Steffen Geisendorf über das Pokalfinale mit Schott gegen Erfurt „Ein wenig gaga vor Freude“

Jena.  Unvergessene Momente: 2013 gewinnt Schott Jena mit Trainer Steffen Geisendorf im Finale des Thüringen-Pokals über Rot-Weiß Erfurt

Schott-Trainer Steffen Geisendorf nach dem Sieg seines Teams im Finale.

Schott-Trainer Steffen Geisendorf nach dem Sieg seines Teams im Finale.

Foto: Sascha Fromm

In der 80. Minute setzte sich Steffen Geisendorf auf die Bank – und zwar für den Rest der Partie. Der Trainer des SV Schott Jena hatte zu jenem Zeitpunkt am 22. Mai 2013 eingesehen, dass es nichts bringt, wenn er da am Spielfeldrand im Ernst-Abbe-Sportfeld seine Stimmbänder malträtiert und unruhig auf- und abläuft. Die Spieler hätten das sowieso nicht mitbekommen. Für die noch ausstehenden Minuten gab er also den Fußball-Stoiker und versuchte die Dinge einfach nur noch hinzunehmen. Komme, was da wolle. „Ich stand kurz davor, zu kollabieren“, sagt Steffen Geisendorf und lacht.

Bahners Distanzschuss sitzt

In jenen Momenten lagen die Glaswerker aus Jena im Finale des Thüringen-Pokals gegen Rot-Weiß Erfurt vor 3000 Zuschauern mit 1:0 in Führung. Bereits in der 6. Spielminute hatte Benjamin Bahner für Schott aus gut 30 Metern getroffen. Völlig unerwartet kredenzte Bahner einen Distanzschuss, der am Ende in der Gestalt eines fiesen Aufsetzers dem Gastgeber die Führung und letztlich auch den Sieg bescherte.

„Ich habe ihm vor dem Spiel gesagt, dass er einfach schießen soll, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt – und das hat er dann auch tatsächlich gemacht. Das war aber auch ein abenteuerlicher Schuss“, erinnert sich Geisendorf, der ab dem Zeitpunkt des Treffers bis zu seinem Gang zur Bank ein Wechselbad der Gefühle durchlebt: Euphorie, Anspannung, Zweifel, Wut und auch Erleichterung – der klassische Trainer-Wahnsinn eben.

Doch in der 80. Minute wurde es ihm schlichtweg zu viel. Er stieg aus der Gefühlsachterbahn und verbannte sich selbst auf die Bank. „Da saß ich nun, und bei jedem Erfurter Foul sprangen die anderen Trainer vor mir wild herum und schrien förmlich ihre Seelen aus ihren Leibern.“

Ja, eine Sensation bahnte sich da im Ernst-Abbe-Sportfeld an, schließlich lagen zwischen beiden Mannschaften drei Spielklassen: Thüringenliga gegen 3. Liga.

Hier kann was gehen

„So ab der 75. Minute wurde uns allen klar, dass wir hier gewinnen können. Nachdem unser Torhüter Brian Gheorghiu die sechste oder siebente Großchance von Erfurt in der zweiten Halbzeit vereitelt hatte und auch die Feldspieler immer mehr über sich hinauswuchsen und gefühlt jeden Zweikampf gewannen, dämmerte es uns allen, dass wir hier tatsächlich als Sieger vom Platz gehen könnten“, sagt Geisendorf, der mittlerweile den FC Thüringen Jena trainiert.

Im Viertelfinale hatten die Glaswerker aus der Universitätsstadt Wacker Nordhausen in der Verlängerung mit 4:3 auf dem heimischen Kunstrasen geschlagen. Im Halbfinale siegte man mit 1:0 über SpVgg Siebleben – und zum Finale nun das in Jena leidenschaftlich gehasste Team aus der Landeshauptstadt.

Die selbstauferlegte Beherrschung samt Verbannung auf die Bank war indes mit dem Abpfiff der Partie schlagartig Geschichte. „Ich war wie ein Flummiball, der wieder eingefangen werden musste“, sagt Geisendorf. Er sei im Ernst-Abbe-Sportfeld herumgerannt, von A nach B nach C und auch D, habe alle möglichen Leute umarmt und sei vor Freude schlichtweg ein wenig gaga gewesen.

„Eigentlich war das Finale für uns nur ein Zubrot. Die Meisterschaft und der Aufstieg genossen Priorität“, erinnert sich Geisendorf, der dann auch noch mit dem SV Schott Jena am Ende der Spielzeit 2012/13 in die Oberliga aufstieg. Doch an jenem 22. Mai hatte sein Team den Meistertitel noch nicht sicher. „Wir waren auf jeden Fall richtig gut drauf, aber für das Finale haben wir uns nicht wirklich etwas ausgerechnet.“

Drei oder gar vier Tage hätte die Euphorie über den Pokalsieg in seinem Team angehalten. Ein normales Training sei kaum möglich gewesen. „Das war wirklich schwierig. Sie waren im Rausch. Selbst beim Auslaufen im Training kam da noch etwas. Man konnte sie kaum erden. Dieser Zustand hat dann auch recht lange angehalten. Sie konnten sich nach dem Erfolg kaum noch auf die Meisterschaft konzentrieren“, erinnert sich Geisendorf.

Zum Glück habe man zu jenem Zeitpunkt souverän an der Tabellenspitze der Thüringenliga gestanden. „Wir hatten einen eindrucksvollen Vorsprung und mussten uns kein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einem Kontrahenten liefern, sonst hätte es wohl heikel werden können mit dem Aufstieg in die Oberliga“, gibt Geisendorf zu bedenken.

Hamburger SV müht sich 76 Minuten

Mit dem Sieg im Thüringen-Pokal hatte sich Schott Jena dann auch für den DFB-Pokal qualifiziert. Im August 2013 gastierte in der 1. Runde der Hamburger SV im Jenaer Paradies. 0:4 unterlag der Neo-Oberligist von der Saale dem Team aus der Bundesliga. „Hoffnung hat man ja immer, aber da war uns schon klar, dass wir keine Chance haben werden. Obwohl, bis zur 76. Minute fiel ja damals kein Tor. Und wer weiß, wenn Benjamin Bahner in der 44. Minute getroffen hätte…“, sinniert Geisendorf. Er ist aber auch der Überzeugung, dass sein Team nicht mehr aus der Kabine gekommen wäre, wenn es kurz vor der Halbzeit das 1:0 erzielt hätte.

„Rückblickend kann ich sagen, dass der Pokalsieg der bisherige Höhepunkt für mich war. Aber es war nicht allein der Pokal, es war diese Spielzeit 2012/13: der Weg ins Finale, die Meisterschaft und der Aufstieg sowie das starke Team, das ich trainieren durfte und schließlich auch das Spiel gegen den Hamburger SV. Eine sehr schöne und auch etwas verrückte Zeit“, sagt Geisendorf.

Ach ja, nach dem Sieg über Rot-Weiß Erfurt habe man es noch richtig krachen lassen. Erst im VIP-Raum vom FC Carl Zeiss Jena, später in einem italienischen Restaurant. „Ich bin dann irgendwann los, aber der Kern der Mannschaft hat einfach durchgemacht. Als ich dann morgens wieder auf Arbeit gefahren bin, habe ich ein paar Spieler von mir noch gesehen, wie sie da vor einem Hotel im Stadtzentrum saßen und Kaffee tranken“, erinnert sich Steffen Geisendorf.