Auf der Kulturbaustelle: Politisches Podium im Erfurter Presseklub

Erfurt  „Es reicht – nicht!“ ruft die LAG Soziokultur kurz vor der Landtagswahl. Sie lud daher zum politischen Podium in den Erfurter Presseklub.

Als Polier IIcke Bodenski moderierte der Schauspieler Stephan Boden aus Jena die Debatte in Erfurt.

Als Polier IIcke Bodenski moderierte der Schauspieler Stephan Boden aus Jena die Debatte in Erfurt.

Foto: LAG Soziokultur

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Der „Presseklub“ in Erfurt ist am Montag eine Baustelle. Aus dem Musik- und Partyort soll angeblich ein „Coworking Space“ werden, ein Netzwerkort junger Unternehmer. Sagt Icke, der Polier. Der kulturferne Baustellenleiter nimmt auf Bierkästen vier Landtagsabgeordnete zur Kulturpolitik ins Verhör, während Bolle hoch über ihnen an der Elektrik schraubt.

Das ist die Szene: eine Kulturbaustelle pars pro toto, eingerichtet im Auftrag der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur, die Interessen von 77 Vereinen und Initiativen vertritt. Sie fordert „eine zeitgemäße und bedarfsgerechte Förderung der soziokulturellen und freien Szene“. Ihr Motto heißt: „Es reicht – nicht!“

Icke Bodenski ist eine Rolle. Schauspieler Stephan Boden aus Jena nimmt sie ein, flankiert von Steffen Wilhelm aus Erfurt, der auch als Paketbote und Investor szenisch interveniert .

Kulturpolitik als Inszenierung einer Comedy-Show: Das hat formell Charme (und Witz), wird aber inhaltlich zum Problem. Boden nimmt einerseits die Rolle des Ahnungslosen ein, der aber andererseits mit Fach- und Detailkenntnis ausgestattet ist, um die Runde zu moderieren.

Kurze Wege zur Kultur

Boden alias Bodenski rettet sich in Thesen, steiler als die Eiger-Nordwand: Tempel der „Hochkultur“, namentlich Theater und Orchester, kriegen immer mehr Geld, ihre Besucherzahlen aber „gehen stetig bergab“ – was schlicht falsch ist. Sie produzieren ein Überangebot – was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Sie sind nur Statussymbole – was ein Argument von vorvorgestern ist.

Und dann ein Satz wie dieser: „Ich glaube nicht, dass sich die Roswitha aus Lobeda zwingend mit der Philharmonie Jena identifiziert. Sie aber gilt es doch eigentlich zu erreichen!“

An solchen Stellen nimmt die versammelte Politik gleichsam das Motto „Es reicht“ auf: Diana Lehmann (SPD), für den Wahlkreis Suhl zuständig, ist nämlich ein Arbeiterkind aus Jena-Lobeda, dem vielleicht nicht die Philharmonie, wohl aber das Phyletische wie auch das Optische Museum wichtige Orte waren.

Im Übrigen, so Lehmann, stünden Theater oder Museen in der Region für kurze Wege zur Kultur und würden gerade derart Hürden abbauen. Dass sie „identifikationsstiftend“ sind, sekundiert nicht nur Jörg Kellner von der oppositionellen CDU.

Angemessene und auskömmliche Finanzierung

Es ist eine Eins-gegen-Vier-Debatte: die sogenannte Soziokultur gegen Kulturpolitik. Unterschiedliche Ansätze der Parteien treten kaum zutage (die AfD wurde bewusst nicht eingeladen). Keineswegs sei die soziokulturelle Landschaft eine Wüste, so Kellner. Entscheidend seien aber die Signale der Kommunen. „Die Initiative muss von unten kommen!“

Das deckt sich mit Madeleine Henfling (Grüne). Die Ilmenauerin weiß auch als Stadt- und Kreisrätin, wie man sich bei ihr vor Ort „mit Händen und Füßen“ gegen ein soziokulturelles Zentrum wehrt. Steffen Dittes (Linke) weiß aus Weimar, wie zum Beispiel Nationaltheater und Kunstfest niedrigschwellige Beteiligungsformate versuchen. Er steht, wie seine Kollegen, gegen die Moderatorenthese „Was die Hochkultur nicht schafft, das schafft die Soziokultur!“ Dittes fordert von Letzterer „Offenheit gegenüber der Vielfalt von Kultur“. Die Politik gibt sich derweil offen gegenüber den Problemen ihrer Gastgeber – obwohl sich Jörg Kellner wundert, warum die erst so kurz vor der Wahl virulent würden.

Die LAG Soziokultur hat für diese einen Forderungskatalog entworfen: Sofortprogramm „Bau und Investition“, Strukturförderprogramm für ländliche Räume, Neuausrichtung der Personalförderung, stark vereinfachte Antragsverfahren. Dittes überschlägt das kurz und kommt auf zwei Millionen Euro vom Land. Bei einem Haushalt von elf Milliarden sollte das kein Problem sein, findet er. Die Akteure müssten sich an der Verständigung darüber auch beteiligen.

Angemessene und auskömmliche Finanzierung – so ruft die Szene. Rot-Rot-Grün weiß am Ende von fünf Jahren selbst, dass viel zu tun bleibt. Und die Union schlägt diesbezüglich nur sehr sanft auf die Regierung ein.

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