„Mit Filzstift die 10 aufs Unterhemd gekritzelt“

Jena.  Stimmen aus der Sportlandschaft Jena und dem Saale-Holzland-Kreis zum Tode von Diego Maradona

Ein Fan hält ein Trikot der argentinischen Fußballnationalmannschaft mit der Nummer von Diego Maradona hoch. Maradona war am Mittwoch (25.11.2020) im Alter von nur 60 Jahren in seinem Haus in Tigre nördlich von Buenos Aires an einem Herzinfarkt gestorben.

Ein Fan hält ein Trikot der argentinischen Fußballnationalmannschaft mit der Nummer von Diego Maradona hoch. Maradona war am Mittwoch (25.11.2020) im Alter von nur 60 Jahren in seinem Haus in Tigre nördlich von Buenos Aires an einem Herzinfarkt gestorben.

Foto: Fernando Gens / dpa

Woran denken Trainer und ehemalige Athleten sowie Personen aus der hiesigen Sportlandschaft bei Diego Maradona – wir haben uns umgehört. Fazit: Jeder hat zu ihm eine Meinung – ob positiv oder negativ. Genie, Eskapaden und natürlich die „Hand Gottes“.

Heiko Weber (55, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums des FC Carl Zeiss Jena): Bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko war ich natürlich auch ein Fan der Nationalmannschaft der BRD, doch am Ende habe ich Argentinien den Sieg gegönnt. Was er damals dargeboten hat, war einmalig. Das können nur ganz, ganz wenige. Er war ein Genie, ein kleiner Dribbler und auch etwas verrückt. Die Geschehnisse bei der Weltmeisterschaft 1994 fand ich indes traurig. Nichtsdestotrotz, ich war natürlich ein Fan von Maradona. Das musste man einfach sein. Er hat Dinge gemacht, die keiner vorhersehen konnte.

Peter Poser (71, Sportfotograf): Maradona war für mich die Verkörperung von Genialität – zumindest im Fußball. Dass er voller Widersprüche war und wohl auch ein wenig verrückt, gehört zum Gesamtpaket eines Genies. Man bekommt nicht das eine ohne das andere. Für mich hatte er seinen genialsten Moment bei der Weltmeisterschaft 1986 gegen England. Doch ich meine damit nicht die „Hand Gottes“, sondern seinen genialen Sololauf zum 2:0 beim 2:1-Sieg gegen England im Viertelfinale. Es gilt ja bis heute als das wahrscheinlich schönste Tor der WM-Geschichte. Das Turnier in Mexiko hat er dominiert. Das war sein ganz großer Auftritt. Ich habe ihn leider nie vor die Kamera bekommen. Das waren immer andere Veranstaltungen.

Anne Pochert (34, Trainerin Frauen FC Carl Zeiss Jena): Als aktiven Spieler kenne ich ihn nur aus der Retrospektive. Er schien über allem zu schweben und war wohl der beste Fußballer seiner Zeit. Ich habe mir dir eine oder andere Dokumentation über ihn angeschaut. Bewusst erlebt habe ich ihn dann erst später als Nationaltrainer von Argentinien bei der Weltmeisterschaft 2010. Und ich kann mich auch noch an seine Auftritte bei der Weltmeisterschaft 2018 erinnern – da hat er sich nicht gerade von seiner besten Seite gezeigt. Doch seine zahllosen Eskapaden werden wohl immer von seinen fußballerischen Leistungen überstrahlt werden – gerade in Argentinien und auch Neapel.

Björn Harmsen (38, ehemaliger Trainer von Science City Jena): Er war eine sehr interessante Persönlichkeit. Ich habe die Dokumentation „Maradona in Mexiko“ auf Netflix gesehen und war beeindruckt, wie herzlich und sympathisch er da wirkte. Er schien das Herz am rechten Fleck gehabt zu haben. Dass nun in Argentinien drei Tage Staatstrauer verhängt worden, zeigt recht eindrucksvoll, welchen Stellenwert er für das Land und seine Einwohner besaß und künftig wohl auch immer noch besitzen wird. Das erinnert mich ein wenig an Ayrton Senna 1994 in Brasilien. Ich habe mich nie wirklich für Fußball interessiert, doch an Maradona kam man nicht vorbei, den kannte einfach jeder. Kurzum: Er ist eine Ikone.

Peter Dauel: (40, Trainer Grün-Weiß Stadtroda): Er war für mich während meiner Kindheit und Jugend ein Vorbild. In jungen Tagen habe ich mit einem Filzstift die 10 und seinen Namen auf ein Unterhemd gekritzelt. Das war Schwerstarbeit. Maradona hat Emotionen bei mir geweckt – und das tut er auch heute noch: Ich muss mir nur dieses eine Video aus seiner Zeit bei Neapel anschauen, als er sich vor einem Spiel erwärmt. Unglaublich! Er war ein sehr spezieller Fußballer, ein Typ eben, der kein normales Leben geführt hat. Als Trainer hingegen fand ich ihn nicht so berauschend. Doch egal wie man zu ihm stehen mag, man darf nicht vergessen, was er den Menschen im Süden Italiens gegeben hat.

