40 Jahre nach Diebstahl: Die Heimkehr der Gothaer Bilder

Gotha/Berlin.  Die Kunstwerke galten nach dem Diebstahl 1979 als verschollen. Nun, nach 40 Jahren, nahm der spektakulärste Kunstdiebstahl der DDR ein glückliches Ende.

Die beim Gothaer Kunstraub gestohlenen Gemälde wurden erstmals seit 40 Jahren der Öffentlichkeit gezeigt. Selbstbildnis mit Sonnenblume nach Anthonis van Dyck.

Die beim Gothaer Kunstraub gestohlenen Gemälde wurden erstmals seit 40 Jahren der Öffentlichkeit gezeigt. Selbstbildnis mit Sonnenblume nach Anthonis van Dyck.

Foto: Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz

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40 Jahre nach dem Gothaer Kunstraub hat der Fall ein glückliches Ende: Am Freitagvormittag sind die fünf, in der Nacht zum 14. Dezember 1979 aus Schloss Friedenstein gestohlenen Altmeister-Gemälde in Berlin öffentlich vorgestellt worden. Noch am selben Tag kehrten sie in die westthüringische Kulturstadt heim und werden dort ab Montag, 14 Uhr, eine Woche lang im Herzoglichen Museum gezeigt.

Die Bilder sind beschädigt, befinden sich aber laut Experteneinschätzung in relativ gutem Zustand. Ein „Lösegeld“ oder „Finderlohn“ wurde nicht gezahlt. Der Krimi um die Rückgabe der Bilder könnte noch ein juristisches Nachspiel zeitigen; die Berliner Kripo ermittelt.

Gemälde seien schlecht gerahmt und nicht gepflegt worden

Blass und übernächtigt, aber strahlend vor Glück spielte Timo Trümper, der zuständige Kurator, beim offiziellen Termin im Magnus-Haus zu Berlin nur eine Nebenrolle. Für seine Gefühle findet er kaum Worte, spricht von einem „bewegenden Moment“ im ersten Anblick der Bilder. Über die Diebe und zumal den damaligen Käufer urteilt Trümper jedoch scharf: „Ich glaube, das waren Leute, die gar nicht wussten, was sie da hatten.“ Die Gemälde seien schlecht gerahmt und nicht gepflegt worden. Auf dem Landschaftsbild von Jan Brueghel finden sich sogar Farbspritzer, als hätte man sie während einer Küchenrenovierung nicht von der Wand abgenommen.

Nach der einwöchigen Sonderausstellung in Gotha kommen die 400 Jahre alten Bilder zunächst zum Restaurator. Ab Mai nächsten Jahres widmet die Friedenstein-Stiftung ihnen eine größere, längere Schau.

Die Wunde kann nun endlich heilen

Mit alldem ist Trümper höchst zufrieden. Der promovierte

Kunsthistoriker weiß aber nur zu gut von dem kollektiven Trauma, das der Kunstraub vor 40 Jahren verursachte: „Nicht ein Museum ist damals bestohlen worden, sondern die ganze Stadt.“ Diese Wunde kann nun endlich heilen, auch wenn die Zeitspanne zwischen dem 14. Dezember 1919 und dem 30. September 2018 weitgehend im Dunkeln bleibt, wie Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) bemerkte.

Kreuch ist unstrittig der Held im Rückgabe-Krimi. Alle unmittelbar Beteiligten lobten seine Hartnäckigkeit und diplomatische Meisterleistung. Ihm wurden im Sommer die Gemälde, die unbekannte Täter in der ominösen Sturmnacht des 13. Dezember 1979 nach einem Einbruch auf Friedenstein stahlen, im Sommer 2018 durch einen Gewährsmann zum Kauf angeboten. Die Geschichte, die man ihm auftischte, sei ihm recht nebulös erschienen, erinnert sich Kreuch heute.

Aber als der fremde Anwalt, der sich als Vertreter einer Erbengemeinschaft herausstellte, ihm Farbfotos zeigte, war er schier elektrisiert: Bis dato kannte alle Welt nur die einzig überlieferten Schwarz-weiß-Fotografien aus dem Verlustkatalog.

