Von Schlecker in den Kindergarten

Wie sich Politik und Arbeitsagentur die Perspektive für die 25 000 Schlecker-Frauen vorstellen. Die Arbeitsagentur wagt keine Prognose. Noch sind etliche Fragen ungeklärt.

Seit gestern ist Ausverkauf bei Schlecker. 30 bis 50 Prozent Preisnachlass gibt’s laut Insolvenzverwalter. Foto: dapd

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Berlin. Aus den gekündigten Schlecker-Mitarbeitern sollen nach dem Willen von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) Erzieher oder Altenpfleger werden. Die Beschäftigten könnten in Mangelberufe umgeschult werden, sagte von der Leyen nach einem Krisen-Gipfel in Berlin. Was ist dran an der Idee? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was haben Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise und Verdi-Chef Frank Bsirske vereinbart?

Sie verständigten sich bei einem ersten Krisengespräch in Berlin darauf, dass allen Schlecker-Mitarbeitern, die nicht rasch eine neue Arbeit finden, Umschulungen und Weiterbildung ermöglicht werden sollen - in strukturschwachen Regionen auch mit einem speziellen Arbeitsagentur-Programm für Umschulungen. Dabei werben alle drei für eine Ausbildung in den Mangelberufen Erzieher und Altenpfleger, es geht aber um Weiterqualifizierungen.

Was sagt die Gewerkschaft?

"Die Umschulung zum Erzieher oder Altenpfleger, bei denen es eine echte Mangelsituation, kann eine Chance eröffnen für die Arbeitnehmer und für die Gesellschaft.

Wir wollen zusammen das Beste aus der dramatischen Situation machen", erklärt Verdi-Chef Frank Bsirske dazu.

Wie reagiert die Politik?

Familienministerin Kristina Schröder (CDU) hat den Vorschlag ihrer Kabinettskollegin begrüßt: Mit der Umschulung der Schlecker-Mitarbeiterinnen könne der schleppende Kita-Ausbau voran gebracht werden.

Zwingend sei aber hohe Qualität bei der Aus- und Weiterbildung in diesem "sensiblen Bereich".

"Das kann für einen Teil der Frauen eine Option sein", sagt Katja Dörner, familienpolitische Sprecherin der Grünen, gegenüber dieser Zeitung. Es sei allerdings, "ein Irrglaube, die U-3-Problematik durch die Schlecker-Frauen lösen zu können".

In den alten Bundesländern fehlen mehr als 12 000 Erzieherinnen und mehr als 17 000 Tagesmütter, um im August 2013 jedem dritten Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz zur Verfügung zu stellen.

Familienexpertin Dörner hält das Umschulungsangebot daher für scheinheilig: "Es ist ein Ablenkungsmanöver, weil es keine Transfergesellschaft für die Schlecker-Verkäuferinnen gibt."

An wen richtet sich das Angebot, Erzieher oder Altenpfleger zu werden?

Grundsätzlich werden die Arbeitsagenturen mit allen 25 000 Arbeitnehmern ein individuelles Gespräch führen, in denen ihnen alle Möglichkeiten vorgestellt werden sollen, sagt Bundesagentur-Sprecherin Susanne Eikemeier unserer Zeitung.

Ein Teil werde sicher sofort wieder in Arbeit vermittelt werden können und kaum Interesse an dem Angebot haben. "Jeder muss für sich entscheiden, ob für ihn ein solches Berufsfeld in Frage kommt". BA-Chef Weise: "Jeder individuelle Fall liegt anders." Die Bundesagentur schult ohnehin schon jetzt jedes Jahr etwa 2500 Menschen zu Kita-Erzieherinnen um.

Auch die Schlecker-Frauen müssen aber die notwendigen Qualifikationen vorweisen, betont die Bundesagentur für Arbeit: Für Erzieher- und Altenpflegeausbildung ist meist ein mittlerer Schulabschluss notwendig oder eine abgeschlossene Berufsausbildung. Ein Drittel der Schlecker-Beschäftigten haben laut Arbeitsministerium keinen Berufsabschluss.

Wieviel Schlecker-Frauen werden von dem Angebot Gebrauch machen?

Es gibt keine Prognosen, sagt die Bundesagentur. Bislang sei gar nicht geklärt, wie viel Kapazitäten die Fachschulen für Erzieher und Altenpfleger eigentlich haben, sagt Sprecherin Eikemeier unserer Zeitung. Bislang sei mit vielen Schlecker-Arbeitnehmern auch gar kein Gespräch geführt worden, viele hätten bisher nicht einmal die Kündigung erhalten und seien noch nicht arbeitslos gemeldet.

Wie läuft die Ausbildung?

"Es geht nicht um eine Schmalspurausbildung", sagt von der Leyen. Die Ausbildung für beide Berufe dauert regulär drei Jahre. Die Betroffenen erhalten in der Regel während der Weiterbildung Arbeitslosengeld, also 67 Prozent des letzten Nettolohnes. Die Schulkosten für die ersten beiden Jahre übernimmt die Arbeitsagentur. Unklar ist noch, wie das dritte Schuljahr finanziert wird; darüber muss die Arbeitsagentur erst noch mit Bund, Ländern und Kommunen verhandeln.

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