Wie Dietmar Sengewald einst Eusebio in der Kabine beobachtete

Gera.  Heute vor 40 Jahren erzielte Dietmar Sengewald gegen Valencia ein Tor für den FC Carl Zeiss Jena. Für den Geraer endete die Spielzeit jedoch jäh.

Dietmar Sengewald bejubelt seinen Treffer.

Dietmar Sengewald bejubelt seinen Treffer.

Foto: Peter Poser

Ein kompakter Japaner wurde ihm zum Verhängnis. „Heute lachhaft. Damals ein Politikum“, sagt Dietmar Sengewald über sein abruptes Ende beim FC Carl Zeiss Jena. Ausgerechnet in Jenas überragendem Pokaljahr mit dem Einzug ins EC-Finale.

In der 72. Minute eingewechselt, stellte der heute 67-Jährige am 17. Mai 1980 mit seinem Tor zum 3:1 den Sieg der Jenaer im FDGB-Pokalfinale über den FC Rot-Weiß Erfurt sicher – der Europapokal der Pokalsieger konnte kommen. So weit, so gut. Der damals 26-Jährige nannte einen fabrikneuen Wartburg sein Eigen. „Das war schon was, an ein Auto bist du damals nicht so ohne weiteres drangekommen.“

Als er erfuhr, es bestünde die Möglichkeit, einen Mazda 323 zu kaufen, fuhr er kurz entschlossen nach Berlin und blätterte die Scheine hin. „Ich wollte das Auto unbedingt haben.“ Goldmetallic die Farbe des japanischen Kompaktwagens, den es in der DDR für 24.600 Mark tatsächlich zu kaufen gab.

Beim FC Carl Zeiss stieß seine Autoliebe auf wenig Gegenliebe. „Die Genossen haben mich aufgefordert, das Auto wieder zu verkaufen. Es schickte sich nicht, als Zeiss-Fußballer ein Westauto zu fahren. Ich blieb stur. Ich wollte den Mazda fahren.“ Hat er dann auch. Zehn Jahre und 100.000 Kilometer.

Doch am Ende der Saison 1980/81 kam das jähe Aus für ihn beim FC Carl Zeiss. „Ich wäre politisch nicht mehr tragbar“, hieß es. „Und für die Oberliga und die Liga wurde ich auch noch gesperrt.“ Gut, dass die BSG Chemie Schwarza gerade in die Bezirksliga, damals die dritte Liga im Osten, abgestiegen war. „Da konnte ich spielen und kam im Sportbüro unter.“

Elf wunderbare Fußballjahre

Seinen Rauswurf beim FC Carl Zeiss hat Dietmar Sengewald, der seit 20 Jahren in Gera lebt, nie so recht verwunden. Kein Wunder, er hatte von 1970 bis 1981 wunderbare Fußballerjahre in Jena. Und die Saison 1980/81, die bleibt unvergessen.

Nach dem Weiterkommen gegen den AS Rom in der ersten Europapokalrunde strotzen die Jenaer vor Selbstvertrauen. Doch zunächst fieberten die Jenaer Spieler der Europapokal-Auslosung entgegen, „bloß nicht nach Warschau oder Prag – eine Westreise sollte schon herausspringen. Als das Los auf den FC Valencia fiel, waren wir alle hellauf begeistert.“ Schnuppe, dass die Spanier am 22. Oktober 1980 – also heute vor 40 Jahren – als Cupverteidiger ins Ernst-Abbe-Stadion kommen würden.

„Wir sind von der ersten Sekunde an voll drauf, haben die Spanier bearbeitet.“ Und nach 80 Sekunden schon das 1:0. Torschütze Dietmar Sengewald. „Und das mit meinem rechten Bein, das ist sonst mein Stock, damit ich nicht umfalle.“ Im Fallen wuchtete Sengewald den Ball ins Valencia-Tor. Riesig der Jubel, erst recht, als Schnuphase und Trocha nachlegten. Erst in der 69. Minute kamen die Gäste durch Fernando Morena zum 1:3.

Wieder hatte die Jenaer einen Großen des internationalen Fußballs ein Bein gestellt, im Rückspiel ließen die Jenaer nur einen Treffer zu, zogen in die nächste Runde ein. „Wir waren bestimmt nicht die besten Fußballer, trotz unserer zahlreichen Auswahlspieler. Aber wir waren eine Mannschaft. Wir haben geackert und gekämpft“, sagt Sengewald. Das habe er schon mitbekommen, als er von den A-Junioren in die Mannschaft von Hans Meyer kam. „Da wurde keiner dumm gemacht.“ Auch als er als 21-Jähriger 1974 seine ersten Oberligaeinsätze bekam, war das nicht anders. „Ich war nervös, hab‘ Fehlpässe gespielt, die ich sonst nie spielen würde. Aber da hat keiner gemeckert.“

Neun Oberligajahre spielte er für die Jenaer Farben, meist defensiv eingesetzt, schoss er 30 Tore. Dass er als Fußballer einmal die Welt sehen würde, habe er sich als Dreikäsehoch nicht träumen lassen.

Nach Abschluss der zehnten Klasse kam er von der BSG Aufbau Triebes nach Jena, lernte Feinmechaniker, wurde Maschinenbauer. Im Oktober 1974, es war schon empfindlich kühl an den Kernbergen, gastierte Benfica Lissabon mit Fußballlegende Eusebio in Jena. „Zum Aufwärmen kam Eusebio nicht raus. Es war ihm schlicht zu kalt. Er hat sich in der Kabine in der Baracke am Stadion warm gemacht. Ich hab mich hingeschlichen und als ich Eusebio seine Übungen machen sah, dachte ich: Na ja, das kann ich auch.“

Ausflüge zum Hausboot nach Prag

In dem Spiel gegen die Portugiesen wurde Dietmar Sengewald noch nicht eingesetzt. Sein EC-Debüt erlebte er in der folgenden Saison gegen Slavia Prag. „Wir haben auf der Moldau auf einem Hausboot übernachtet, das war top ausgestattet“, erinnert er sich. Auch heute, wenn er mit den Alten Herren in Prag ist, wird auf dem Boot genächtigt. Der Lack ist inzwischen ab, aber die Europapokalsaison der Jenaer von vor 40 Jahren hat nichts an Glanz verloren. „Das ist schon erstaunlich, wer so alles Bescheid weiß, und mir Sachen erzählt, die ich längst vergessen habe.“