Zwätzens Torwart Ron Thaler: „Ich hab einfach nur verdammt viel Pech gehabt.“

Jena.  Vor zwei Jahren beendeten ein Riss der Achillessehne und eine Keim-Infektion die Karriere von Torhüter Ron Thaler

Von 2007 bis 2018 hütete Ron Thaler das Tor der 1. Mannschaft des SV Jena-Zwätzen.

Von 2007 bis 2018 hütete Ron Thaler das Tor der 1. Mannschaft des SV Jena-Zwätzen.

Foto: Peter Poser

Das Datum hat Ron Thaler nicht vergessen. Er muss nicht lange überlegen. Im Gegenteil, kommt der ehemalige Torhüter doch umgehend auf den 9. Mai 2018 zu sprechen.

Es war ein Mittwoch, der Tag vor Christi Himmelfahrt – auch das hat Thaler nicht vergessen. Er weiß auch noch, wie der Gegner damals hieß: Grün-Weiß Stadtroda. Und er kann auch noch exakt die Spielminute von einst benennen, in der er vor seinem Gehäuse regelrecht zusammenbrach: Es war die 83.

„Wir lagen in Führung, und ich wollte einfach nur den Ball für den Abstoß holen, doch als ich den ersten Schritt machte, hat meine Achillessehne so sehr gezogen, dass ich auf einmal zusammensackte“, sagt Thaler, der von 2007 bis 2018 das Tor der 1. Mannschaft des SV Jena-Zwätzen hütete.

Im ersten Moment habe er gar nicht gewusst, was geschehen war. Dann dämmerte es ihm, denn bereits vor der Partie plagten ihn Schmerzen entlang der rechten Achillessehne, die jedoch erträglich waren. Doch jetzt konnte er nicht mehr laufen und musste vom Spielfeld getragen werden. Thaler wurde umgehend ins Jenaer Universitätsklinikum eingeliefert. Dort ergaben jedoch erste Tests, dass die Sehne noch intakt war. „Sie hing zu jenem Zeitpunkt wahrscheinlich noch an einem seidenen Faden“, sagt Thaler.

Mit einem Verband am Fuß und dem Verdacht auf einen Muskelfaserriss wurde er schließlich wieder nach Hause geschickt. Er humpelte, ging aber weiterhin auf Arbeit. Allein die Schmerzen wurden während dieser Tage immer größer. Drei, vier Wochen quälte sich Thaler durch seinen Alltag, bis er eines Tages auf der Treppe in seinem Wohnhaus ausrutschte. „Das hat mir dann wohl den Rest gegeben. Da war sie dann endgültig durch. Ich konnte nicht mehr laufen“, erinnert sich der 32-Jährige, der als Hortkoordinator in der Jenaer Westschule arbeitet.

Er musste umgehend operiert werden. Am 29. Juni erfolgte der Eingriff im Apoldaer Krankenhaus. An den Tagen danach plagte ihn jedoch Fieber. Irgendetwas stimmte nicht. Als er schließlich entlassen werden sollte, wurde der Verband abgenommen. Die Wunde hatte sich entzündet. „Das Fleisch war regelrecht gammlig geworden“, erinnert sich Thaler. Zwei Keime seien für die Entzündung verantwortlich gewesen.

Er bekam eine Vakuumpumpe mit einem Schwamm, der Antibiotika beinhaltete, an die offene Stelle angebracht und wurde nach Jena verlegt. Der Schwamm musste jedoch aller vier Tage gewechselt werden. Dafür wiederum war stets eine Operation unter Vollnarkose notwendig. Am Ende sollten es sieben Eingriffe binnen dreieinhalb Wochen werden.

Unterschenkel oder Achillessehne

Eines Tages nun suchte ihn ein befreundeter Arzt im Jenaer Universitätsklinikum auf, der ihn schlussendlich vor die Wahl stellte: Unterschenkel-Amputation oder die Achillessehne wird entfernt. Thaler entschied sich für Letzteres – wohlwissend, dass er zwar seinen Unterschenkel behält, aber wohl nie wieder zwischen den Pfosten stehen wird. „Pech, einfach nur verdammt viel Pech“, resümiert Ron Thaler über jene Wochen im Jahr 2018, die sein Leben nachhaltig veränderten.

Er wollte immer schon im Tor stehen. Seit seiner Kindheit sei das sein Traum gewesen. Oliver Kahn und Peter Schmeichel waren seine Vorbilder. Doch anfangs blieb ihm dieser Wunsch verwehrt. Statt zwischen den Pfosten Dienst zu schieben, musste er als Kind die linke Außenbahn beim FC Carl Zeiss Jena beackern. „Mir hat das überhaupt keinen Spaß gemacht. Ich war ein richtig schlechter Linksverteidiger. Das ewige Gerenne, das war überhaupt nicht mein Ding. Ich wolle lieber durch die Luft fliegen und Bälle fangen.“

Das Problem war nur, dass es bereits einen guten Torwart in seiner Mannschaft gab. Da habe er keine Chance gehabt. Daraufhin wechselte Thaler 2000 im Alter von zwölf Jahren nach Zwätzen, wo sich sein Traum endlich materialisierte.

