Das Mysterium Bruckner

Weimar.  Ein Dokumentarfilm widmet sich im Kino dem Komponisten Josef Anton Bruckner.

Eine wenig bekannte Aufnahme Anton Bruckners (1824-1896) in reiferem Alter.

Eine wenig bekannte Aufnahme Anton Bruckners (1824-1896) in reiferem Alter.

Foto: Arsenal Film-Verleih

7 Uhr Frühstück, 8 Uhr Schulbeginn, Freizeit ab 2 und später am Nachmittag Chorproben: Im Tagesablauf am Stift St. Florian hat sich wenig geändert, seitdem anno 1837 dort der zwölfjährige Josef Anton Bruckner als Singknabe aufgenommen wurde. Nun spürt ein Dokfilm von Reiner E. Moritz den historischen Schauplätzen nach, um dem Mysterium des Komponisten und seiner Musik etwas näher zu rücken. „Anton Bruckner – das verkannte Genie“ kommt kurz nach dem Bundesstart nun auch in Thüringen ins Kino.

Und so beginnt dieses erfreulich qualitätvolle Biopic mit jugendlichen Stimmübungen und Hallenfußball. Franz Farnberger, künstlerischer Leiter der Sängerknaben in heutiger Zeit, berichtet, dass man den schon etwas zu alten Zögling damals auf Drängen der Mutter – als Sopran – immatrikuliert habe; die Familie drohte nach dem frühen Tod des Vaters in Schwierigkeiten zu geraten. Und wie dieser wollte Anton Schulmeister werden.

Kleinteilig erzählt der Film die frühen Jahre als Hilfslehrer in der oberösterreichischen Tiefstprovinz, dann als Domorganist in Linz. Bruckner wurde weder an einem Konservatorium noch einer Hochschule ausgebildet, sondern er profitierte von Privatunterricht, den ihm Gönner aus dem Umfeld gewährten, und betrieb in stiller Besessenheit ein Selbststudium.

Dass er zwangsläufig zu einem Solitär in der Musikgeschichte avancierte, hatte andere Gründe. Deren zwei hebt Filmautor Moritz klar hervor: seine Frömmigkeit in klassisch katholischer Prägung und sein Organistentum, in dem er seine Improvisationslüste virtuos lebte. Dass Bruckner leider keine starke und selbstbewusste Persönlichkeit war, scheint indes nur vom Rande her durch.

Etwa wenn anekdotisch erzählt wird, wie er Wagner besuchte und, nachdem dieser ihn zünftig mit Bayreuther Bier abgefüllt hatte, anderntags nicht mehr wusste, ob er „dem unerreichbaren, weltberühmten und erhabenen Meister der Tonkunst“ seine zweite Sinfonie zu widmen versprochen hatte oder die dritte. Wie devot er Wagner verehrte, verschweigt der Film. Nicht aber, dass der geschmeichelte Musikdramatiker den „Meistersinger“-Finalchor Bruckner zur Uraufführung in Linz überließ.

Jenseits solcher offiziösen Geschichtchen weiß auch Moritz aus dem Privatleben Anton Bruckners nicht viel zu erzählen. Gewiss, da gibt’s auch nicht viel. Die wenigen bekannten amourösen Versuche liefen sämtlich ins Leere, selbst Josephine Lang, eine Fleischerstochter aus Linz, gab ihm einen Korb. So blieb, als Ventil für Liebe und Sinnlichkeit, ihm nichts als der Glaube und die Musik.

Bruckners Sinfonien haben die Hörerschaft von Beginn an polarisiert. Die weiträumig aufgespannte Tektonik und die wuchtigen Crescendo-Entladungen versetzen uns bis heute in Ehrfurcht – wie beim Eintritt in eine gotische Kathedrale. Verstehen kann man dieses Genie nicht. Sondern nur – sofern wir für seine Spiritualität empfänglich sind – subkutan spüren.

Das wird im Film spätestens klar, wenn der Dirigent Kent Nagano beinahe hilflos die verblüffende Simplizität der Siebten analysiert – ihrer Wirkung tut das keinen Abbruch. „In den Klangvorstellungen Bruckners ist der große Innenraum immer mitkomponiert“, sagt seine Biografin Elisabeth Maier. „Bruckner hatte ein sehr von der Orgel inspiriertes Raumempfinden beim Komponieren.“

Neben Nagano werden Martin Haselböck und Valery Gergiev in den musikalischen Zeugenstand berufen. Alle sinfonischen Klangbeispiele liefert Gergiev und wirbt damit en passant für seine frische Gesamtaufnahme mit den Münchner Philharmonikern. Doch keineswegs reicht die Materialfülle im Film aus, um die zitierten Kritiken zu überprüfen. Wie köstlich: „Man muss ihn erst lieben, wenn man ihn loben will“, schrieb damals ein Rezensent über die Fünfte; ein anderer attestierte der Achten „traumverwirrten Katzenjammerstil“.

Bruckner war im Lagerstreit von Neudeutschen (Wagner) und Traditionalisten (Brahms) zwischen die Fronten geraten. Gleichwohl gierte er zeitlebens nach Anerkennung. Erst als man ihn in Wien ehrenpromovierte, mag sich sein von Zweifeln geplagtes Gemüt beruhigt haben. In St. Florian liegt er begraben.

Sa, So, Di, Mi, jeweils 17.30 Uhr im Mon Ami Weimar

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