wie wollen sie die Kapazitäten erhöhen? Angeblich wurde die Bundeswehr angefragt, um Containerstandorte zu schaffen?

Wir können die Kapazitäten schon durch diese Umzugs-Rochade in das Bettenhaus erhöhen. Wir haben dadurch eine Verdoppelung der Kapazität, die wir auch personell untersetzen müssen. Das ist die eigentliche Herausforderung. Und natürlich gibt es für den Intensivbereich auch ein Stufenkonzept: In zehn Isolierzimmern können wir auf unseren drei zusammenhängenden Intensivstationen die Verdachtsfälle behandeln. Eine Intensivstation können wir sofort hermetisch abriegeln. Dort ließen sich 25 Patienten beatmen. Und wenn das nicht ausreicht, nutzen wir den Zentral-OP mit zwei Spangen. Die eine Spange ist vorgesehen, um eine Intensivstation im OP-Saal und im Aufwachraum zu betreiben. Das wären dann weitere 29 Betten.

Und was ist mit den Containerstandorten und einer denkbaren Nutzung von Altimmobilien?

Ich zähle Ihnen das auf, was wir machen. Und daneben geistern natürlich viele andere Ideen durch die Stadt. Wir stehen mit der Bundeswehr in Kontakt und sprechen über eine Nutzung der mobilen Ressourcen. Auch hier müssen wir adaptiv reagieren. Wir haben zumindest einen sonst für die Lehre genutzten Containerkomplex vorbereitet und umgebaut. Er soll die Zentrale Notaufnahme entlasten: Wir wollen noch besser die Wege von Patienten trennen, die ein Covid-19-Verdachtsfall sind oder eine normale Sprunggelenksfraktur haben.

Aber bedenken Sie: Auch die acht Fälle, die wir im Haus behandelt haben, zeigten keine oder nur milde Symptome. Sie wurden aus anderen Gründen getestet. Schon deswegen gilt in der Geriatrie seit der vergangenen Woche die Maßgabe: Kein Patient verlässt die Abteilung ohne einen Abstrich. Drei der acht Patienten kamen von der Geriatrie. Sie waren symptomlos und wurden Gott sei Dank getestet. Was wäre passiert, wenn sie ins Pflegeheim zurückgekehrt wären? Was in Würzburg geschah, möchte ich Jena ersparen. Das Virus ist ein Taliban. Sie sehen nicht, wer den Sprengstoffgürtel unter seinem Wams trägt.

Was ist dran an der Nachricht, dass Eisenberg und Jena Schwerpunktkrankenhäuser in Thüringen werden sollen?

Auch das steht in dem Schreiben an das Ministerium: Wir hören dies und das und würden ganz gerne ein öffentlich bekanntes verbindliches Konzept sehen. Zumindest schulen wir die Kollegen in Eisenberg bereits. Es sind dort überwiegend Orthopäden im Einsatz und Viruserkrankungen gehören nicht zum täglichen Job der Kollegen in der Kreisstadt. Eine offizielle Struktur für Thüringen ist uns nicht bekannt.

In Jena sollen die Laborkapazitäten deutlich erhöht werden: Wie wichtig ist das?

Prinzipiell ist das gut. Aber auch Tests bieten keine hundertprozentige Sicherheit. Wenn sie einen Kontakt hatten, haben sie eine Latenzzeit von 2 bis 14 Tagen als Inkubationszeit. Sie machen einen Test am Tag 4 ihrer Inkubationszeit und dieser Test ist negativ. Dann freuen sie sich. Und möglicherweise sind sie am Tag 5 schon Ausscheider. Maßnahmen wie das „social distancing” und Mund- und Nasenschutz für die Beschäftigten in der Krankenversorgung sind daher unbedingt notwendig, einer Virusverbreitung entgegenzutreten. Dazu noch die Testung, dann ist alles beisammen.

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