#langenichtgehört: Ungekünstelte Standards

Christian Werner über das Album „After the Gold Rush“.

Christian Werner

Christian Werner

Foto: Andreas Wetzel / TA

Heute ist es kaum vorstellbar, aber für Neil Young war „After the Gold Rush“ nicht das berühmte schwierige zweite, dafür das zuerst geschmähte dritte Album. Die Kritiken waren zur Veröffentlichung im Jahr 1970 nicht unbedingt schmeichelhaft, die Musikzeitschrift Rolling Stone etwa attestierte eine „gleichmäßige stumpfe Oberfläche“.

Heute ist das Album ein Klassiker; vom Cover bis zu den Liedern gehört es zum Kanon der populären Musik. Die Songs klingen wie eine Aneinanderreihung von Standards, eigentlich sogar Hits, obwohl die wenigsten als Single ausgekoppelt wurden: „Only Love can break your Heart“, „Southern Man“, „Don’t let it bring you down“, „When you dance you can really love“ oder „I believe in you“.

Und der Titelsong, die zwischen Fieberwahn und Zukunftsvision schillernde Pianohymne, deren allgemeingültige und unübertroffene Version sich erst auf dem Konzertalbum „Live Rust“ neun Jahre später manifestiert.

Es läuft eigentlich gut für Neil Young Ende der Sechzigerjahre: Die Erfolge mit Buffalo Springfield legen den Grundstein für seine Solo-Karriere, mit Crazy Horse findet er ein Vehikel für die rockigeren Songs, und mit der Superstar-Combo Crosby, Stills, Nash and Young spielt er in Woodstock. Deren erfolgreiches Album „Deja vu“ erscheint im März 1970.

Young will den Lauf nutzen und verpflichtet Musiker dieser Projekte für seine nächste Solo-Platte. Für die Aufnahmen wählt er kein Hightech-Studio, sondern den Keller seines Hauses im Topanga Canyon in Kalifornien. Mit dabei ist ein Jungspund, den Young protegiert: Nils Lofgren. Es ist dessen Ticket für eine eigene Karriere, auch in Springsteens E-Street-Band. Doch erst der Schock: Für Young soll das 18-jährige Gitarrentalent Piano spielen.

Die Songs, die bei den Sessions entstehen, sind alles andere als dilettantisch. Der Sound ist roh und ungekünstelt, ein Gegensatz zum Feinklang von „Deja vu“ und der größte Angriffspunkt der Kritiker. Die Lieder sind weniger stark in den Genres verhaftet, die sie belehnen. Sie sind weniger dem Country zugewandt, als es die Songs auf dem Nachfolger „Harvest“ sein werden. Die Rockstücke grooven, sind aber nicht mehr ganz so ausufernd wie auf den Vorgängeralben. Jeder Song hat auch ohne das Umfeld der Platte eine Existenzberechtigung. All das macht ihren Reiz aus.

Zum fünfzigsten Jubiläum gibt es das Album neu gemastert mit dem Outtake „Wonderin‘“ in zwei Versionen und einer angepassten Cover-Optik. Im März soll eine Vinyl-Box folgen, mit Litho-Druck und einer 7‘‘-Single.