Matthias Krüger (SV Hermsdorf): Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Hermsdorf.  Matthias Krüger wird am Sonnabend gegen Goldbach seine letzte Partie für die Kreuzritter bestreiten – danach geht es für ihn erst einmal nach Peru.

Matthias Krüger erlebte schöne Jahre beim SV Hermsdorf, erlitt jedoch immer wieder Verletzungen, die ihn ausbremsten.

Matthias Krüger erlebte schöne Jahre beim SV Hermsdorf, erlitt jedoch immer wieder Verletzungen, die ihn ausbremsten.

Foto: Foto: Falk Böttger / TLZ

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Er sei als Kind immer auf das Spielfeld gerannt. Umgehend. Direkt nach dem Abpfiff, gleich ob Halbzeit oder Spielende. Da habe man ihn nicht halten können, wenn es darum ging, den kleinen Ball in die ad hoc verwaisten Tore zu werfen.

Matthias Krüger kramt in seinen Handball-Erinnerungen – und manchmal kramt er ziemlich lange. Man solle ihn bloß nicht nach Jahreszahlen oder so fragen, gibt der SVH-Protagonist seinem Gegenüber zu verstehen. Doch wenn man ihn nach der Werner-Seelenbinder-Halle fragt, beschwört er umgehend jenes Bild aus seiner Kindheit. Ein Bild, das auch heute noch bei jeder Partie des SV Hermsdorf gang und gäbe ist: Kinder, die das Spielfeld okkupieren. „Damals habe ich davon geträumt, selbst irgendwann einmal da zu spielen, vor so vielen Zuschauern. Das war das Größte, eine absolute Motivation“, sagt Matthias Krüger, den in Hermsdorf alle nur „Bolle“ nennen.

Am Sonnabend nun, wenn sich Goldbach ab 19.30 Uhr die Ehre geben wird, wird der Kreisläufer sein letztes Spiel für die Handballer aus dem Saale-Holzland-Kreis absolvieren. Dass dem so ist, ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass der Master-Student für Betriebswirtschaftslehre in 14 Tagen ein Auslandssemester in Peru antreten wird. Zum anderen ist es aber auch ein gereifte Entscheidung, die seinen Verletzungen in der Vergangenheit geschuldet ist. In der Saison 2016/17 erlitt Krüger einen Kreuzbandriss, 2018/19 erwischte es das operierte Knie erneut – und zwar in Goldbach. Er läuft nun mittlerweile ohne Kreuzband im linken Knie auf. „Ich habe schon lange mit der Entscheidung geliebäugelt. Nach der Verletzung 2016 habe ich nie wieder richtig hineingefunden, habe nie wieder diese Position in der Mannschaft innegehabt, die ich davor hatte“, sagt Krüger, der sich seit seinem zehnten Lebensjahr der Handball-Materie widmet. Er könne nicht mehr 100 Prozent abrufen, könne sein Potenzial nicht mehr in Gänze darbieten – und dergleichen sei frustrierend. „Es ärgert mich sehr, dass ich nicht mehr alles für das Team in die Waagschale werfen kann.“

„Bolle“ kramt weiter in seiner Handball-Schatulle im Oberstübchen. Kramt und kramt, bis denn plötzlich der Name Hannes Rudolph fällt. Der Teamkollege von Krüger mutiert rückblickend zur Schlüsselfigur, ja zum regelrechten Weichensteller für dessen sportlichen Werdegang, schließlich hat er eine Aktie daran, dass Matthias Krüger vom TSV Stadtroda zum SV Hermsdorf wechselte. Vor gut zehn Jahren im Stadtrodaer Skatepark, wo die beiden Freunde abhingen, habe ihm Rudolph den SV Hermsdorf schmackhaft gemacht. „Hannes hat immer davon geschwärmt, wie toll es in Hermsdorf ist. Er spielte damals in der A-Jugend, kam sich wie der absolute Ober-King vor“, erinnert sich Krüger und lacht anschließend herzhaft. Gleichzeitig haderte Krüger mit seinem Dasein beim TSV Stadtroda, wo er jedoch bei den Männern gesetzt war. „Das hat mir damals aber nicht gereicht. Ich war unterfordert.“

Bereits einen Tag nach besagtem Gedankenaustausch absolvierte Matthias Krüger sein erstes Training bei den Nachwuchs-Kreuzrittern – und war seitdem eine feste Größe beim SV Hermsdorf, gleich ob A-Jugend, 2. Mannschaft oder beim Prunkstück, der 1. Mannschaft in der Mitteldeutschen Oberliga. „Das waren schöne Jahre“, resümiert Krüger.

