Interview

Björn Casapietra: Zwiespältig in Feier-Stimmung

Gotha.  Der Sänger gastiert viermal in Thüringen und singt nicht nur Weihnachtslieder. Er hat auch politisch etwas zu sagen.

Mit einem niveauvollen Liederabend weckt Björn Casapietra Vorweihnachtsfreude.

Mit einem niveauvollen Liederabend weckt Björn Casapietra Vorweihnachtsfreude.

Foto: Uwe Arens

Mit zwei Programmen in vier Konzerten tritt Björn Casapietra binnen der nächsten acht Wochen in Thüringen auf. Der Tenor, TV-Schauspieler und Moderator, als Sohn des Dirigenten Herbert Kegel und der Sopranistin Celestina Casapietra in Genua geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen, gastiert auf „Hallelujah“-Tournee in Gotha und Mühlhausen, um seine Zuhörer auf die Adventszeit einzustimmen; bald darauf kehrt er mit „Christmas Love Songs“ zurück. In beiden Programmen kombiniert der Sänger Volkslieder aus aller Welt mit bekannten Melodien klassischer Komponisten. Wir sprachen mit ihm.

Wie haben Sie die „schönsten Himmelslieder“ ausgewählt?

Ich habe aus den geistlichen und weltlichen Liedern, die mir am besten gefallen, eine Mischung angestellt. Dazu gehört das „Ave Maria“, aber auch Händels „Ombra mai fu“ und „Tochter Zion“, das die Nazis verboten hatten. Außerdem singe ich vertonte Hilferufe von Menschen, die Beistand benötigen, zum Beispiel „Stand by me“ oder „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, die Vertonung eines Bonhoeffer-Gedichts.

Was davon geht Ihnen selbst am meisten zu Herzen?

In dieser Frage empfinde ich seit Kindertagen ziemlich zwiespältig – geprägt von einer sehr katholischen, italienischen Mama und einem sehr kirchenkritischen, sächsischen Vater. Diese Ambivalenz spiegelt sich wohl im Programm wider – und macht mir Freude.

Sie wandern auf dem Grat zwischen den Liedern vieler Völker und der großen Oper. Wie hätten denn Ihre Eltern darüber gedacht?

Ich glaube, dass beide, wenn sie mich heute singen hören könnten, wahnsinnig stolz auf ihren Sohn wären. Mein Vater war sowieso einer, der Grenzen hasste und am liebsten überschritt.

Meistens treten Sie jetzt in Kirchen auf. Doch nicht nur aus akustischen Gründen?

Natürlich kommen mir als lyrischem Tenor die akustischen Verhältnisse entgegen, und wenn ich mich bei der Arbeit wohlfühle, springt dieses Wohlgefühl auch aufs Publikum über. Kirchen sind Orte, an denen die Menschen erquickt und von ihren Nöten erleichtert werden wollen. Sie wollen im Innersten berührt werden, und das gelingt in der Kirche besser als in einem Theater.

Vor 30 Jahren waren Kirchen die Orte der Friedensgebete. Denken Sie daran auch in diesen Tagen?

Nicht als Erstes, ich habe keines erlebt. Aber ich habe 1989 als 19-Jähriger spontan an einer Demo teilgenommen. Ich fuhr mit der S-Bahn vorbei, bin kurz entschlossen ausgestiegen, habe mich dazugesellt und gerufen: „Wir sind das Volk!“ Die DDR war ein stilles Land, und es hat mir gefallen, dass diese stillen Menschen den Mund aufmachen.

Und heute? Feiern Sie mit?

Da bin ich wieder sehr zwiespältig. In Zeiten, da ein Faschist bei Wahlen 24 Prozent der Stimmen erhält, ist mir nicht nach Feiern zumute. Mir kommt es so vor, als sei das Land geteilter als je zuvor. Das macht mir Angst, und es macht mich traurig.

Haben wir Deutschen seit 1989 nicht viel gemeinsam erreicht?

Das ist es doch gerade! Wenn wir bedenken, in welchem Zustand das Land 1945 nach dem Krieg war, und dann kam die friedliche Revolution 1989, können wir doch stolz sein auf das, was wir bis heute erreicht haben. Das Land hat etwas Besseres verdient als diesen Frust.

Sie sagten im Vorgespräch, Sie würden heute von manchen Leuten als Ausländer beschimpft?

Das kommt leider gelegentlich vor, weil ich einen italienischen Namen trage. Dabei bin ich hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, habe mein ganzes Leben in Deutschland gelebt und spreche Italienisch mit Mega-Akzent. Ich lasse mich aber von solchen Leuten nicht ausgrenzen und erzähle meinem Publikum in den Konzerten davon.

Wie reagieren die Leute?

Der Applaus ist gigantisch, wenn ich sage, dass ich in meinem Heimatland keine Angst haben möchte. Natürlich bleiben dann auch ein paar Zuhörer mit verschränkten Armen sitzen. Wenigstens respektieren sie meine Meinung. Wir leben in einem freien Land.

Glauben Sie, dass Musik Brücken bauen und helfen kann, die innere Spaltung zu überwinden?

Ja. Ich bin absolut davon überzeugt. Sie kann es nicht nur, sie hat sogar die Pflicht. Der Songwriter Nick Cave, den ich sehr verehre, hat gesagt: Musik hat die Pflicht, Licht zu machen. Vielleicht läuft die Tournee deshalb so erfolgreich: weil das Programm aus der Dunkelheit und Bedrängnis ins Licht führt.

Was verbinden Sie mit dem zweiten Programm, den „Christmas Love Songs“?

Naja, durchaus auch persönliche Erinnerungen. Als ich Kind war und – vor dem Stimmbruch – eine sehr hohe Kopfstimme hatte, war es zuhause Brauch, dass ich für die Nachbarn singe. Mein Vater am Klavier, ich sang und er spielte. So bin ich ans Singen gekommen, und irgendwie bin ich heute bei diesem Programm immer noch der sechsjährige Bub, der Weihnachtslieder für die Nachbarn singt.

„Hallelujah – Die schönsten Himmelslieder“: Samstag, 16. November, 18 Uhr, Margarethenkirche Gotha; Samstag, 23. November, 17 Uhr, Rathaushalle Mühlhausen; „Christmas Love Songs – Ein romantisches Weihnachtskonzert“: Donnerstag, 2. Januar, Theater Nordhausen; Sonntag, 5. Januar, Klosterkirche Bad Klosterlausnitz

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