Kunstpause: Der Denkraum als Verschlusssache

Michael Helbing kennt jetzt den fiesesten ort im Bauhaus-Museum. Andere auch.

Michael Helbing.

Michael Helbing.

Foto: Andreas Wetzel

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Wer eine Klause betritt, der will womöglich in Klausur gehen, um sich unter Umständen seiner Klaustrophobie stellen.

Diesen Dreiklang unterschiedlicher Bedeutung von Worten bei gleicher Herkunft haben sie in Weimar jüngst geradezu kongenial in Architektur gegossen. Das fiel mehr erst jetzt auf, nachdem die Türen – drei an der Zahl – ins jeweilige Schloss fielen: drei Monate, nachdem das Bauhaus-Museum eröffnet worden ist, für das es wiederum vor einem Monat gleich mal den Architekturpreis der Architektenkammer Thüringen gab.

Unter anderem, so durften wir lesen, hatte die Jury „die sich nach innen überraschend öffnende Raumabfolge des nach außen geschlossen wirkenden Kubus“ gewürdigt. Sie hätten auch schreiben können, in Umkehrung der üblichen Redeweise: Außen pfui, innen hui.

Nun, das ist gewiss eine Frage des Standpunktes. Und spätestens, wenn man durch die Tür mit der Aufschrift „Lectures“ im ersten Obergeschoss tritt, kehrt sich’s wieder sehr schnell zurück. Dann erlebt man innen einen sich nach außen überraschend abschließenden Raum. Man befindet sich unter Verschluss, eben in einem: Claustrum.

Als dort jüngst der Sozialpsychologe Harald Welzer eintrat, sprach er umgehend aus, was ich soeben gedacht hatte: „Oh! Das ist ja ein fieser Raum!“ Um nach einem Moment der Sammlung hinzuzufügen: „Das ist wirklich böse!“

Dorthin eingeladen hatte, ohne wirklich zu wissen wohin, der Leiter des Kollegs Friedrich Nietzsche. Immerhin, es ging ja um realistische Gesellschaftsutopien. Da konnte man beim Bauhaus gewiss nicht falsch sein, mag er gedacht haben, um sich dann aber in einer realen, in grauen Sichtbeton gegossenen Dystopie wiederzufinden. Das ist „ein scheußlicher Raum“, fand also auch Helmut Heit, „für den ich mich entschuldige!“

Dabei, er kann ja wenig dafür. Es gehört offenbar zum Raumkonzept der Klassik-Stiftung, dass sie „Lectures“ in einer besseren Abstellkammer abhalten lässt. Kein Fenster, nirgends. Dafür drei Stahltüren; von gleich zweien geht die „Werkstatt“ mit Panoramafenster (!) ab.

Im Vortragsraum hingegen herrscht mentale Finsternis, trotz, oder vielmehr wegen des Energiesparkunstlichtterrors.

Spätestens hier also manifestiert sich, was einige Architekturkritiker (die man an der Auswahl für den Thüringer Architekturpreis geflissentlich nicht beteiligt) dem gesamten Gebäude attestierten: nichts anderes als ein Bunker zu sein.

Das Museum ist, sagt jene Jury, „ein Ort für Auseinandersetzung, Diskussion und sinnliche Erfahrung.“ Dieser Raum steht dazu in Fundamentalopposition.

So ein sinnlicher Ort des Denkens ist vielmehr der hohe lichte Bücherkubus der Amalia-Bibliothek, in dem Welzer zuvor auftrat. Vergleichsweise trifft das meinetwegen auch aufs Souterrain des Bauhaus-Museums zu, das auf die Caféterrasse des Hauses führt. Das sind Licht und Weite. Wenigstens das. In jenem Raum jedoch bekämen selbst Besen und Schrubber erhebliche Zustände. Dabei fragen sie im und mit dem Museum ja auch, wie wir künftig leben wollen. Nun, so jedenfalls wollte ich nicht mal sterben.

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