Alles begann in Jena mit einem Panzerunfall

Jena.  Interview Seit 40 Jahren ist Lars Schmidt als Hockeytrainer aktiv. Im Gespräch verrät er seine Beweggründe und warum alles mit einem Panzermanöver begann

Cheftrainer Lars Schmidt ist stolz auf den Kunstrasenplatz samt Clubhaus in Lobeda-West, den der Verein betreibt.

Cheftrainer Lars Schmidt ist stolz auf den Kunstrasenplatz samt Clubhaus in Lobeda-West, den der Verein betreibt.

Foto: Benjamin Schmutzler

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Seit 2002 gibt es den Sport- und Sozial Club Jena, der sich für unterschiedliche Belange engagiert. Die Herrenhockeymannschaft spielt aktuell in der Regionalliga Ost, zudem tragen verschiedene Damen-, Senioren- und Jugendmannschaften auf dem Feld und in der Halle die Vereinsfarben. Stolz ist der SSC Jena auf die durch Eigeninitiative betriebene Sportanlage mit Kunstrasenplatz und Clubhaus. Ein wesentlicher Teil dieser Erfolgsgeschichte ist Lars Schmidt. Der 54-jährige Jugendcheftrainer bringt eine Menge Erfahrung und einige Erlebnisse mit.

Schon seit ihrem 14. Lebensjahr sind Sie Trainer. Wie geht das?

Eine kuriose Geschichte: Im Frühjahr 1979 wurde mein damaliger Trainer bei Carl Zeiss schwer verletzt, als er von einem Panzer in Jena während eines Manövers angefahren wurde. Zum Glück lebt er noch heute. Ich entschied damals, mich um das Training zu kümmern, machte mit der Zeit alle notwendigen Scheine bis zur A-Lizenz.

Das war vor 40 Jahren...

Genau, schon lange bin ich inzwischen als freiberuflicher Trainer unterwegs. Neben den Tätigkeiten hier in Jena bin ich unter anderem für die mitteldeutsche Auswahlmannschaft tätig.

In der auch ihr Sohn Willi spielt.

Ja, er liebt den Hockeysport. Unser großer Sohn Theo spielte auch einige Zeit, hat sich aber mittlerweile der Musik verschrieben.

Sie sind im SSC Jena von Anfang an dabei. Stimmt’s?

Das stimmt. 2002 gründeten wir den Sport- und Sozial Club Jena und ein Jahr später übernahmen wir die Anlage in der Theobald-Renner-Straße. Nach der Wende wurde der Bereich als Vorbehaltsfläche für Sport ausgewiesen, doch vornehmlich für Arbeiter-Unterkünfte genutzt. Für den direkten Sportansatz waren wir die ersten.

Wer ist wir?

Zirka 150 Mitglieder der damaligen Hockey-Abteilungen von Carl Zeiss Jena und Jenapharm. Wir wollten einen eigenen Verein auf unserer eigenen Anlage aufbauen und betreiben. Inzwischen sind wir ungefähr 300 Mitglieder.

Warum hat es Hockey so schwer in Jena?

Seit Anfang der 70er-Jahre wurde Hockey im Osten nicht mehr so stark gefördert. Davor war Hockey in vielen großen Vereinen integriert. Doch Anlagen wurden wieder zurückgeführt. Auch uns, die zuvor jahrelang im Ernst-Abbe-Sportfeld beheimatet waren, betraf das. Wir sind eben eine kleine Sportart, die es aber unbedingt zu erhalten gilt.

Wie sah es mit Ihrer Karriere als Spieler aus?

Sport bedeutete für mich schon immer viel mehr als die reine Erfolgsmentalität. Mein größter Erfolg war, dass ich fit geblieben bin. Wenn man dem Sport schon so lange angehört, entwickelt sich eine andere Denkweise. Diese wollen wir im SSC verkörpern, da sehen wir viel Entwicklungspotenzial.

Wie meinen Sie das?

Die Diversität zur Sportart Fußball muss erhalten bleiben. Darum setzen wir unser Hauptaugenmerk auf den Nachwuchsbereich, der schließlich den Verbleib als Verein sichert. Immer höher, immer weiter – dieses Anspruchsdenken haben wir nicht. Die unendliche Austauschbarkeit, wenn es einmal nicht so läuft, ist gefährlich. Auch jenseits von Sieg und Niederlage gibt es Werte, die wir vermitteln wollen. Auf sportlicher, aber eben auch auf sozialer Ebene.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Wir wollen über den reinen Hockeysport hinaus offen sein für religiöse und soziale Grenzen. So steht unsere Anlage für die Sozialarbeit mit deutschen und Flüchtlingskindern zur Verfügung. Im Clubraum finden Deutschkurse statt. Projektwochen und Schnupperkurse werden hier veranstaltet. Über Förderzentren oder den Verein Querwege können sich Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen bei uns betätigen. Mit unserem Hockey-Nachwuchs veranstalten wir jährlich verschiedene Camps und Ausfahrten. Durch unseren Exotenstatus sind wir für viele recht interessant.

Wie finanziert sich der Verein?

Zum größten Teil über die Vereinsbeiträge und die Arbeit des Fördervereins. Wer ein Hobby betreiben möchte, der sollte auch bereit sein, etwas dafür zu investieren. Natürlich unterstützen wir diejenigen, die eine Hilfe benötigen.

In Ihrer Freizeit wandern sie gern. Verfolgen Sie auch andere Sportarten an der Seitenlinie?

Ich schaue gern die Basketballspiele in der Sparkassen-Arena. Der Sport ähnelt in bestimmten Aspekten dem unseren, es ist ein faires Miteinander von Spielern sowie Fans und die Größe der Sporthalle ist absolut angemessen im Verhältnis zu den Besuchern.

Ist das woanders nicht so?

Wenn im Schnitt vier-, fünftausend Zuschauer zu einem Spiel kommen, frage ich mich, warum für viele Millionen ein riesiges, neues Stadion mit allem Schnickschnack gebaut werden muss. Aber da ist sie eben wieder, die Gefahr einer Monokultur im Sport.

Der SSC ist in mehreren Kategorien bei der Sportlerwahl vertreten. Was bedeutet eine solche Anerkennung?

Dass unsere Herren mit Spielern aus den eigenen Reihen den Wiederaufstieg geschafft haben, macht stolz und bietet eine gute Perspektive für die Jugend. Für das Team ist es eine schöne Wertschätzung, bei der Sportlerwahl dabeizusein.

Jetzt ist es 11 Uhr am Dienstagvormittag. Was steht heute noch an auf der Anlage?

Da wir hier alles selbst betreiben, gibt es auch immer etwas zu tun. Unsere Anlage soll schließlich noch möglichst lang in einem derart guten Zustand bleiben. Quasi Wohlfühlfaktor und ökologischer Standard in einem. Bis nächste Woche gilt es, 70 neue Sträucher zu pflanzen. Damit werde ich heute beginnen. Außerdem klebt der Boden im Clubhaus noch etwas, da unsere Jugend hier eine Party feiern durfte. Aber den sollen sie schön selbst sauberwischen.

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