Während der 32-Jährige spricht, schweift sein Blick immer wieder über das Fußball-Areal im Norden von Jena. Die 1. und auch 2. Mannschaft von Jena-Zwätzen trainieren an einem warmen Tag im September unterhalb der imposanten Linde in dem Fußballkleinod.

Er habe den Ort in den vergangenen zwei Jahren bewusst gemieden, sei auch nicht zu den Spielen gegangen, da ihn das emotional zu sehr mitgenommen hätte, sagt Thaler, dessen Stimme ein wenig brüchig wird, wenn er davon berichtet. „Ich habe diesen Verein gelebt, habe bei der Organisation geholfen, bin die Busse gefahren – und auf einmal ist das alles weggebrochen.“

Kontakt zu Teamkollegen bewusst gemieden

Während dieser emotional schweren Phase habe er auch bewusst den Kontakt zu seinen Teamkollegen gemieden. Er habe einfach niemanden sehen wollen, denn das hätte ihn immer daran erinnert, dass er seinen Sport nicht mehr ausüben kann. Der Gedanke sei mitunter unerträglich gewesen.

Vor seiner Verletzung habe er gefühlt jede Tabelle auswendig gekannt, habe immer gewusst, wer, wann und wo spielt. Das sei jetzt nicht mehr der Fall. Und dennoch fehle ihm etwas. „Wenn ich das Gelände betrete, legt sich bei mir im Kopf immer noch ein Schalter um. Dann bin ich auf einmal wieder im Wettkampf-Modus und die Rituale vor einem Spiel kommen mir wieder in den Sinn, all die Abläufe vor einem Training oder während eines Spieltages. Das fehlt mir halt einfach.“

Fitnessraum im Keller

In seinem Keller habe er sich einen kleinen Fitnessraum hergerichtet, wo er ein wenig trainieren kann, um halbwegs in Form zu bleiben. 94 Kilogramm habe er während seiner aktiven Zeit gewogen, 89 als er aus dem Krankenhaus kam. Danach schnellte sein Gewicht in die Höhe, lag zwischenzeitlich bei 115 Kilogramm. „Ich bin halt so ein Typ, der sofort explodiert, wenn er keinen Sport macht.“

Und wie ist es um das Laufen im Alltag bestellt? „Wenn mir davor jemand gesagt hätte, wie gut man auch ohne Achillessehne laufen kann, hätte ich ihm das nicht geglaubt“, sagt Thaler. Zwar könne er seinen rechten Fuß nicht mehr richtig abrollen, könne aber durchaus wandern gehen. Allein schnelle Bewegungen würden beizeiten Krämpfe nach sich ziehen.

Mittlerweile erlaube es ihm auch sein Gemütszustand wieder, Spielen von Zwätzen beizuwohnen. An manchen Tagen verkrafte er das besser, an anderen weniger. Es sei eben ein Auf und Ab. „Ich neige zudem dazu, mich einzumischen. Ich kann so ein Spiel nicht entspannt anschauen.“

Zu schätzen weiß er mittlerweile auch spielfreie Wochenenden. Vor seiner Verletzung habe es das über Jahre nicht gegeben. „Ich kann jetzt meiner Partnerin etwas zurückgeben. Ohne sie und meine Kinder hätte ich die Zeit nicht so gut überstanden. Dann wäre es für mich wohl richtig hart geworden“, sagt Thaler.

Vor ein paar Monaten trat nun der Verein an ihn heran. Er wurde gefragt, ob er sich vorstellen könne, als Jugend- oder gar Torwarttrainer für Zwätzen zu arbeiten. Thaler bat um etwas Bedenkzeit. „Ich musste das erst einmal mit mir selbst klären, doch dann habe ich zugestimmt“, sagt der einstige Torhüter, der künftig nun wieder regelmäßig an seiner alten Wirkungsstätte anzutreffen sein wird.

Ach ja, als Ron Thaler im Alter von zwölf Jahren beim SV Jena-Zwätzen aufschlug, um seinen Traum vom Torhüter zu verwirklichen, behauptete er einfach kaltschnäuzig, dass er zuvor beim FCC zwischen den Pfosten stand. „Dass das nicht stimmte, ist erst zwei Jahre später über Umwege herausgekommen. Ich habe meine Sache anscheinend ganz gutgemacht“, sagt Thaler und lacht herzhaft.