Uraufführung im Theaterhaus Jena: Die Originalkneipe als Bühnenbild

Jena.  Wundervolle Premiere am Theaterhaus Jena. Mit der Uraufführung „Zur Wartburg“ wird die neue Spielzeit eröffnet.

Premiere im Theaterhaus Jena „Zur Wartburg“.  Mit Elisa Ueberschär als "Rolfe".

Premiere im Theaterhaus Jena „Zur Wartburg“.  Mit Elisa Ueberschär als "Rolfe".

Foto: Joachim Dette/Theaterhaus / Joachim Dette

Entweder immer Senf als Zahnpasta oder immer Zahnpasta als Senf? Lieber immer mit der Motorsäge Brot schneiden oder lieber immer mit dem Brotmesser Bäume fällen müssen? Entweder immer Scheißwürste fressen oder immer Bratwürste scheißen?

Es sind unter anderem diese herrlich-sinnfreien Entweder-Oder-Fragen unter den Stammgästen, die am Donnerstagabend zur Premiere von „Zur Wartburg“ im Theaterhaus Jena für die großen Lacher auf und vor der Bühne sorgten. Aber nicht nur die. Zwei Stunden lang lassen die großartigen Schauspieler Pina Bergemann, Henrike Commichau, André Hinderlich, Mona Vojacek Koper, Leon Pfannenmüller und Elisa Ueberschär den Charme der einstigen und mittlerweile geschlossenen Bierkneipe im Jenaer Damenviertel nochmals aufleben.

Bis 2019 hatte sich hier noch ein Stück DDR-Flair gehalten, doch nach einem Betreiber- und damit Richtungswechsel kam das Aus für die legendäre „Wartburg“. Das holländische Theaterkollektiv Wunderbaum um Walter Bart wiederum hat in diesem Kneipen-Ende Potenzial für die Bühne gesehen, sich Dekoration, Inventar und die alten Geschichten gesichert und daraus wieder ein Stück an der Schnittstelle von realem Leben und Fiktion geschaffen. Das Publikum unterdessen ist an Zweier-Tischen platziert und zumindest mit Getränken versorgt. Der Gastraum weitete sich somit bis zu ihnen aus und garantiert zugleich die Umsetzung des Hygienekonzepts. Eine charmante Lösung ist das.

Dreh- und Angelpunkt dieser Inszenierung ist der Wirt Rolfe, überragend gespielt von der Gastschauspielerin Elisa Ueberschär aus Gera. Doch zunächst führt sie in einem Epilog in die Geschichte und Stückentwicklung ein, zeigt die originalen Malimo-Tischdecken, Brigadebuch und Fotoalbum und liefert obendrein knallharte Zahlen: 2850 Bier pro Stuhl sah der Versorgungsplan in den 80ern für die Kneipe vor. In der Wartburg wurde er sogar mit 130 Prozent übererfüllt.

Dabei steht die Wartburg nur stellvertretend für jedes andere Lokal, das als Sammelbecken einsamer Menschen und ihrer Sorgen dient. Es wird geredet, geraucht, gesoffen, gestritten, philosophiert, gekotzt, getanzt und geweint. Das Bierglas dient als Brennglas aller menschlicher Probleme, die Kneipe wird zum Mikrokosmos, die hier Gestrandeten zu einer kleinen Familie. Es sind Typen, die in Jena auf der Bühne stehen. Typen, wie die alte Oma, die Milch abpumpende Mutter, der blinde Schauspieler, der durchgeknallte, hippe Junge und die verlassene Schönheit, die sich überall finden lassen.

Die Jukebox liefert dieMusik zu den Geschichten

Zu ihren Geschichten liefert die Jukebox die passende Musik zwischen „Hyper, Hyper“, „Let’s get loud“ und „Griechischer Wein“. Auch ein Loblied auf die Thüringer Sülze und ein Auszug aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“ werden den Zuschauern noch um die Ohren geschmettert. Das pralle Leben wird also auf zwei kurzweilige Stunden komprimiert. Unter der Regie von Walter Bart gelingt eine großartige Inszenierung fernab jeglicher Ostalgie.

Mona Vojacek Koper wirft in ihrem abschließenden Monolog auch noch ganz tiefgründige Fragen für den Nachhauseweg auf: „Wenn wir finden, dass früher alles so schön war, dann frag ich mich, welche Hoffnung hab ich dann auf eine Zukunft?“

Weitere Vorstellungen: 17., 23. und 24. Oktober sowie am 3., 4., 5., 10.,11.,12., 22., 23., 27., 28. Dezember, um 20 Uhr