Der 30-Jährige, der in Jena das Licht der Welt erblickte und in Bollberg bei Stadtroda aufwuchs, macht keinen Hehl daraus, dass ihm das bevorstehende Auslandssemester die Entscheidung erleichtert habe. Er habe selbst noch gar nicht so viel darüber nachgedacht, habe noch nicht wirklich verinnerlicht, dass in gut drei Tagen für ihn womöglich der letzte Akt bei den Kreuzrittern eingeläutet wird. Der Alltag um Studium samt Prüfungen, der Spanischkurs für Peru und natürlich sein dreijähriger Sohn Freddi würden ihn derzeit vollends beanspruchen. Da bleibe wenig Zeit, um einmal Innezuhalten. Aber ja, Hermsdorf sei für ein paar Jahre sein Lebensmittelpunkt gewesen. Zweifelsohne. Insbesondere am Anfang, als er für ihn nur darum ging, bei den Männern Fuß zu fassen. Dergleichen sei unter Trainer Jens Friedrich sehr schwierig gewesen, wenn auch ungemein lehrreich. „Da war jede Minute Spielzeit hart erkämpft“, betont Krüger. Rückblickend könne er seine Jahre in Hermsdorf problemlos mit dem Titel seiner Lieblingsserie zusammenfassen: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“.

Er habe während seiner Kindheit und Jugend auch Fußball und Volleyball gespielt, doch am Ende siegte der Handball. „Darin war ich am besten. Außerdem sprach mich das Körperliche des Sports an, da kann man auch gut seine Aggressionen rauslassen“, sagt der Dancehall- und Electro-Fan, der in früheren Tagen nach Heimspielen auch gerne einmal in der Muna bei Bad Klosterlausnitz feierte. Der Umstand, dass Handball in der Halle ausgetragen wird, habe ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle bei seiner Entscheidung gespielt. Wenn er dann noch einmal jene Tage Revue geschehen lässt, dauert es dann auch nicht gerade lange, bis die Namen einzelner Teamkollegen fallen, mit denen er zusammen über viele Jahre in Hermsdorf wirkte: Stefan Riedel, Jan Heilwagen, Petr Nedved, Marvin Schreck oder Tobias Högl „Mit Tobias hat es immer besonders viel Spaß gemacht, am Kreis zu spielen. Er besaß ein unglaubliches Auge für Zuspiele.“

Und wie hat er die vergangenen Spielzeiten in der Thüringenliga erlebt? „Nach dem Abstieg war es irgendwie anstrengend, irgendwie war der Frust allgegenwärtig, doch in dieser Saison steht Hermsdorf wieder da, wo es hingehört: oben“, sagt Krüger, der noch einmal an die Partie gegen Sonneberg Anfang Februar erinnert, die auch bei ihm Erinnerungen an Spiele in der Mitteldeutschen Oberliga geweckt hatte. Volles Haus, super Stimmung.

Macht ihn das nicht auch ein wenig traurig, dergleichen nie wieder erleben zu können? „Ich denke, dass mich dieses Gefühl irgendwann überkommen wird, aber wahrscheinlich erst dann, wenn ich einem Spiel nur noch als Zuschauer beiwohne. So erging es mir, als ich verletzt und somit zur Passivität verdammt war. Doch erst einmal schaue ich nur auf das kommende Spiel – und das möchte ich definitiv nicht verlieren, schließlich ist es meine letztes“, sagt Krüger, um dann noch einen Satz hinterherzuschieben: „Dabei ist es für mich nebensächlich, ob ich spiele oder nicht, Hauptsache die zwei Punkte bleiben in Hermsdorf.“

Ach ja, während seines Wirkens bei den Kreuzrittern hat sich Matthias Krüger von einer Sache stets ferngehalten: dem Handballer-Fasching. Er gibt damit, wenn man denn so will, den Anti-Ehm. „Fasching ist so überhaupt nicht mein Ding.“

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