Schiedsrichter gibt Ultras des FC Carl Zeiss Jena die Bühne für den Aufstand

Jena.  Der Schiedsrichter legt beim 0:3 des FC Carl Zeiss gegen 1860 München die DFB-Vorgaben falsch aus: Warum der Drei-Stufen-Plan das falsche Mittel war.

Fans entfernen das Protestplakat.

Fans entfernen das Protestplakat.

Foto: Tino Zippel

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Nach nur zwei Minuten war das Spiel am Sonnabend zwischen dem FC Carl Zeiss Jena und 1860 München schon wieder unterbrochen. Nachdem die Ultras der Thüringer in der Südkurve zuvor schon ein durchgestrichenes Symbol des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sowie ein Spruchband mit der Aufschrift „Die Doppelmoral des DFB ist der Hohn“ hochgehalten hatten, enthüllten sie das zuvor am Zaun noch verdeckte Plakat: „Und D. Hopp ein Hurensohn.“ Als Schiedsrichter Florian Exner das sah, pfiff er ab.

Der Referee wandte den Drei-Stufen-Plan des DFB an. Es folgte eine Stadiondurchsage mit der Bitte, das Spruchband abzunehmen. Als dies zunächst ausblieb, schickte Exner die Teams in die Kabinen – Stufe zwei. Zu Stufe drei, dem kompletten Spielabbruch, kam es nicht.

Kannte Schiedsrichter Exner die DFB-Direktive nicht?

Offenbar kannte der Schiedsrichter die neueste DFB-Direktive vom Freitag nicht. Demnach gilt der Drei-Stufen-Plan nur bei „Diskriminierungen aufgrund von Alter, Behinderung, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, ethnischer Herkunft oder sexueller Identität“. Laut DFB-Präsidium wird der Plan auch bei personifizierten Gewaltandrohungen, zum Beispiel Personen im Fadenkreuz, genutzt. Personifizierte Gewaltandrohungen gab es aber nicht. Dagegen sei „Kritik gegen Institutionen und Personen“ zulässig. „Selbst wenn sie beleidigend oder grob unsportlich sein sollten, kann das Spiel auch künftig weiterlaufen.“

Doppelmoral des Deutschen Fußball-Bundes angeprangert

Auf ihrer Internetseite veröffentlicht die Horda Azzuro eine Erklärung der Fanszenen. Sie prangern die Doppelmoral des Verbandes an, der Kollektivstrafen ausspricht, die nicht mit dem deutschen Rechtssystem vereinbar seien. Zudem werde der Verletzung von Menschenrechten Vorschub geleistet, etwa durch die Unterstützung der WM in Katar.

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Die Fans nahmen nach einigen Minuten und Diskussionen ihre Beleidigung in Richtung Hopp ab. Nach dem Spiel hieß es, sie wollten keinesfalls einen Spielabbruch provozieren. Das dokumentiert sich auch im Spruchband: „Uns nutzt nicht mal ein Spielabbruch – wir brauchen ‘nen Reset-Knopf.“

1860 München geht direkt nach Spielunterbrechung in Führung

Nach fast einer Viertelstunde Pause pfiff der Schiedsrichter wieder an. Sehr zum Leidwesen der Hausherren. Es ging mit Eckball für 1860 weiter. „Die Unterbrechung war lang. Das soll keine Entschuldigung sein. Aber es hat nicht dazu beigetragen, dass wir konzentriert waren“, sagt Jenas Teamchef René Klingbeil, dessen Mannschaft die erste Ecke der Münchner noch verteidigen konnte. Bei der gleich darauf folgenden zappelte der Ball aber im Zeiss-Tor. Timo Gebhart hatte für 1860 getroffen, die Uhr zeigte mittlerweile die 16. Spielminute an – Unterbrechung inklusive. Einmal mehr hatte die Abwehr sich bei Standards des Gegners stümperhaft angestellt. Spätestens, als Efkan Bekiroglu in der 32. Minute auf 2:0 für die Münchner erhöhte, war die Begegnung entschieden.

Kaum Gegenwehr, kein Glaube – der FC Carl Zeiss, der in der 55. Minute durch Stefan Lex noch den 0:3-Endstand kassierte, präsentierte sich einmal mehr wie ein Absteiger. Da nützte auch die Schlussoffensive mit einem aberkannten Tor, als 1860 bereits den Schongang eingelegt hatte, nichts mehr.

Auch Münchner-Fans protestieren

Der Blick in die Fankurve war spannender. Die mit den Jenaern verfeindeten 1860-Anhänger hatten übrigens auch eine Botschaft für den DFB: „Etliche Male Versprechen gebrochen und Investoren in den Arsch gekrochen. Ihr macht den Fußball kaputt.“

Als die Jenaer Ultras wiederum „Dietmar Hopp, Hurensohn“ skandierten und das Spruchband „Kritiker mundtot machen + Kollektivstrafen. Habt ihr das von Dietmars Papa gelernt?“ zeigten, glaubten viele der 5369 Zuschauer, dass die Begegnung ein vorzeitiges Ende findet. Das Plakat war eine Anspiel auf Hopps Vater, der 1938 als SA-Anführer eine Synagoge mit zerstört hatte.

FC-Geschäftsführer hat kein Verständnis für persönliche Beleidigungen

Offenbar hatte der Schiedsrichter zwischenzeitlich Nachhilfe bekommen, der weiterspielen ließ. „Natürlich haben wir kein Verständnis für persönliche Beleidigungen. Das gehört nicht hierher und das wollen wir auch nicht sehen“, sagte FC-Geschäftsführer Chris Förster. „Die Fans wollen sich Gehör zu verschaffen, um gegen diese Kollektivstrafen zu protestieren. Die gehen aus unserer Sicht auch nicht.“

Spielernoten

  • Coppens 4,0
  • Fassnacht 4,5
  • Volkmer 5,0
  • Sulu 4,0
  • Bock 4,5
  • Rohr 4,5
  • Kübler 4,5
  • Obermair 4,5
  • Gabriele 5,0
  • Mickels 3,5
  • Günther-Schmidt 4,5
  • Pagliuca (ab 59. Minute) 3,5
  • Kircher (ab 69. Minute) 3,5
  • Skenderovic (ab 75. Minute) –

Am Rande notiert

1860-Bus mit Panne: Eine verspätete Abreise aus dem Ernst-Abbe-Sportfeld musste der TSV 1860 München in Kauf nehmen. Beim Teambus hatte sich wegen Materialermüdung die Reifenflanke ausgebeult – der Pannendienst kam später als erhofft. Abfahrt war erst 19.30 Uhr.

Pech für Stanese: Einer, der auf jeden Fall in der Startelf gestanden hätte, wäre Jenas Daniel Stanese gewesen. Das sagte Teamchef René Klingbeil nach dem Spiel. Doch ausgerechnet am Tag des Spiels bekam der Defensivspieler einen Magen-Darm-Infekt und musste passen.

Kommentar: Zeit für mehr Gelassenheit

Raphael Obermair vom FC Carl Zeiss Jena: Nicht als Letzter absteigen

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