Eltern in Thüringen berichten über Erfahrungen mit Homeschooling

Erfurt.  Beruf und Haushalt meistern und dabei Kinder unterrichten: Eltern und Lehrer schildern Erfahrungen mit Schule zuhause.

Der elfjährige Gymnasiast Julius löst in seinem Kinderzimmer  Aufgaben, die ihm seine Lehrer für jeden Tag über den Schulserver geschickt haben.

Der elfjährige Gymnasiast Julius löst in seinem Kinderzimmer Aufgaben, die ihm seine Lehrer für jeden Tag über den Schulserver geschickt haben.

Foto: Ulrich Perrey / dpa

Für die meisten Eltern und Lehrer ist es Neuland: Corona-bedingt bleiben viele Schüler zuhause, Unterricht findet im Wohn- oder Kinderzimmer statt. Laut einer Studie der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) sitzen bis zu 85 Prozent der Heranwachsenden länger vor Computer-Bildschirmen. Auch Online-Lernplattformen werden deutlich häufiger genutzt als sonst. „Die Betreuung des Lernalltags zu Hause kann für alle Beteiligten nervenaufreibend sein“, sagt Psychologin Franziska Klemm. Mails der Lehrer an ihre Schüler mit immer neuen Lerninhalten für Mathe, Bio oder Deutsch würden nicht von allen problemlos bewältigt. Wie Eltern und Lehrer mit der unfreiwilligen Rolle zurechtkommen, haben unsere Reporter erfragt. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Schule in der zweiten Schicht
Rippersroda (Ilm-Kreis). Jessica Langbein ist Mutter, Ehe-und Hausfrau, zahnmedizinische Fachangestellte und nun auch Lehrerin. Und natürlich versucht sie, alles perfekt zu meistern. Zur Patchwork-Familie gehören drei Jungen, Oma und Tante. Die Brüder Janik und Eric, 13 und 12 Jahre, sitzen über den Schulaufgaben, Mateo ist fünf und Kindergartenkind. Nach der Arbeit beginnt für Jessica und Vater Rene, von Beruf Schlosser, die zweite Schicht. Für die Hausaufgaben brauchen die Jungs hin und wieder Druck und Motivation. „Es ist nicht einfach“, geben die Langbeins zu. Die Belastung durch Arbeit, Schule und Haushalt sei hoch.

Unterrichts-App vorher getestet
Dingelstädt (Eichsfeld). Im St.-Josef-Gymnasium arbeitet man seit vier Jahren in den Klassenstufen neun bis zwölf mit Tablets. Mit Hilfe einer App kann Schulleiter Peter Krippendorf, der Mathematik unterrichtet, Arbeitsblätter, Aufgaben und Hinweise an seine Schüler verteilen. Sie bearbeiten diese, via App kann der Lehrer Korrektur senden und wie in einem Chat Fragen beantworten. Auch sieht er genau, wer seine Aufgaben bereits gemacht hat – und wer nicht. „Es funktioniert aber nur deshalb so gut, weil wir es vorher auch schon genutzt haben“, so Peter Krippendorf.

Technik von Nichts bis Super
Erfurt. So viele Schulklassen es in Erfurt gibt, so unterschiedlich falle die Übermittlung von Aufgaben aus, sagt Kreiselternsprecher Armin Däuwel. Das sorge für Unzufriedenheit unter Eltern, wie eine Umfrage der Elternvertretung ergab. „An manchen Schulen wurden Mitte März Aufgaben übermittelt, dann hörten Schüler und Eltern nichts mehr von ihren Lehrern“, so Däuwel. Andere seien kreativ mit technischen Möglichkeiten umgegangen, hätten Chats und Videokonferenzen für Feedbacks genutzt. Bei der Technik reiche die Bandbreite von gar nicht bis super. Vom Distanz-Unterricht per Mail mit vielen Dateiformaten sind viele nun auf Lernplattformen gewechselt. Das sei aber keine Einbahnstraße. „Eltern haben auch eine Holpflicht“, so Däuwel. Das könne per Smartphone geschehen oder aber bei Bedarf über Leihgeräte.

