Die Schicksale hinter den von der NS geraubten Bildern

Erfurt. Der Leipziger Arthur Goldschmidt war ein erfolgreicher Unternehmer und Sammler alter Bücher. 1933 enteigneten ihn die Nazis, die jüdische Familie geriet in Geldnot.

Auch in der Anna-Amalia-Bibliothek, hier ein Blick in den Rokokosaal, forscht man intensiv zum Thema NS-Raubkunst. Dies ist aufwendig und kostet viel Geld. Foto: Alexander Volkmann

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Arthur Goldschmidt war gezwungen, seine wertvolle Sammlung zu veräußern, darunter auch 2000 Bände von Jahrbüchern aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Geschätzter Wert: 50.000 Reichsmark. Das Weimarer Goethe-Schiller-Archiv griff beherzt zu - für einen Bruchteil des Wertes. Der Besitzer war Jude und hatte kaum eine Wahl.

Ein Beispiel von ungezählten. Die Juristin Leonie Schwarzmeier schildert in ihrem Buch, wie die NS-Machthaber ab 1933 ihre eigenen Gesetze schufen, die Raub und Erpressung von Kunstwerken aus jüdischem Besitz juristisch legitimieren sollten. Und wie sie damit Recht brachen.

Unrecht ist bis heute nicht beseitigt

Über sogenannte Juden-Auktionen zum Beispiel, bei denen "zurückgelassener" Besitz von Finanzämtern mit Hilfe von Auktionshäusern veräußert wurde. Nicht nur Kunsthändlern und Museen, so ihre Argumentation, auch der breiten Öffentlichkeit war erkennbar, dass es sich bei den versteigerten Werken um jüdischen Besitz handelte. Auf Ahnungslosigkeit konnte sich kaum jemand berufen. Und sie erzählt, wie dieses Unrecht nach 1945 weiterging, weil die Gesetzeslage es erlaubte.

Das Buch ist eine Dissertationsarbeit, die das Thema juristisch auslotet bis in seine letzten Verästelungen. Enteignungsvorschriften der Nazis wie auch juristische Begriffe wie "Verjährung" durchdekliniert aus der Perspektive ihres Fachs. Für Kuratoren oder Justiziare in Museen, die sich mit Provenienzforschung zu befassen haben, kann es in der Tat viel Sachkundiges liefern.

Die Dissertation wurde 2013 abgeschlossen. Als die Autorin damit begann,war noch nicht abzusehen, das mit dem Fund der Gurlitt-Sammlung das Thema NS-Raubkunst zu solcher Brisanz gelangen würde.

Darauf haben inzwischen auch Autoren reagiert und zwei Bücher zum Thema in aktualisierter Auflage herausgegeben. "Verlorene Bilder, verlorene Leben" heißt das Buch von Melissa Müller und Monika Tatzkow. "Am Fall Gurlitt", schreiben die Autorinnen, "überrascht nur die Dimension." Sonst sei er beispielhaft für das Unrecht, auf das der Kunsthandel sich einließ. Erst Seite an Seite mit dem NS-Regime und schließlich auch in der aufblühenden Bundesrepublik. Sie sprechen von bewusster Ausblendung der Biografien hinter den Bildern, sobald eines unter Raubkunst-Verdacht geriet.

Ähnlich bitter konstatiert auch der Kölner Journalist Stefan Koldehoff in der überarbeiteten Auflage seines Buches "Die Bilder sind unter uns" den Zustand fast sieben Jahrzehnte nach Ende der NS-Zeit.

Zwar gebe es seit 1998 die "Washingtoner Erklärung", in der sich Museen verpflichten, nach der Herkunft von verdächtigen Bildern zu forschen und die Werke ihren Erben zurückzugeben. Doch das ist eine Absichtserklärung, ohne Verbindlichkeit. Außerdem setzt das eine Provenienzforschung voraus, die viel Geld kostet.

Damit trifft der Autor noch einen wunden Punkt. Solche Forschung ist aufwendig. Viele Spuren haben sich im Nebel der Jahrzehnte verloren, Unterlagen sind verschwunden. Kunstsammlungen wie die in Jena, wo seit Jahresbeginn die Bestände durchgeforstet werden, können das nur stemmen, weil sie eine finanzielle Förderung erhalten. Doch die läuft im Dezember aus. Dabei, darauf verweist auch der Thüringer Museumsverband, braucht eine solche Forschung Kontinuität.

Bei der Klassik Stiftung Weimar führte die Provenienzforschung 2013 zu einer Ausgleichszahlung an den Erben des jüdischen Unternehmers Arthur Goldschmidt. Allein in den Weimarer Kunstsammlungen besteht bei 37.000 Bestandsstücken ein Verdacht auf NS-Raubkunst. Das Thema wird uns weiter beschäftigen - und auch das letzte Buch darüber ist wohl lange nicht geschrieben.

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