Erben des Käufers verlangten einen Millionenbetrag

Kreuch bezog Martin Hoernes, den Generalsekretär der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung, sowie später auch die Berliner Rechtsanwältin Friederike Gräfin von Brühl ein. Die Erben des Käufers verlangten einen Millionenbetrag. Ein monatelanges, stilles Tauziehen begann. Kategorisch verlangte Kreuch, dass die Bilder von unabhängigen Experten auf ihre Echtheit überprüft werden müssten.

Am 30. September vorigen Jahres war es soweit: Kreuch wird seinen Lebtag den „Gänsehautmoment“ nicht vergessen, als er von einem Fenster im Obergeschoss des Berliner Rathgeninstituts beobachten konnte, wie ein unauffälliger Kleintransporter in den Innenhof einbog und dann fünf Pakete ausgeladen wurden. Das war der Clou, denn damit waren die Gemälde, deren Versicherungswert auf rund vier Millionen Euro taxiert wird, wieder im Zugriff der öffentlichen Hände.

Kripo Berlin ermittelt wegen des Verdachts einer Erpressung

Der Kunstraub – juristisch wohl „nur“ ein Einbruchdiebstahl – ist 2009 verjährt, obschon die Bilder das Eigentum der Stadt Gotha nie verlassen haben. Trotzdem wäre es wohl sehr schwer geworden, ihre Herausgabe einzuklagen, wie Friederike von Brühl weiß. „Oberbürgermeister Kreuch hat mit Leuten verhandelt, die Forderungen gestellt haben, die sie zivilrechtlich nicht hätten stellen dürfen“, befindet die Juristin. Deshalb kommt auch keine öffentliche Würdigung ehrlicher „Finder“ in Frage.

Zwar ist nicht ein Cent an die Erben des einstigen Käufers geflossen, und Martin Hoernes beziffert den Aufwand für Transport- und Logistikkosten auf 30.000 bis 50.000 Euro. Aber die Kripo Berlin ermittelt nun wegen des Verdachts einer Erpressung, wie Hauptkommissar Réne Allonge unserer Zeitung sagte. Die damaligen Diebe und den Käufer ihres Raubguts kann man nicht indessen mehr belangen.

Gemälde sind authentisch

Im Rathgeninstitut, Deutschlands ältestem und renommiertestem Museumslabor, sind die fünf Gemälde auf Herz und Nieren durchleuchtet worden. Wie dessen Leiter Stefan Simon erklärte, identifizierten seine Experten anhand der Krakelees – haarfeine Risse in der Farbschicht – sowie anderer eindeutiger Merkmale die Gemälde als authentisch. Die Brueghelsche Landschaft etwa trägt einen vor langer Zeit retuschierten Riss, bei Frans Hals’ „Brustbild eines unbekannten Herrn“ ließ sich eine ehemalige Objektnummer kenntlich machen, und Holbeins „Heilige Katharina“ wies noch Spuren auf, die auf ihren Abtransport nach Kriegsende als Beutekunst in die Sowjetunion und die Rückgabe 1958 hinweisen.

Für Gotha „das wichtigste Ereignis seit der Wiedervereinigung“

Alle Bilder haben laut Simon „zahlreiche Verletzungen der Malschicht“ erlitten und stehen nun vor einer aufwendigen Restaurierung. Friedenstein-Direktor Tobias Pfeifer-Helke will sie deshalb zunächst nur eine Woche lang im Herzoglichen Museum zeigen. Für Gotha sei ihre Rückkehr „das wichtigste Ereignis seit der Wiedervereinigung“. Deshalb habe man sich entschlossen, dass Besucher, die ab Montag, 14 Uhr, die Bilder anschauen möchten, eine „Schlosskarte“ für 10 Euro lösen müssen. Der übliche Eintrittspreis allein fürs Herzogliche liegt bei 5 Euro. Das werden die Gothaer verschmerzen.

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