Eltern bitten um weniger Daten
Nordhausen. Am Humboldt-Gymnasium gibt sich Vize-Schulleiter Volker Vogt keinen Illusionen hin: „Seitenweise Aufgaben, auf Papier im Postkasten oder als Dateien per Internet, dazu ein paar Links auf Online-Lernportale -- das ist eine Beschäftigung mit einem Thema, kein Unterricht.“ Der direkte Kontakt und die Möglichkeit, Leistungen zu bewerten, fehle. „Eine Geschichtslehrerin kann doch nicht mit dem Thema Machtergreifung der Nationalsozialisten beginnen, indem sie Seiten zum Lesen austeilt. Da ist die Wertung des Lehrers wichtig“, sagt auch Carola Böck, Regelschulleiterin in Ellrich. Von der Online-Unterrichtsstunde ist der Südharz weit entfernt. „Wir bräuchten einen videofähigen Raum mit Internetanschluss und Videokamera, den wir nicht haben“, sagt Vogt. Oft bitten Eltern um geringere Datenmengen, weil die Übertragungsrate so gering ist, dass das Runterladen einer PDF zwei bis drei Stunden dauert.


Motivation schwer durchzuhalten
Apolda-Oberroßla (Weimarer Land).
Die Tochter von Franziska Fritzsche-Parpart (39) geht in die 5. Klasse eines Gymnasiums, bis zu den Sommerferien hat sie nur sechs Präsenztage, sonst ist sie zu Hause. Der Sohn ist Zweitklässler und darf nur zwei Tage in der Woche von 8 bis 12 Uhr in die Schule. Technisch ist der Haushalt auf Homeschooling vorbereitet, die Kommunikation mit den Lehrern funktioniere im Bedarfsfall. Die Doppel- und Dreifachbelastung der Eltern aber fordert die Familie. „Wir müssen uns oft erst selbst wieder in den Lehrstoff einarbeiten, um die Fragen der Kinder beantworten zu können. Das kostet Zeit, oft liegt eine Vielzahl von Aufgaben per Email vor. Systematisches Lernen, Motivation und Kontrolle sind so nicht einfach durchzuhalten“, sagt die Mutter.

Unterricht mit Schule und Cloud
Gera. Trotz Rückkehr zum Präsenzunterricht will das Gymnasium Rutheneum auf Austausch und Lernen mittels schuleigener Cloud künftig nicht verzichten. Der Schulförderverein hat sich dafür eingesetzt, dass die Technik für die nächsten drei Jahre gesichert ist. In den letzten Wochen hat sich die Cloud vielfach bewährt. „Sie hat uns Lehrern in dieser Krise ein Besteck in die Hand gegeben und das vom ersten Tag an und sie wird auch in Zukunft, erst recht unter guten digitalen Bedingungen im Campus, ihren Platz im Lernprozess und bei der Schulorganisation haben“, so Schulleiterin Silva Wallstabe.

Eltern arbeiten abwechselnd
Weimar. Bei Familie Siegesmund sind sie fünf: Die beiden älteren Kinder gehen in eine Grundschule (4. bzw. 3. Klasse), das jüngste Kind in eine Kita. Die Mutter arbeitet im Klinikum, der Vater bei der Stadt. Aufgabenübermittlung und Kommunikation durch die Lehrer klappe gut. Sein Respekt vor den Pädagogen, die es schaffen, zeitgleich auf die Bedürfnisse vieler Kinder einzugehen, sei gewachsen. „Übermittelte Arbeitsblätter im PDF-Format drucken wir aus, so dass die Kinder damit arbeiten können. Lern-App-Aufgaben erledigen sie an unserem Laptop, ebenso Aufgaben wie ,Recherchiere im Internet’ oder ,Schreibe eine E-Mail’“, sagt Vater Michael. Anfangs war er freigestellt, dann nahm er Urlaub. Seitdem geht er arbeiten, wenn seine Frau vom Dienst heimkommt. „Mit drei Kindern ist das recht anspruchsvoll, deshalb bin ich meinem Arbeitgeber dankbar, dass Homeoffice-Regelung und flexible Arbeitszeiten möglich sind“, sagt Siegesmund.


Videokonferenz mit 110 Schülern
Schlossvippach (Landkreis Sömmerda). In Sachen Digitalisierung wäre Yvonne Stecklum, Schulleiterin der Schloßvippacher Regelschule, gern schon weiter. „Der fehlende Ausbau fällt uns jetzt auf die Füße. Die Schüler haben unterschiedliche Voraussetzungen. Bei der Übermittlung der Aufgaben bekommen wir das zu spüren.“ Froh ist sie, dass während der Schließzeit Aufgaben nun über die Homepage der Schule abgerufen werden können.“ Gern würde die Schulleiterin die Lerncloud des Thillm nutzen. Allerdings sei dies mit viel Bürokratie verbunden. Ihren Schülern bot sie eine Videokonferenz an. Dass es gelang, 110 Schüler gleichzeitig in die Leitung zu holen, sei ein guter Anfang.