Der Mantel des Schweigens

Frank Quilitzsch über Tragödien des 20. Jahrhunderts, die scheinbar niemals enden.

Frank Quilitzsch.

Frank Quilitzsch.

Foto: Andreas Wetzel

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Alexander Osang ist nach Gorbatow aufgebrochen, wo sein russischer Urgroßvater, ein ermordeter Revolutionär, begraben liegt – „eine Reise zu den Dämonen meines Geschlechts“, wie er im Spiegel schreibt. Daraus ist ein 600 Seiten starker Familienroman hervorgegangen, der dem verschlungenen Weg seiner Großmutter aus der Sowjetunion in die DDR folgt: „Die Leben der Elena Silber“.

Eugen Ruge, Autor des preisgekrönten Romans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, hat in Moskauer Archiven die Akten seiner Großmutter eingesehen, einer Kommunistin, die vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen war und dort im Zuge der stalinistischen Säuberungen im Gulag landete, wovon er, der Enkel, nie etwas erfahren sollte. Nun erzählt er ausführlich darüber in seinem Tatsachenroman „Metropol“.

Vor einigen Jahren hat der Thüringer Autor und Journalist Sergej Lochthofen einen Roman mit dem Titel „Schwarzes Eis“ über den Leidensweg seines Vaters, des deutschen Kommunisten Lorenz Locht­hofen, veröffentlicht, der in der UdSSR Arbeitslager und Verbannung überlebte und 1956 mit Frau und zwei Söhnen in die DDR ausreisen durfte.

Und gerade läuft in unseren Kinos Bernd Böhlichs Spielfilm „Und der Zukunft zugewandt“, der das erschütternde Schicksal einer aus der Lagerhölle von Workuta in die DDR „heimgeholten“ Kommunistin erzählt. Alexandra Maria Lara spielt eindrucksvoll die Rolle der zu lebenslangem Schweigen Verurteilten, die an ihrem Schicksal zerbricht und dennoch an ihrer kommunistischen Überzeugung festhält.

Der Film, der laut Regisseur von den Erzählungen der ebenfalls mitwirkenden Schauspielerin Swetlana Schönfeld inspiriert wurde, erinnert mich an das Schicksal der im Januar 1989 in Leipzig verstorbenen Germanistin Trude Richter. 1966 hatte sie damit begonnen, ihre Erlebnisse im sowjetischen Arbeitslager von Kolyma (1938–1946) und während der Verbannung in Ust-Omtschug (1949–1953) aufzuschreiben. Heimlich, denn auch ihr hatte die DDR-Führung einen Maulkorb und Publikationsverbot verpasst.

Natürlich hätte das Manuskript jederzeit im Westen veröffentlicht werden können, doch das kam für die – immer noch überzeugte – Kommunistin nicht infrage. Trude Richter starb wenige Monate vor dem Mauerfall und verpasste somit das Erscheinen ihres Buches „Totgesagt“, das 1990 noch in den letzten Tagen DDR erschien.

Ich habe es mit tiefer Erschütterung gelesen. Sie gibt darin an, die Niederschrift ihrer Erinnerungen im September 1964 in Jalta beendet zu haben. Unglaublich: Das Manuskript hat 26 Jahre unter Verschluss gelegen, und nur wenige haben davon gewusst! Wie kann man jemanden, der 19 Jahre Lagerhaft und Verbannung überstanden hat, auch noch zwingen, im Interesse der „guten Sache“ darüber den Mantel des Schweigens zu breiten? Und wie kann es sein, dass ich, der ich Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“ und Peter Weiss’ „Die Ermittlung“ gelesen hatte, nichts davon wusste? Diese Frage quält mich bis heute.

Alexander Osang ist nach Gorbatow aufgebrochen, wo sein russischer Urgroßvater, ein ermordeter Revolutionär, begraben liegt – „eine Reise zu den Dämonen meines Geschlechts“, wie er im Spiegel schreibt. Daraus ist ein 600 Seiten starker Familienroman hervorgegangen, der dem verschlungenen Weg seiner Großmutter aus der Sowjetunion in die DDR folgt: „Die Leben der Elena Silber“.

Eugen Ruge, Autor des preisgekrönten Romans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, hat in Moskauer Archiven die Akten seiner Großmutter eingesehen, einer Kommunistin, die vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen war und dort im Zuge der stalinistischen Säuberungen im Gulag landete, wovon er, der Enkel, nie etwas erfahren sollte. Nun erzählt er ausführlich darüber in seinem Tatsachenroman „Metropol“.

Vor einigen Jahren hat der Thüringer Autor und Journalist Sergej Lochthofen einen Roman mit dem Titel „Schwarzes Eis“ über den Leidensweg seines Vaters, des deutschen Kommunisten Lorenz Locht­hofen, veröffentlicht, der in der UdSSR Arbeitslager und Verbannung überlebte und 1956 mit Frau und zwei Söhnen in die DDR ausreisen durfte.

Und gerade läuft in unseren Kinos Bernd Böhlichs Spielfilm „Und der Zukunft zugewandt“, der das erschütternde Schicksal einer aus der Lagerhölle von Workuta in die DDR „heimgeholten“ Kommunistin erzählt. Alexandra Maria Lara spielt eindrucksvoll die Rolle der zu lebenslangem Schweigen Verurteilten, die an ihrem Schicksal zerbricht und dennoch an ihrer kommunistischen Überzeugung festhält.

Der Film, der laut Regisseur von den Erzählungen der ebenfalls mitwirkenden Schauspielerin Swetlana Schönfeld inspiriert wurde, erinnert mich an das Schicksal der im Januar 1989 in Leipzig verstorbenen Germanistin Trude Richter. 1966 hatte sie damit begonnen, ihre Erlebnisse im sowjetischen Arbeitslager von Kolyma (1938–1946) und während der Verbannung in Ust-Omtschug (1949–1953) aufzuschreiben. Heimlich, denn auch ihr hatte die DDR-Führung einen Maulkorb und Publikationsverbot verpasst.

Natürlich hätte das Manuskript jederzeit im Westen veröffentlicht werden können, doch das kam für die – immer noch überzeugte – Kommunistin nicht infrage. Trude Richter starb wenige Monate vor dem Mauerfall und verpasste somit das Erscheinen ihres Buches „Totgesagt“, das 1990 noch in den letzten Tagen DDR erschien.

Ich habe es mit tiefer Erschütterung gelesen. Sie gibt darin an, die Niederschrift ihrer Erinnerungen im September 1964 in Jalta beendet zu haben. Unglaublich: Das Manuskript hat 26 Jahre unter Verschluss gelegen, und nur wenige haben davon gewusst! Wie kann man jemanden, der 19 Jahre Lagerhaft und Verbannung überstanden hat, auch noch zwingen, im Interesse der „guten Sache“ darüber den Mantel des Schweigens zu breiten? Und wie kann es sein, dass ich, der ich Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“ und Peter Weiss’ „Die Ermittlung“ gelesen hatte, nichts davon wusste? Diese Frage quält mich bis heute.

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