Rasante Autofahrt zum Märchenball in Ruolstadt

Rudolstadt.  Ivan Alboresi und die Nordhäuser Ballettcompany präsentieren in Rudolstadt „Cinderella“

Thibaut Lucas Nury als Prinz und Martina Pedrini als Cinderella

Thibaut Lucas Nury als Prinz und Martina Pedrini als Cinderella

Foto: Marco Kneise / Marco Kneise / Thüringer Allgemeine

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Stiefschwestern im Märchen können ganz schön gemein sein. Drisella und Anastasia bilden da keine Ausnahme. Sie nutzen jede Gelegenheit, dem Aschenputtel eins auszuwischen. Während sie in ihren teuren Roben und mit Gucci-Einkaufstaschen beladen über die Bühne stöckeln, müht sich die zarte Kleine mit schweren Koffern ab. Schlürfen die boshaften Grazien ihren Frühstückskaffee, liegt Cinderella in Asche vor dem Kamin. Und natürlich – das Märchen kennt jeder – darf Aschenputtel auch nicht mit auf den Ball, zu dem der Prinz eingeladen hat. Wenn das nicht gemein ist!

Und doch kann man von den zänkischen Schwestern kaum die Augen lassen. Schrill, überdreht, den Rücken immer leicht nach hinten gebogen, spielen Drisella (Hodei Iriarte Kaperotxipi) und Anastasia (Eleonora Peperoni) jede Nuance ihrer Rollen aus. Hat Cinderella (Martina Pedrini) gegen diese Übermacht an Bühnenpräsenz und humoristischem Feuerwerk überhaupt eine Chance?

Samstagabend jedenfalls gab es viel Beifall in Rudolstadt für Ivan Alboresis „Cinderella“ zu Prokofjews Ballettmusik (vom Band) mit der Nordhäuser Company. Fast zwei Stunden lang greift Alboresi ganz tief in seine Ideenkiste und erzählt den beliebten Ballettklassiker auf ungewöhnliche Weise. Gekonnt schlägt er Brücken zwischen poetischen Bildern und komischen Szenen und kann sich dabei auf sein großartiges Ensemble verlassen.

Fantasievolle Choreografienfür die Gruppe

Noch vor der Musik tanzt Cinderella einen einsamen Tanz, weist immer wieder mit weit greifenden Armen auf den Märchentitel im runden Vorhang hin und ist ganz in dieser Einsamkeit gefangen. Dann erzählt Alboresi die Geschichte vor der Geschichte, von der glücklichen Kindheit mit Mutter (Ayako Kikuchi) und Vater (Urko Fernandez Marzana), von Geborgenheit und zärtlicher Zuneigung. Kanonendonner aus der Ferne, vermutlich ein Hinweis auf die Entstehungszeit von Prokofjews Ballettmusik ab Sommer 1941, kündigt das jähe Ende des Familienglücks an. Die Mutter stirbt, der Vater findet eine neue Liebe und das junge Mädchen in Stiefmutter (Camilla Matteucci) und den Schwestern ihre schlimmsten Alpträume.

Der Rest des Märchens ist bekannt. Der Prinz (Thibaut Lucas Nury) soll heiraten, sein Freund (Nils Röhner) verteilt die Einladungen zum Ball, auf dem Aschenputtel ihren Schuh verliert, im Finale finden die Liebenden zueinander.

Stilsicher folgt Ivan Alboresi der melodisch prägnanten, rhythmisch-pointierten Musik Prokofjews und verbindet in seinem Handlungsballett modernes und neoklassisches Bewegungsvokabular miteinander. Vor allem für die Gruppentänze findet er wunderbare, fantasievolle Choreografien. Die verstorbene Mutter ist zugleich Fee, die im Geisterreich über ihre Tochter wacht. Zauberhaft, wie die Tänzerinnen und Tänzer hinter dem transparenten Vorhang quasi als Schattenfiguren ihrer Geisterrolle gerecht werden, zauberhaft auch, wie beim Ball junge Damen (und Herren) in zartblauen Kostümen (Anja Schulz-Hentrich) und mit starren Masken um die Hand des Prinzen gieren. Großartig in Szene gesetzt ist der Männerpart um den Prinzen auf der Suche nach dem richtigen Fuß für den verlorenen Schuh als Diagonale und das Laufen in Zeitlupe gegen alle Widerstände. Da ist nichts beliebig, da wiederholt sich nichts. Freude am Tanz, Können und Ausdrucksstärke reichen sich die Hand. Natürlich sind technische Raffinessen wie das Video (Bühne und Video: Wolfgang Kurima Rauschning) mit der rasanten Autofahrt des zänkischen Dreigespanns auf dem Weg zum Märchenball eine witzige Idee. Und wenn das Fell des überfahrenen Fuchses kurzerhand als Pelz am Hals der Schwiegermutter landet, wird auch das vom Publikum honoriert.

Leider aber haben es Martina Pedrini als Cinderella und Thibaut Lucas Nury als Prinz schwer, gegen dieses komödiantische Übergewicht anzutanzen. Soli und Pas de deux mit anspruchsvollen Hebungen sind zwar sehenswert und technisch versiert ausgeführt, allerdings fehlt ihnen ein bisschen der Zauber, der dieser Liebesgeschichte innewohnt.

Erst in der Ball-Szene und zu Prokofjews Walzer ist dieser Zauber zu spüren. Zumal Ivan Alboresi eine zweite Liebesgeschichte „erfindet“, in der Nils Röhner als Freund des Prinzen (ausdrucksstark) die schöne, urkomische und nun nicht mehr gemeine Eleonora Peperoni als Stiefschwester in die Arme nimmt.

Für die nächsten Vorstellungen am 19. Januar und 28. Januar, jeweils 15 Uhr, und am 31. Januar, 19.30 Uhr, im Stadthaus Rudolstadt gibt es nur noch Restkarten, weitere Vorstellungen im April.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren