Wie die Deutsche Bahn in Thüringen über 600.000 Liter Diesel sparen will

Gera.  Die Deutsche Bahn rüstet ihre Dieselzüge in Thüringen auf: Ein neues System erzieht Lokführer zum Dieselgeiz.

Michael Blanke steuert einen Neigetechnikzug der Baureihe 612, der neu mit dem Telematiksystem ausgestattet ist.

Michael Blanke steuert einen Neigetechnikzug der Baureihe 612, der neu mit dem Telematiksystem ausgestattet ist.

Foto: Tino Zippel

Ein Auto kommt auf 100 Kilometern mit fünf Litern Diesel aus. Ein einzelner Neigetechnik-Triebwagen der Deutschen Bahn, wie er auf der Linie von Göttingen nach Glauchau durch ganz Thüringen fährt, benötigt 125 Liter auf 100 Kilometern. Doch hier setzt das Unternehmen an: Die Deutsche Bahn hat Zusatztechnik in den Zügen installiert, um durch energieschonende Fahrweise bis zu sieben Prozent Kraftstoff zu sparen.

„Bislang konnten wir unseren Lokführern nur bei Elektrozügen spezifische Verbrauchswerte und somit eine Aussage zu ihrer Fahr­effizienz übermitteln“, sagt Marcus Joseph, Leiter Triebfahrzeugführer in der Region Südost der Deutschen Bahn. Bei Dieselfahrzeugen sei allenfalls eine grobe Abschätzung möglich gewesen. Nun hat die Bahn das Telematiksystem Resy installiert. „Das ist besonders in Thüringen wichtig, wo wir nur Dieselleistungen erbringen.“

Mehrere Fahrstrategien für jeden Streckenabschnitt hinterlegt

Im Führerstand fällt das zusätzliche Display gleich ins Auge. Das Gerät wirkt wie ein zu groß geratenes Navigationssystem. Doch es zeigt dem Triebfahrzeugführer nicht den richtigen Weg, sondern bietet ihm energieschonende Beschleunigungstipps. „Das Gerät ist an die Fahrzeugdaten angebunden, liest aktuelle Drehzahl oder den Verbrauch aus und übermittelt alles zusammen mit Koordinationsdaten an einen Zentralserver“, erläutert Jannis Ette vom Anbieter Quo Connect. Das Unternehmen wertete so Tausende von Fahrten anonymisiert aus, um herauszufinden, wie streckenabhängig energiesparendes Fahren funktioniert. „Dieses Wissen haben wir in Form von Fahrstrategien hinterlegt – und zwar für jeden Teilabschnitt einer Strecke.“

So sieht der Triebfahrzeugführer vor dem Start in Weimar in Richtung Jena, wie stark er an welchem Punkt der Strecke beschleunigen soll. Natürlich sind im Gerät die erlaubten Geschwindigkeiten und der Fahrplan hinterlegt, um die optimale Fahrt zu ermöglichen. „Pünktlichkeit und Sicherheit stehen immer vor der Energie­effizienz“, betont Marcus Joseph. Dennoch bietet sich die Chance, im Rahmen des Fahrplans nicht übermäßig viel Diesel einzusetzen. Nach der Fahrt gibt das System einen Effizienzwert zwischen A und D aus – eine Skala, die von Küchengeräten bekannt ist.

Zug rollt 20 Kilometer

Das System berücksichtigt die bergige Topographie zwischen Weimar und Gera. „Wenn die 116 Tonnen eines solchen Zuges einmal beschleunigt sind, kann er bergab auch 20 Kilometer weit rollen“, sagt Jannis Ette. So empfiehlt das Gerät nach dem Stopp im Bahnhof Hermsdorf-Klosterlausnitz mit 80 Prozent Leistung auf 95 Kilometer pro Stunde zu beschleunigen. Noch vor dem Bahnübergang in Klosterlausnitz, also noch in der Steigung, braucht der Triebfahrzeugführer keine Energie mehr zuzuführen.

Das Tempo reicht, um über den Gipfelpunkt zu kommen und im Gefälle nach Gera mit bis zu 140 Kilometern in der Stunde zu rollen. Zwischendurch muss der Lokführer gar bremsen, um die Strecken­geschwindigkeit nicht zu überschreiten. Für den Abschnitt sind fünf Strategien im Gerät hinterlegt mit Zielfahrzeiten zwischen 11.50 und 13.30 Minuten – je nachdem, wieviel Luft der Fahrplan bietet.

Wettbewerb unter Lokführern in Gera ausgebrochen

„Das Gerät prognostiziert die Fahrzeit exakt. Wir kommen maximal mit Abweichungen von drei, vier Sekunden am Bahnsteig an“, sagt Michael Blanke, Teamleiter der 60 Lokführer in Gera. Zunächst braucht es ein wenig Umgewöhnung, um vom persönlichen Erfahrungsschatz abzuweichen. „Die Kollegen sind sehr ehrgeizig. Inzwischen ist ein Wettkampf um die effizienteste Fahrt entbrannt.“ Dennoch ersetzen die hinterlegten Fahrstrategien nicht die persönliche Einschätzung. Bei kurzfristig angeordneten Langsamfahrstellen auf der Strecke müssen die Triebfahrzeugführer diese genauso mitkalkulieren wie aus der Erfahrung bekannte längere Aufenthaltszeiten wegen des Andrangs am Halt Jena-West.

Doch wieviel Diesel spart die Deutsche Bahn wirklich? Die Thüringer Neigetechnikzüge verbrauchen laut Marcus Joseph neun Millionen Liter Diesel pro Jahr. Bereits jetzt ist eine Einsparung von drei Prozent erreicht – in anderen Regionen gelingen bis zu sieben Prozent.

In Fahrassistenzsysteme in Zügen und Bussen investiert die Deutsche Bahn 13,4 Millionen Euro. Das Unternehmen beziffert das deutschlandweite Sparpotenzial mit jährlich 11,5 Millionen Litern Diesel. „Das spart nicht nur Kosten, sondern reduziert auch den Kohlendioxid-Ausstoß“, sagt Marcus Joseph. Er will Lokführer durch persönliche Effizienzberichte, die auch Teilstrecken analysieren und Ansatzpunkte für Verbesserungen aufzeigen, anspornen. „Erstmals können wir eine echte Rückmeldung geben und bei Bedarf nachschulen.“