Planlos?! - Jenas ÖPNV fährt derzeit ohne Nahverkehrsplan

Jena  Die Stadt Jena erstellt einen neuen Nahverkehrsplan. Eine Straßenbahn zum Beutenberg soll im Konzept „2035+“ drinstehen. Kommt wohl die Tram zum Westbahnhof zurück?

Reger Busverkehr auf der Westbahnhofstraße. Die Strecke auf den Beutenberg ist die fahrgastreichste Buslinie der Stadt. Ist sie damit auch prädestiniert für eine Straßenbahn?

Reger Busverkehr auf der Westbahnhofstraße. Die Strecke auf den Beutenberg ist die fahrgastreichste Buslinie der Stadt. Ist sie damit auch prädestiniert für eine Straßenbahn?

Foto: Thomas Beier

Unbemerkt von vielen Fahrgästen fährt der Jenaer Nahverkehr seit Monaten völlig planlos durch die Stadt. Der so genannte Nahverkehrsplan, auf dessen Grundlage die Stadt als Aufgabenträger beim Verkehrsbetrieb Straßenbahntakte und Busfahrten bestellt, ist zum Jahresbeginn ausgelaufen. Fahrgäste müssen deswegen nicht in Panik geraten. Einen Fahrplan mit Abfahrtszeiten gibt es natürlich. Und der interne Nahverkehrsplan gilt weiter, bis ein neuer kommt. Grundlagen für die Plandiskussion soll jetzt der Stadtrat beschließen.

Erste Informationen dazu liegen am Donnerstag dem Stadtentwicklungsausschuss vor, der die Sache für den Stadtrat vorberät. Ausschuss-Chef Guntram Wothly (CDU) spricht gegenüber unserer Zeitung von einem wichtigen Beschluss und hebt vor allem darauf ab, dass die Jenaer Straßenbahn auch über den heutigen Zeithorizont hinaus das Rückgrat des ÖPNV bilden soll.

Neben den bereits bekannten Projekten wie die Straßenbahnverlängerung in Jena-Nord (Himmelreich) und die Entwicklung des Streckennetzes in Jena-Ost (Fuchslöcher) wird nun die langfristige Erschließung des Areals um den Westbahnhof und den Beutenberg per Straßenbahn nachgedacht. Für die Beutenberg-Bahn sollen in einer „ÖPNV-Konzeption 2035+“ langfristig die Weichen gestellt werden. Das Konzept würde dem auf fünf Jahre angelegten Nahverkehrsplan vorangestellt, wenn der Stadtrat dies beschließt.

Dass eine Straßenbahn in Richtung des neuen Zeiss-Campus‘ eine feine Sache wäre, gilt als unbestritten. Die Busse sind schon heute stets voll auf der Berg-Etappe, sogar nachts. Allein fehlte bisher die Vorstellungskraft dafür, wo auf der staureichen Westbahnhofstraße noch Platz für Straßenbahngleise wäre. Dabei lagen diese schon einmal. Mehr als 60 Jahre gab es in Jena eine Straßenbahnlinie zwischen dem Saalbahnhof und dem Westbahnhof. 1963 wurde die Elektrische durch Omnibusse ersetzt. Die Straßenbahn war nicht mehr „en vogue“ bei den DDR-Oberen.

In der von Bürgermeister Christian Gerlitz (SPD) jetzt verfassten Beschlussvorlage geht es vor allem auch ums Geld. Die Kostendeckung beim Jenaer Nahverkehr liegt etwa bei 50 Prozent, was laut den Stadtratsunterlagen etwa dem durchschnittlichen Deckungsniveau deutscher ÖPNV-Unternehmen entspricht. Der Bürgermeister geht davon aus, dass der Ausgleichsbedarf durch inflationsbedingte und leistungsunabhängige Kosten um jährlich drei Prozent steigen wird. Aber die Stadt will ihrem Nahverkehr mehr geben.

Der Vorschlag des Bürgermeisters heißt, einen Wachstumszuschlag von drei Prozent draufzusatteln. Damit wären Optimierung im bestehenden System und zugleich einzelne ­Erweiterungen möglich. Konkret heißt das in der Beschlussvorlage für den Stadtrat: „Die Erhöhung des Ausgleichsbedarfs für den ÖPNV im Stadtwerkeverbund soll den Zielwert von 6 Prozent jährlich nicht überschreiten.“

Wie geht es jetzt weiter? Weil der Nahverkehr sich nicht selbst den Nahverkehrsplan schreiben darf, soll ein externer Gutachter ran. Der wird ein Planwerk vorlegen, über das auch mit den Stadtteilen zu reden ist: Wie lang sollen nachts Busse in die Wohngebiete fahren? Reicht der Straßenbahn-Takt nach Lobeda am Wochenende? Wie bekommt man von Jena-Nord die Kurve nach Jena-Ost?

Weil das alles noch etwas dauern kann, wird der Stadtrat um Mithilfe gebeten. Er soll zunächst beschließen, dass der formal abgelaufene Nahverkehrsplan „2014 – 2018“ noch so lange gilt, bis ein neuer kommt. Der Freistaat besteht auf diesem Zwischenschritt, weil mehrjährige Planlosigkeit im öffentlichen Personennahverkehr gesetzlich nicht vorgesehen ist.

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