Thomas Wolter (41, ehemaliger Trainer SV Jena-Zwätzen): Es ist einfach nur schade. Er ist viel zu jung gestorben. Doch ich denke, dass er sein Leben gelebt hat – auch wenn es wohl nicht immer einfach für ihn war. Auf der einen Seite war er schon zu Lebzeiten in Neapel eine Legende, auf der anderen ist er dort auch in die falschen Kreise geraten. Doch er hat dort über einen langen Zeitraum gut gespielt, und bei der Weltmeisterschaft 1986 war er der beste Spieler. Es gibt immer einen, der bei einem Turnier das Zünglein an den Waage ist: 1998 war es Zidane, 1986 war es eindeutig Maradona.

Sergio Casanova (43, Manager HBV Jena): Ich bin kein Fußball-Fan, aber ich weiß natürlich um seine Verdienste. Er war zweifelsohne ein begnadeter Fußballer und zu seiner Zeit wohl auch der bekannteste. Auch ich habe ihn ja mitbekommen. Man kam ja gar nicht an ihm vorbei. Er war stets präsent und hat auch jenseits des Platzes regelmäßig Schlagzeilen geliefert, wenn auch nicht immer positive. Nach seiner aktiven Zeit hat sein Image aufgrund seines Lebenswandels meines Erachtens aber etwas gelitten. Das war für einen ehemaligen Sportler eher unrühmlich. Doch für die Menschen in Argentinien und Neapel wird er wohl für immer ein Held sein.

Thomas Lässig (49, Trainer Eintracht Eisenberg): Ich bilde mir ein, dass ich das Spiel gegen England bei den WM 1986 im Fernsehen gesehen habe. Eben jenes, wo er die „Hand Gottes“ präsentiert hat. Und dann gab es ja auch noch 1988 das Spiel im UEFA-Pokal gegen Lok Leipzig. Er war einfach genial, eine Legende und natürlich auch kein Kind von Traurigkeit. Es hat ja dann auch nicht an Eskapaden gemangelt. Aber bei so einem Hype um die eigene Person ist das ja auch nicht weiter verwunderlich. Womöglich hat ihm ein intaktes Umfeld gefehlt. Er war zweifelsohne ein Ausnahmespieler, einer, den man in einem Atemzug mit Cruyff, Pelé, Messi, Zidane oder Ronaldo nennt. Er war aber nicht mein Vorbild. Das war Marco van Basten. Ein sehr disziplinierter und auch fokussierter Spieler.

Thomas Fritsche (41, Trainer Basketballerinnen des USV Jena): Dass er mit nur 60 Jahren aus dem Leben scheiden musste, kommt nicht völlig überraschend. Sein Leben war sehr wechselhaft, ein einziges Auf und Ab. Man denke nur an das viele Kokain. Ein exzentrische Persönlichkeit, ein Enfant terrible in Reinform. Ich kann mich noch an die Weltmeisterschaft 1994 in den USA erinnern, als er suspendiert wurde. Nichtsdestotrotz, er war neben Roberto Baggio und Romario einer der großen Namen des Turniers. In technischer Hinsicht war er überragend, eben ein Künstler. Aber er war halt auch smart. Da war ja dieses eine berüchtigte Tor: die „Hand Gottes“.

Falk Werner (48, Trainer SV Schott Jena): Bei Maradona bin ich hin- und hergerissen. Was er da gegen England 1986 abgezogen hat, war für mich einfach nur unsportlich – eben das, was später als die „Hand Gottes“ in die Fußball-Geschichte eingehen sollte. Ich habe das Spiel damals im Fernsehen verfolgt. Er war zweifelsohne genial, ein begnadeter Individualist, aber da schwang immer ein fader Beigeschmack für mich mit. Das war sein Manko. Er war eben sehr streitbar – natürlich auch jenseits des Platzes. Für mich war er nie ein Vorzeigespieler. So ein Charakter ist auch für einen Trainer stets eine Herausforderung. Da ist mir sein Landsmann Messi, der ihm spielerisch gleicht, lieber. Er hat eine ganz andere Persönlichkeit, ein ganz anderes Auftreten und auch eine andere Ausstrahlung.

Tom Prager (49, Pressesprecher Science City Jena): Für mich ist er der größte Fußballer aller Zeiten. Es wird wohl niemals wieder einen Spieler geben, der so viel Gefühl in seinem Fuß hatte. Da kann auch Messi nicht mithalten. Außerdem war er der erste Fußball-Superstar, größer als Beckenbauer, Pelé oder Cruyff. Ein Name, den irgendwann gefühlt jeder auf diesem Planten kannte. Ich kann mich noch sehr gut an die Weltmeisterschaft 1986 erinnern, an das Viertelfinale gegen England und auch an das Finale gegen Deutschland. Ich war ein Fan, habe auch immer noch ein Neapel-Trikot mit der Nummer 10 bei mir im Schrank hängen.