Tote Rentnerin in Jena im Rollkoffer versteckt: Verteidigerin kritisiert Ermittlungen

Jena  Zum Prozessauftakt schweigt der Angeklagte. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Flüchtling Mord in Jena aus Habgier und zur Verdeckung eines Betruges vor.

Der Angeklagte sitzt seit Januar in Untersuchungshaft.

Der Angeklagte sitzt seit Januar in Untersuchungshaft.

Foto: Tino Zippel

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Es war schon 1.15 Uhr, als die beiden Kriminalpolizisten noch einmal den Keller der vermissten Rentnerin Ursula P. aus Jena-Winzerla inspizierten. In einem Garderobenschrank entdeckten sie einen auffällig gewölbten Rollkoffer. „Er war sehr schwer, sodass nicht nur Textilien drin liegen konnten“, sagt ein Kriminalhauptmeister, der schließlich den Reißverschluss öffnete. „Ich habe einen grün-weiß-karierten Bettbezug und Finger an einer Hand gesehen.“ Damit war klar: Aus dem Vermisstenfall ist soeben ein Tötungsverbrechen geworden.

Das war am 12. Januar 2019, einem Sonnabend. An diesem Tag klickten bei einem Nachbarn der Frau die Handschellen. Der Flüchtling aus Afghanistan sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Am Montag hat der Mordprozess gegen den 24-Jährigen am Landgericht Gera begonnen.

Verdächtiger Überweisungsschein führt zu Ermittlungen

Der Nachbar stand unter Verdacht, als die Leiche noch nicht gefunden war. Die Tochter der Rentnerin erstattete am Freitag Vermisstenanzeige. Sie hatte ihre Mutter nicht im Appartement in Winzerla angetroffen. Zudem irritierte sie ein Anruf der Bank, wonach eine Mitarbeiterin einen verdächtigen Überweisungsträger aus dem Verkehr gezogen hatte.

Die Kriminalpolizei nahm die Ermittlungen auf. Eine Mitarbeiterin kam extra abends in die Filiale in der Grietgasse und überreichte den Überweisungsschein. 7000 Euro sollten an den heutigen Angeklagten fließen, obwohl das Konto nicht so viel Geld enthielt. Es lief auf den Namen des Enkels, die Oma hatte die Verfügungsgewalt. Doch die Unterschrift stimmte nicht mit der hinterlegten Signatur der 87-Jährigen überein.

Verdächtiger über Handy geortet

In Winzerla trafen die Kriminalisten die Enkeltochter in der Wohnung an, die fehlende Sparschweine und ein geplündertes Sparschwein bemerkte. „Allerdings gab es in der Wohnung keinen Hinweis auf ein strafrechtlich relevantes Ereignis. Auch die Möbel waren nicht verrückt“, berichtet ein Kriminaloberkommissar. In der Wohnung des verdächtigen Nachbarn gleich gegenüber brannte Licht, aber niemand öffnete. Weil auf die Schnelle kein Schlüsseldienst zu bekommen war, traten die Ermittler die Tür ein. Die Waschmaschine hatte eine 60-Grad-Wäsche abgeschlossen. Sie suchten nach Hinweisen zu dem Wohnungsinhaber, fanden einen Lebenslauf mit Handynummer. Bei WhatsApp sahen die Beamten, dass der Verdächtige kürzlich online war, und ließen sich eine Funkzellenabfrage über den Bereitschaftsrichter genehmigen. Sie wussten danach, dass das Telefon im Erfurter Stadtzentrum am Juri-Gagarin-Ring eingebucht war.

Mann brauchte offenbar Geld für Flug nach Afghanistan

Von einer Nachbarin erfuhren die Beamten, dass diese über die Jahre einen viertstelligen Betrag an den jungen Mann gegeben hatte. Auch die vermisste Seniorin, die bis ins hohe Alter in einem Jenaer Restaurant arbeitete, soll ihm ab und an kleinere Beträge von 50 oder 100 Euro zugesteckt haben. Nun brauchte der junge Mann offenbar Geld, um einen Flug zur Mutter in Afghanistan zu finanzieren.

Zweimal inspizierten die Ermittler den Keller, sahen aber von außen nichts Ungewöhnliches. Erst im dritten Anlauf machte einer der Kriminalisten die schreckliche Entdeckung. Die Tatortgruppe des Landeskriminalamtes rückte an, um die Spuren zu sichern. Aufgrund der Indizien fahndete die Polizei im Erfurter Zentrum nach dem Nachbarn, dessen genauen Standort sie heimlich über dessen Handy abfragten. So gelang die schnelle Festnahme.

Angeklagter schweigt – Verteidigerin kritisiert Ermittlungen

Zum Prozessauftakt äußert sich der Angeklagte nicht zu dem Vorwurf der Staatsanwaltschaft, er habe die Frau aus Habgier und zur Verdeckung einer geplanten Straftat ermordet. Verteidigerin Stefanie Biewald kritisiert, dass die Ermittlungen von Beginn an nur auf ihren Mandanten ausgelegt gewesen und Alternativhypothesen nicht geprüft worden seien.

Besondere Schwere der Schuld zu prüfen

Das Gericht hatte in einem rechtlichen Hinweis informiert, dass es zur Verurteilung wegen Mordes auch die besondere Schwere der Schuld feststellen könnte. Während bei einer lebenslangen Freiheitsstrafe nach 15 Jahren die Chance auf eine Entlassung besteht, legt in einem solchen Fall eine Strafvollstreckungskammer nach dieser Zeit fest, wie lang der Täter garantiert weiter hinter Gittern bleibt.

Ein solches Urteil kommt beispielsweise bei einem Verbrechen mit großer Brutalität in Betracht. Im Fall der Rentnerin ergab die Obduktion, dass auf die Frau bereits am Donnerstag mit „massiver stumpfer Gewalt auf Kopf, Hals, Rumpf, Arme und Beine“ eingewirkt worden war. An der Leiche fand sich auch ein Messerstich. Todesursache war das Ersticken an aspiriertem Mageninhalt, sagt Oberstaatsanwalt Horst Sauerbaum. Der Tatort hingegen steht nicht fest.

Neben Zeugen führt das Gericht auch umfangreiche Genspuren ein, die den Angeklagten belasten sollen. Zudem fand sich im Koffer eine Sneakersocke – ähnliche Strümpfe der Serie lagen in seiner Kommode. Das Landgericht plant bis Januar 15 weitere Verhandlungstage.

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