Polternder Melancholiker: Singer-Songwriter Faber in der Kulturarena Jena

Jena  Der Singer-Songwriter Faber tanzt am Sonnabend in der Kulturarena Jena zwischen politischem Engagement und purer Lust.

Ganz leise: Faber und seine Mitstreiter bei der allerletzen Zugabe inmitten des Publikums.

Ganz leise: Faber und seine Mitstreiter bei der allerletzen Zugabe inmitten des Publikums.

Foto: Tino Zippel

Das Publikum applaudiere, hier und da wurde auch gepfiffen – und das, obwohl das Lied noch nicht zu Ende war. Denn als am Sonnabend in der ausverkauften Kulturarena der Liedermacher Faber die Zeilen „Besorgter Bürger/ Ja, Ich besorg‘s dir auch gleich/ Wenn sich 2019 ‚33‘ wieder einschleicht“ mit seiner dreckig-rauchigen, wenn auch etwas kränkelnden Stimme darbot, reagierte das Publikum prompt. Und besagte Reaktion kurz vor 22 Uhr kam dann auch einem Bekenntnis gleich, einem Bekenntnis gegen Rassismus und rechtes Gedankengut. Die Worte wiederum, die das Auditorium nicht unkommentiert hinnehmen wollte, stammten indes aus dem Song „Das Boot ist voll“, welches der in Zürich geborene Sänger ohne seine Mitstreiter von der Goran Koc y Vocalist Orkestar Band zum Finale spielte – und das kam hochpolitisch daher.

Liebe zu einer Prostituierten reichte nur für 1000 Franken

Dieses, ganz bewusst zum letzten Akt ernannte Lied, spiegelte jedoch nur eine Seite der Faber-Medaille wider, denn der 26-Jährige, der mit bürgerlichen Namen Julian Pollina heißt und 2017 sein erstes Album veröffentlichte, kann auch ganz anders. Dafür nehme man den Song „Tausendfrankenlang“, in dem er über die auf harter Währung basierende Liebe zu einer Prostituierten berichtete – und die erstreckte sich nur über 1000 Franken, danach war er pleite. Ein fiebriges, ruheloses Stück Musik, mitreißend durch und durch, prädestiniert, um dazu zu tanzen und zu singen. Und das Publikum ließ sich nicht zweimal bitten, nahm Fabers tobende Akustikgitarre dankend an. Noch einmal durfte es sich auf den letzten Metern des Konzerts verausgaben, bevor der Liedermacher eben die politische Dimension beschwor.

Das Klischee des feinfühligen Barden kann – und will – Faber jedoch nicht bedienen. Er wirkte in keinem Moment zerbrechlich oder gar aus der Welt gefallen, vielmehr ist er eine ausgesprochene Rampensau, die die großen Posen – mit und ohne Klampfe – beherrscht. So verbiegt er eindrucksvoll sein Rückgrat beim Song „Kokain“, während er inbrünstig brüllt: „No more Cocaine“. Und auch vor dem Bad in der begeisterten Menge schreckte er nicht zurück und ließ sich von seinen Fans auf Händen tragen.

Nein, Faber taugt nicht für die IKEA-Wohlfühlkuschelecke. Vielmehr ist er jemand, der die eher trostlosen, entfremdenden und auch widersprüchlichen Momente des modernen Daseins in mitunter absurden Bildern festhält. Dabei ist er keiner, der seine Zuhörerschaft erbauen möchte, sondern lieber noch den Finger genüsslich in die Wunde legt. Ergo: Der Holzhammer wird bei ihm nicht verzuckert. Und immer dann, wenn man denkt, jetzt wird es blumig, teilt er verbale Kinnhaken aus. Dann wird gepoltert, rumort und die Dinge werden direkt benannt, bevor er wieder den Melancholiker gibt. Und wenn man laut Faber am Boden angekommen ist, verweilt man dann auch erst einmal eine Weile dort und wisse zudem exakt, wo man hingehören würde – so besungen in „Alles Gute“. Ansonsten kreisen bei Faber – der Name ist eine Anspielung auf den Roman „Homo Faber“ von Max Frisch –, die vertonten Gedanken in schöner Regelmäßigkeit um die Themen Lust, Sex, Potenz und Geilheit. Und da wird nicht um den heißen Brei geredet: „Du bist zwar erst sechzehn / Ach komm, wir drehen Sexszenen“ oder „Ich trinke sieben Liter Schampus /Verführe Mädchen auf dem Campus“. In dieser nun durch und durch lustvollen Aneignung der Welt erinnert das alles ein wenig an Leonard Cohen, Henry Miller, Serge Gainsbourg und auch Bertolt Brecht, wobei der Liedermacher nicht in die virtuosen Sphären der Dahingeschiedenen vorstößt.

Und dann ist da eben die Stimme des Sängers, die man eher einem Haudegen aus der Fremdenlegion zuschreiben würde, der bereits dreimal um die Welt gesegelt ist und die sich gefühlt gegen alle Widerstände Gehör verschafft. Sie ist zweifelsohne das Markenzeichen des Singer-and-Songwriters, der bereits 2017 bei der Kulturarena auftrat. Ohne die Stimme würden die Texte nicht zu jener polternden Erfahrung werden, würden womöglich nur halb so kathartisch daherkommen. Dazu gesellt sich die vierköpfige Band, die einen zwanglosen Sound aus Folk, Polka, Blues, Rock, Chanson und auch Balkandisco auf Tasche hat.

Ach ja, nach „Tausendfrankenlang“ und „Das Boot ist voll“ begaben sich die Musiker noch einmal ins Publikum, um noch ein letztes Lied ganz leise zu kredenzen. Sie kratzten an der musikalischen Sperrstunde. Inmitten der Zuhörer, die sich größtenteils niederknieten, spielten sie das Partisanenlied „Bella Ciao“. Es war der allerletzte Akt eines Konzerts, bei dem Faber das Publikum von Anfang an auf seiner Seite hatte.

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