Neue Ausstellung wird vorbereitet: Neustädter und ihre Flucht-Schicksale

Neustadt  Sie sind gleichermaßen verschieden wie ähnlich: die Themen Flucht und Vertreibung heute und vor 70 Jahren. Das Museum für Stadtgeschichte in Neustadt an der Orla widmet sich beiden – und lädt am 24. November zur Eröffnung von gleich drei neuen Ausstellungen ein.

Yvonne Jackel, Leiterin des Museums für Stadtgeschichte in Neustadt, und Stadtrarchivar Daniel Pfletscher bereiten derzeit eine neue Ausstellung zum Thema Flucht und Vertreibung vor, die am 24. November eröffnet wird. Foto: Brit Wollschläger

Yvonne Jackel, Leiterin des Museums für Stadtgeschichte in Neustadt, und Stadtrarchivar Daniel Pfletscher bereiten derzeit eine neue Ausstellung zum Thema Flucht und Vertreibung vor, die am 24. November eröffnet wird. Foto: Brit Wollschläger

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"Angekommen" ist der Titel der Wanderausstellung der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibung" um Heimat und Heimatverlust durch Vertreibungen unterschiedlichster Art, die deutschlandweit gezeigt wird – und eigentlich eher nicht in so kleinen Städten wie Neustadt. Zur Eröffnung spricht Egon Primus, Präsidiumsmitglied im Bund der Vertriebenen, ein Grußwort. Rund 70 Jahre ist es her, dass Deutschland ein Flüchtlingsdrama ungleich größeren Ausmaßes bewerkstelligen musste, als dies heute ist. In der Ausstellung, die im Kanzleramt in Berlin erstmals gezeigt wurde, wird auch der mühsame Neuanfang beschrieben, in dem die Geflüchteten, "Umsiedler", "Neubürger" oder wie sie sonst bezeichnet wurden, oft auf eine abwehrende, gar feindselige Umgebung trafen.

"Heimat verloren – Heimat gefunden?" ist das Thema der ganz spezifischen Neustädter Ausstellung. Hier erfährt man von Schicksalen heutiger oder zeitweiliger Neustädter, die durch Flucht in die Orlastadt kamen.

"Zeitzeugen geben Auskunft darüber, was in Statistiken und Lagerberichten nicht geschrieben steht", erklärt Stadtarchivar Daniel Pfletscher, der sich seit mehr als einem Jahr mit der Vorbereitung dieser Ausstellung befasst. Er war überrascht, als er im Stadtarchiv Dokumente sichtete, wie viele heute bekannte Namen von Neustädter Bürgern und Familien damals auf den Listen der Angekommenen standen.

Bewegende Schicksale und Erlebnisse geschildert

Bei den Gesprächen mit den Zeitzeugen, die sich nach einem Aufruf im Neustädter Amtsblatt gemeldet hatten, habe es viele Momente großer Betroffenheit und Ergriffenheit gegeben, beschreibt Pfletscher. So war die heutige Rentnerin Elsa Rudolph allein schon berührt davon, dass das Thema ihrer Flucht überhaupt in die Öffentlichkeit komme. "Die meisten heutigen Zeitzeugen waren damals Kinder oder Jugendliche und können sich an vieles selbst gut erinnern oder aufgrund der Erzählungen ihrer Eltern oder Geschwister", weiß Pfletscher. Vier der 12 Neustädter Zeitzeugen, die unter anderem aus Ostpreußen, dem Sudetenland und Schlesien kamen, waren auch bereit, sich im Gespräch mit einer Video-Kamera aufnehmen zu lassen. Die Interviews, die von Daniel Pfletscher und Stefanie Zillig geführt wurden, sind ein Teil der Ausstellung, die im roten Kabinett des Museums für Stadtgeschichte derzeit aufgebaut wird. Jeder dieser Zeitzeugen beschreibt sein Flucht-Schicksal auf einer Tafel, man kann sie außerdem in Leseheften in der Ausstellung nachlesen.

Von den über 10 000 Einwohnern, die die Stadt Neustadt ab Mitte der 1940er-Jahre hatte, kamen zwischen 2000 und 3000 als "Vertriebene" aus den besetzten Gebieten, erfährt man dort. Die hiesige Landbevölkerung sei bis 1947 auf über 9000 Bewohner angewachsen, heißt es weiter. Allein anhand der Zahlen könne man sich ausmalen, wie groß die Aufgabe der Integration damals für die Menschen der Region war und welche Schicksale für die Vertriebenen dahinter steckten, meint der Stadtarchivar. Man erfährt, dass die jungen Menschen sich damals hier "nicht erwünscht" und nicht willkommen fühlten, teilweise aufgrund ihrer Herkunft nicht einmal eine Ausbildung finden konnten.

Gezeigt werden auch Flucht-Gegenstände und Erinnerungsstücke – alles Leihgaben von damaligen Vertriebenen –, wie Museumsleiterin Yvonne Jackel betont. Dazu gehören Koffer und Kleidertruhen, die einst per Flucht mit ihren Besitzern nach Neustadt kamen, aber auch Kochgeschirr und viereckige Kochtöpfe. Erinnert wird an die damaligen Lager für die Flüchtlinge in Neustadt, wie zum Beispiel im Saal des damaligen Böttchers Hotels, heute Hotel Stadt Neustadt. Im Stadtarchiv gab es umfangreiche Quellen und Dokumente zu dieser Zeit, berichtet Daniel Pfletscher.

Ausstellungen sind vier Monate zu sehen

Schließlich gelingt der Drei-Fach-Ausstellung im Museum für Stadtgeschichte eine Brücke zum Thema Flucht und Flüchtlingsproblematik in der heutigen Zeit.Der dritte Teil der Ausstellung ist nämlich eine Präsentation des Neustädter Vereins InterPäd, der Flüchtlinge unterstützt, die insbesondere im Verlauf des letzten Jahres aufgrund von Krieg in ihren Heimatländern wie Syrien und Afghanistan nach Europa, nach Deutschland, in den Saale-Orla-Kreis gekommen sind. Der Verein zeigt Erinnerungen und Bilder heutiger Flüchtlinge.

Die drei Ausstellungen sind vier Monate lang – bis zum 24. März – im Säulensaal des Museums sowie in Kabinett-Räumen zu sehen.

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