Boxer Mario Loch lockt mit Bratwurst in Japan

Gera.  Boxer Mario Loch wurde EM-Zweiter 1991 und zog nach der Olympiateilnahme in Barcelona hinaus in die Welt

Box-Gala 2006 in Gera: Mario Loch (links) zeigt im Kampf gegen Jörg Gittner noch einmal sein Können

Box-Gala 2006 in Gera: Mario Loch (links) zeigt im Kampf gegen Jörg Gittner noch einmal sein Können

Foto: Michael Malpricht

Mit 23 zog sich Mario Loch in Gera vom Boxen zurück. Zum Leidwesen der Geraer, die den EM-Zweiten von 1991 gern noch eine Weile im Ring gesehen hätten.

Boxen, das konnte er. Schnell auf den Beinen, den Blick für die Situation, technisch versiert, schlug er schon als 17-Jähriger zu und wurde erstmals DDR-Meister. „Ich hab mit zehn Jahren zu Hause in Bischofswerda mit dem Boxen angefangen. Mir hat es ganz einfach gereicht“, sagt er zu seinem Abschied vom SSV Gera im Frühjahr 1993.

Boxen ist kein Gesundheitssport, dazu immer aufs Körpergewicht achten, überlegen, ob ich noch etwas esse oder trinke oder gleich die Laufsachen anziehe und durch den Stadtwald jogge, das habe ihn sehr belastet.

„Das Abtrainieren hat viel Energie gefressen“, sagt der frühere Fliegengewichtler. Ringer und Gewichtheber wissen, wovon er spricht. Seit er 1987, damals im Papiergewicht bis 48 kg, erstmals DDR-Meister geworden war, plagte ihn Zweifel, nagte die permanente Angst, verlieren zu können, hieß es oft: Schlaflos in Gera. „Als Nummer eins kannst du nur verlieren.“

1991 wurde er im Finale der Deutschen Meisterschaften von Jan Quast nach Punkte geschlagen, doch weil der gebürtige Rostocker bei den Europameisterschaften im Papiergewicht antrat, war der Weg für Mario Loch im Fliegengewicht bis 51 kg frei.

Der 1,62 m große Schützling von Trainer Rudi Rochel machte was draus in Göteborg. Erst im Finale zog er gegen den Ungarn Istvan Kovasc, später Weltmeister, Olympiasieger und WBO-Champion, nach Punkten den Kürzeren.

„Ich war platt, aber glücklich“, entsinnt sich Mario Loch, „hatte mir ja auch kaum einer zugetraut, die Medaille“. Der Geraer legte nach, erkämpfte sich 1992 den Deutschen Meistertitel, gewann das renommierte Chemiepokalturnier in Halle und qualifizierte sich für die Olympischen Spiele in Barcelona. Nach einem Abbruchsieg in der zweiten Runde über den Thailänder Vichai Khadpo schied er im Achtelfinale gegen David Serradas aus Venezuela aus und wurde Neunter.

Ein halbes Jahr später der Abschied vom Leistungssport. Einfach hatte er es seinen Trainern, den Lehrern an der Sport- und Berufsschule und den Erziehern im Internat nicht gemacht, doch „Lochi“ war beliebt, ein Kumpeltyp, auf ihn konnte man sich verlassen.

Als das Korsett des fest gefügten Tagesablaufs fiel, da schlug er erst einmal über die Stränge. „Ich hab‘ es krachen lassen, meine Kohle verjubelt.“ Er hatte etwas, viele seiner Gleichaltrigen und Gleichgesinnten nicht, er gab es gern, bis nichts mehr da war.

Auf Wanderschaft: Erste Station, der Fischmarkt in Hamburg

Mario Loch verließ Gera, zog nach Aschaffenburg, arbeitete mit seinem Vater, der auch Baufacharbeiter gelernt hatte, auf dem Bau, boxte in der zweiten Bundesliga. „Es musste Geld rein. Ich hab‘ mein Konto wieder aus den Miesen gebracht.“ Doch Mario Loch lag das stete Leben nicht. „Ich ziehe vor jedem den Hut, der es schafft, sein Leben lang pünktlich im Büro oder was weiß ich wo, zu erscheinen und seine Arbeit zu tun.“ Er sei dafür nicht geschaffen. „Lange Rede, gar kein Sinn“, sagt er und lacht.

Ab ging er. Auf Wanderschaft. „Ich hab‘ immer die richtigen Leute kennen gelernt“, sagt er. Schnell habe sich herum gesprochen, „der Mario packt an, zieht durch und der bescheißt keinen“. Ganz unten habe er angefangen, als „Runner“, dem gesagt wurde: Mach das. Lass das. Pack da an. Geh da hin. Auf dem Fischmarkt in Hamburg begann er an der Bar zu arbeiten, zog für ein paar Jahre mit einer mobilen Bar durch die Lande, war als Bühnenarbeiter auf Tournee, erlebte Showgrößen und Bands hinter der Bühne. Beim Hessentag wurde er eine feste Größe hinter den Kulissen und bald hieß es: Habt ihr ein Problem, wisst ihr nicht, wo ein Gitter aufgebaut werden muss, fragt Mario.

Aschaffenburg blieb sein Rückzugsort, die Welt sein zu Hause. „Ich werde nie Reichtümer anhäufen“, sagt er, „aber das wilde Leben, durchziehen, Wunden lecken und dann wieder Pause haben, interessante Leute kennen lernen, das ist mein Ding.“

Die vergangenen Jahre zog es ihn nach Osaka. „Die Japaner sind verrückt nach unserer Art Weihnachtsmarkt, sie stehen Schlange für Roster“, sagt er. An einem riesigen Grill stehend, „habe ich tausende Würste gebraten“. In Corona-Zeiten blieb der Markt in Osaka geschlossen. Die Gelegenheit, zum Boxertreff nach Gera zu kommen.

Auch seinen letzten Auftritt im Ring hatte er in Gera. Als sich der BC Wismut Gera 2006 gründete, schnürte er bei der Box-Gala im Kultur- und Kongresszentrum die Handschuhe. Auf einen, freute er sich beim Treff der SG-Wismut-Boxer besonders. Reinhard Schulze. Lehrer und Erzieher. „Schulle haben wir erzählt, was wir angestellt haben, er hat es für sich behalten und versucht, uns r rauszuhauen – das vergisst man nicht.“

Zitat

„Ich ziehe vor jedem den Hut, der es schafft, sein Leben lang pünktlich auf Arbeit zu erscheinen und seinen Job zu tun. Ich kann das nicht.“