Der „Kosmos Weimar“ wird geerdet

Weimar.  Die Klassik-Stiftung gibt sich neues Leitbild und will ihr Publikum in der Öffentlichkeit abholen, um es zu Debatten anzuregen.

Der Ilmpark, der zum Unesco-Welterbe zählt, steht im Themenjahr „Mensch und Natur“ 2021 im Fokus. Wo dieses Jahr im Oktober noch Schafe weideten, entstehen Debattenräume und ein Grünes Labor.

Der Ilmpark, der zum Unesco-Welterbe zählt, steht im Themenjahr „Mensch und Natur“ 2021 im Fokus. Wo dieses Jahr im Oktober noch Schafe weideten, entstehen Debattenräume und ein Grünes Labor.

Foto: Christiane Weber

Der Corona-Shutdown macht der Klassik-Stiftung erheblich zu schaffen. Unterdessen nutzt man die Frist, um sich zu orientieren und neu aufzustellen. Präsidentin Ulrike Lorenz präsentierte am Freitag ein neues Leitbild der Stiftung, deren Schwerpunkt sich jetzt stärker auf die Bildungs- und Vermittlungsarbeit ausrichten soll. Somit will man weitaus mehr als zuvor gesellschaftspolitisch wirken, dabei jedoch stets Bezüge zum kulturellen Erbe aus 500 Jahren herstellen.

Wegen der langen Corona-Schließzeiten bilanziert Lorenz bislang 52 Prozent weniger Besucher und somit einen Einnahmen-Ausfall von 826.000 Euro. Den Pandemie-bedingten Mehrbedarf – etwa für Schutzvorkehrungen und Hygienemaßnahmen – bezifferte sie auf 360.000 Euro. Allerdings hätten Bund und Land zugesichert, wirtschaftliche Einbußen auszugleichen. Im rund 250-köpfigen Mitarbeiter-Team der Stiftung habe es einen einzigen Coronafall gegeben; zeitweise waren 45 Prozent der Mannschaft im Homeoffice.

Digitale Offensive

„Wir machen das Beste aus der Situation. Das ist versprochen“, sagte Lorenz in der Videostream-Pressekonferenz. So hat die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek noch geöffnet; die Museen allerdings bleiben, trotz vorbildlichen Hygienekonzepts, vorerst geschlossen. Umso mehr nutze man die Zwischenzeit für einen Schub in der digitalen Transformation der anvertrauten Kulturgüter. Das neue Leitbild unterscheidet sich vom alten nicht wesentlich, verschiebt aber die Akzente. So vollzieht Lorenz einen Perspektivenwechsel vom musealen Sammeln und Bewahren hin zum Vermitteln und Bilden und will damit mehr gesellschaftspolitischen Einfluss nehmen, in öffentliche Diskurse eingreifen und solche anstoßen.

Dazu hat sie organisatorisch neben der Öffentlichkeitsarbeit die beiden Stabsreferate „Kulturelle Bildung“ unter Leitung Folker Metzgers und „Forschung/Kolleg Friedrich Nietzsche“ mit Helmut Heit direkt an ihrem Präsidialamt in Stellung gebracht. Metzgers Aufgabe ist es, der Stiftung einen „Weg zur offenen Institution“ zu ebnen – und dabei selber Neuland zu beschreiten. Museen will er nun wieder – ähnlich wie im 19. Jahrhundert – als öffentliche Begegnungsorte verstanden wissen, wo man miteinander ins Gespräch kommt. „Dort muss man sich wohlfühlen und auch etwas trinken können“, skizzierte er die neue Gastlichkeit. Im Stadtschloss soll es – nach dem Umbau – ein Besucher-Zentrum geben, Schloss Belvedere erhält ein Welcome-Desk.

Parks und Museums-Foyers betrachtet man als öffentliche Treffpunkte. Vor allem der Park an der Ilm mit seinem bereits bunt gemischten Publikum biete die Chance, die Menschen dort, wo sie sind, abzuholen, um sie für die Bildungsschätze der Stiftung – von der Reformation über Aufklärung und Klassik bis hin zur Moderne – zu interessieren, erklärte Metzger. So tritt man beispielsweise im Themenjahr 2021 in einen „Dialog mit der Natur“, um sich nicht allein auf den – in den Parks bereits sichtbaren – Klimawandel zu fokussieren.

Kontroverse Debatten

Helmut Heit setzt neben der Provenienz-Forschung die „Digital Humanities“ – also digitale Geistes- und Kulturwissenschaften – auf seine Agenda und möchte mit einer Reihe von „Weimarer Kontroversen“ Debatten in klassisch analogen Veranstaltungen anschieben; einen Medienpartner hat er dafür allerdings noch nicht gefunden. Statt des zu Zeiten ihres Vorgängers Hellmut Seemann als „Kosmos Weimar“ geprägten Selbstverständnisses spricht Ulrike Lorenz nun von einem „Kulturnetzwerk KSW“. „Ich habe es gerne etwas irdischer und praktischer“, sagte sie. Zumindest signalisiert sie so größere Offenheit und Bürgernähe; mit dem Residenzschloss, dem Bauhaus- und dem Goethe-Nationalmuseum als Knotenpunkten legt sich das Netzwerk unsichtbar über die Stadtgeografie Weimars. „Wenn das, was wir tun, nicht beim Menschen ankommt, könnten wir es auch lassen“, so Lorenz.

www.klassik-stiftung.de