Vorm Abriss am Jenaer Eichplatz mit Praktica unterwegs

Jena.  Vor den Sprengung des Eichplatzes hielt Hans Elstner vieles von dem Viertel fotografisch fest. Sein Sohn Gunther hütet diese Dokumente bis heute.

Gunther Elstner mit einem für ihn wichtigen Erinnerungsstück – der Praktica-Kamera seines Vaters.

Gunther Elstner mit einem für ihn wichtigen Erinnerungsstück – der Praktica-Kamera seines Vaters.

Foto: Michael Groß

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Bevor am 16. Juli 1969 durch ein Sprengkommando des Braunkohlekombinats Geiseltal unter Leitung von Siegfried Unger die erste Sprengung am alten Eichplatzviertel erfolgte, waren viele Leute unterwegs mit ihren Fotoapparaten, um letzte Fotos von Eichplatz, Leutrastraße, Rinne oder auch Teilen der Johannisstraße zu machen. Sie wollten festhalten, was da nun für immer verschwinden sollte. Zu ihnen gehörte auch Hans Elstner, ein selbstständiger Straßenbaumeister aus Jena, der mit seiner Kamera der zu DDR-Zeiten allseits bekannten Marke Praktica noch durch das Viertel zog, als die meisten Bewohner ihre Häuser bereits verlassen hatten.

Sein Sohn Gunther kann sich daran noch gut erinnern, hat er doch seinen Vater dabei mitunter begleitet. Eine ganze Reihe der kleinen Schwarz-Weiß-Fotos mit ihren gezackten Rändern, die dabei entstanden sind, hütet er bis heute – und dazu auch noch die alte Kamera, die übrigens noch voll funktionstüchtig sein soll, wie er meint. Aber wer fotografiert heute schon noch analog mit Kleinbildfilmen. Fakt aber ist, dass Gunther Elstner nicht nur mit diesen Fotos Erinnerungen verbindet, sondern überhaupt mit dem Eichplatzviertel. „Das ist ein Stück meiner Kindheit. Auf dem Eichplatz habe ich oft gespielt, mich getroffen mit Schulkameraden, zu denen auch Thomas gehörte, der Sohn des an der Ecke Leutrastraße/Rinne ansässigen Optikermeisters Günter Röher.“

Gunther Elstner, der ein gebürtiger, in der Gartenstraße aufgewachsener Jenenser ist und sich auch so fühlt, weiß noch bestens, was sich da an welchen Ecken einst befand. Im Haus der Röhers bei seinem Kumpel Thomas weilte er oft und kannte daher auch die benachbarten Geschäfte – den Süßwarenladen oder auch das Milchgeschäft in der Rinne. „Ins Fotogeschäft Sanniter neben dem Johannistor sind wir manchmal reingegangen und haben um alte, nicht mehr gebrauchte leere Filmrollen gebeten, weil man damit schön spielen konnte. Im Nachbarladen, wo es Tabak gab, erhielten wir manchmal auch die bei uns begehrten leeren Zigarrenschachteln. Nur all zu gern habe ich mir auch immer am Schaufenster der Spielwarenhandlung Stede die Auslagen angeschaut.“ Und begeistert waren er und seine Freunde schließlich auch, als 1965 der Eichplatz als Filmkulisse für den unvergessenen Kinderfilm „Alfons Zitterbacke“ diente. An die dafür zeitweilig aufgestellte Denkmalfigur, an der im Film Alfons oft mit Freundin grübelnd saß, kann er sich noch gut erinnern. Leider ist dieses Denkmal ja später verschollen.

Natürlich findet es Gunther Elstner jammerschade,dass dieses Stadtgebiet damals abgerissen wurde. Bei einer der Sprengungen habe er auch zugeschaut. „Es war aber unspektakulär. Es erklang ein Trompetensignal, dann machte es kurz rumms, und es folgte eine riesige Staubwolke.“ Er habe dabei auch deutlich das Gefühl des Unbehagens bei vielen Menschen gespürt.

Doch wer dagegen protestierte, galt in der DDR automatisch als so etwas wie eine Art Staatsfeind, schrieb zum Beispiel der viel zu früh verstorbene Hobbyhistoriker und Journalist Heinz Voigt, der vielen Lesern unserer Zeitung auch noch bekannt sein dürfte als Verfasser einer Artikel-Serie und eines Buches über historische Jenaer Kneipen. „Der Planungswahnsinn ging damals sogar so weit, auch die noch erhaltenen Gebäude des Collegium Jenense abzureißen“, schrieb Heinz Voigt vor Jahren in unserer Zeitung: Dies sei aber noch in letzter Minute durch die Intervention des international renommierten Physikers Max Steenbeck bei DDR- und Staatschef Walter Ulbricht verhindert worden.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren