An den 10. Januar 1991 werden sich alle, die damals dabei waren, immer wieder erinnern. Thüringer Lehrerinnen und Lehrer verließen ihre Schulen und machten sich auf den Weg nach Erfurt. Zehntausend sollen es gewesen sein, die an diesem Tag nach dringenden Antworten für die Thüringer Bildungspolitik gesucht haben. Denn zu diesem Zeitpunkt war noch nichts geklärt: Wie soll es weitergehen in den Thüringer Schulen? Welches Schulsystem soll es geben? Welche Lehrerinnen und Lehrer dürfen überhaupt noch unterrichten? Welche müssen ausscheiden, weil sie als zu systemnah gelten? „Wir sind nicht Lehrer zweiter Klasse“ ist auf den Plakaten ebenso zu lesen wie „Ossi-Lehrer – Gastarbeiter im eigenen Land?“ Die TLZ berichtete ausführlich über die Proteste und die scheinbar unlösbare Aufgabe für die damalige Kultusministerin Christine Lieberknecht.

Lehrerproteste führen 1991 zu neuem Schulsystem in Thüringen

Sie packt das ganze Thema beherzt an. Die Berater aus dem Westen, die im Kultusministerium Einzug gehalten haben, empfehlen die Kopie der Ländersysteme aus Bayern, Rheinland-Pfalz und Hessen. Also ein dreigliedriges Schulsystem. Genau das sah der erste Referentenentwurf für ein Thüringer Schulgesetz aus dem Ministerium Lieberknecht auch vor. Aber der massive Protest der Thüringer Lehrerschaft führte zu einem Umdenken und es wird ein Schulsystem entworfen, das in den Grundzügen noch heute gilt: Grundschule, Regelschule, Gymnasium. Für viele ist der 10. Januar 1991 und der geballte Protest der Lehrerinnen und Lehrer die Geburtsstunde dieses Systems gewesen.

Eines der schwierigsten Probleme in der Thüringer Bildungspolitik, das auch noch viele Jahre nachwirken wird, ist der sich abzeichnende Lehrerüberhang: der Geburtenknick nach der Wende wirkt sich schon in den 1990er Jahren sowohl an den Kindergärten wie auch an den Schulen aus. Die Gewerkschaften GEW und der Thüringer Lehrerverband ringen in langen Sitzungen mit der Landesregierung um eine für beide Seiten akzeptable Lösung.

Floating-Modell: Thüringen verteilt Lehrerstunden solidarisch

Jürgen Röhreich war seinerzeit für die GEW entscheidend an den Überlegungen beteiligt und für die TLZ auch in den vielen Jahren danach, in denen er die GEW leitete, immer ein kompetenter Gesprächspartner, ebenso wie auch der langjährige Vorsitzende des Thüringer Lehrerverbandes, Rolf Busch. Auf Lieberknecht folgt Dieter Althaus als Minister und in den Gesprächen wird die Idee des Floating-Modells geboren, also die Anpassung der Arbeitszeit der Lehrkräfte an die sinkenden Schülerzahlen. Kern war eine befristete oder aber auch dauerhafte Absenkung der Arbeitszeit. Um Stellenabbau zu vermeiden, wurden die reduzierten Stunden solidarisch auf die Lehrkräfte verteilt. Thüringen wird mit diesem Modell zu einem Vorreiter im Osten. Der Vorteil: Man kommt weitgehend ohne Kündigungen von Lehrpersonal aus. Der Nachteil: Es kam immer wieder zu Debatten über eine „Zwei-Klassen-Lehrerschaft“, nämlich denen, die im Floating-Modell waren und jenen, die Vollzeit arbeiteten.

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Jürgen Röhreich sagte viele Jahre später in einem TLZ- Interview zurückblickend zu dem Modell: „Damals war es notwendig, heute würden wir es so nicht mehr abschließen.“ Denn es gab auch gewerkschaftsinternen Widerstand gegen die Einigung, die erst 2014 – nach immer neuen zwischenzeitlichen Änderungen – auslaufen sollte

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