Tarifvertrag kritisiert

Ohne viele Überstunden kommen Bauern nicht über den Winter

Seubtendorf.  Rinderhof Seubtendorf findet Überstundenreglung im neuen Tarifvertrag impraktikabel.

Julia und Jan Lamprecht sowie Christel Austen (von links) sind die neuen Geschäftsführer der Rinderhof Agrar GmbH Seubtendorf.

Julia und Jan Lamprecht sowie Christel Austen (von links) sind die neuen Geschäftsführer der Rinderhof Agrar GmbH Seubtendorf.

Foto: Peter Cissek

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Bislang war es so, dass Pflanzenbau-Mitarbeiter von Landwirtschaftsbetrieben in der Bestell- und Erntezeit Überstunden en masse gemacht und diese über die Wintermonate abgefeiert haben. So blieb ihnen eine Arbeitslosmeldung über den Winter erspart. Doch das könnte ab dem nächsten Jahr zum Leidwesen nicht nur der Arbeitgeber anders werden.

Laut dem Tarifabschluss der IG Bau-Agrar-Umwelt für die Beschäftigten in der Landwirtschaft Thüringens wird es nicht nur eine Erhöhung der Lohn- und Ausbildungsvergütung geben. Der Punkt, an dem sich die neuen Geschäftsführer der Rinderhof Agrar GmbH Seubtendorf, Julia und Jan Lamprecht sowie Christel Austen, stören, nennt sich „Verbesserungen von Regelungen der Arbeitszeitflexibilisierungen“. Ihrer Ansicht nach bringt dieser Punkt alles andere als Verbesserungen, wie sie am Dienstag zum Auftakt der Landwirtschaftstour von Landrat Thomas Fügmann (CDU) sagten.

Wie alle Mitgliedsbetriebe des Bauernverbandes wird auch der Rinderhof aus Seubtendorf vom Landwirtschaftlichen Arbeitgeberverband vertreten. „Nach der bisherigen Arbeitszeitkontenregelung konnten Mitarbeiter in der Bestell- und Erntezeit eine ordentliche Anzahl Überstunden ansammeln und ab der jetzigen Zeit bis März abbauen. Im neuen Tarifvertrag heißt es aber, dass Mitarbeiter nur noch an 36 Tagen im Jahr mehr als zehn Stunden arbeiten dürfen. 36 Tage sind in der Landwirtschaft null Komma nichts. Die zweite Hürde lautet: Das Arbeitszeitkonto darf nur noch bis 150 Stunden aufgebaut werden. 150 Stunden sind nicht mal die reguläre Arbeitszeit eines Monat“, erläuterte der Kreisbauernverbandsvorsitzende und Geschäftsführer der Agrarprodukte Ludwigshof eG Ranis, Gunnar Jungmichel. Die bisherige Regelung habe das Ansammeln von bis zu 540 Überstunden erlaubt, wodurch sich die Mitarbeiter drei freie Monate über den Winter heraus arbeiten konnten. Mitarbeiter, die auf weniger Überstunden kamen, haben den Winter über stundenweise gearbeitet.

„Wenn unsere Mitarbeiter wie in anderen Branchen in die Winterarbeitslosigkeit gehen, wird der Staatshaushalt belastet. Bislang haben wir unsere Leute über den Winter gebracht“, gab Geschäftsführerin Christel Austen zu bedenken. „Auch die betriebliche Altersvorsorge entfällt in dieser Zeit“, ergänzte Britta Ender, Regionalgeschäftsführerin des Bauernverbandes. In Zeiten, in denen fast überall händeringend Arbeitskräfte gesucht würden, sei davon auszugehen, dass die Mitarbeiter aus der Pflanzenzucht von der Agentur für Arbeit als Lkw-Fahrer oder in andere Branchen vermittelt werden. „Auf einmal sind Stammkräfte weg“, befürchtet Rinderhof-Geschäftsführer Jan Lamprecht. Er sieht noch weitere Probleme. Für viele Fahrer sei der Mähdrescher „seine Maschine. Wenn wir unseren Drescherfahrern einen zweiten Mann auf das Fahrzeug setzen, wäre das eine Degradierung für sie. Wir würden auch den Stolz langjähriger Mitarbeiter brechen, wenn wir sie zum Arbeitsamt schicken“, gab Jan Lamprecht zu bedenken.

Ernte wie im Vorjahr unterdurchschnittlich

Den Besuch des Landrates nutzte das neue Führungstrio des 36 Mitarbeiter zählenden Landwirtschaftsbetriebes, um sich vorzustellen. Bernd Prager, der seit 1996 Geschäftsführer war, wurde am 1. Oktober in den Ruhestand verabschiedet. Seitdem haben seine aus dem Erziehungsjahr zurückgekehrte Tochter Julia Lamprecht und ihr seit April 2018 im Rinderhof tätiger, aus Niedersachsen stammender Ehemann Jan Lamprecht die Geschäftsführung übernommen. Dritte im Bunde ist die seit sechs Jahren im Unternehmen tätige bisherige Prokuristin Christel Austen.

Das Agrarunternehmen hält 600 Milchkühe und 560 Kühe aus der Nachzucht. Zu DDR-Zeiten waren in Seubtendorf 6800 Tiere untergebracht. Auf den Feldern von insgesamt 1717 Hektar werden Raps zur Ölgewinnung, Weizen, Gerste und Roggen als Brot- und Braugetreide sowie Erbsen sowie Futter für die Tiere an. „Die Ernteerträge waren wie im Vorjahr unterdurchschnittlich bei gefallenen Erzeugerpreisen“, schätzte Jan Lamprecht ein. Der Rinderhof vermietet zehn Wohnungen in einem Mehrgenerationenhaus und betreibt eine Biogasanlage, die zu 90 Prozent firmeneigene Gülle und Mist verwertet.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren